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Gedanken zum Reisen

Hier möchte ich ein paar Gedanken zum Reisen zum Besten geben. Ganz persönliche Gedanken. Ohne Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit. Vielleicht dennoch dem einen oder anderen von euch geläufig. Gedanken und Einstellungen wandeln sich mit der Zeit. So findet Ihr hier sicher ein paar - merkliche - Unterschiede zu früheren Fassungen der Seite. Darum nun auch die Zeitangabe bei jedem Artikel.

Plus Warum hast du dich für ein 'Alter auf Achse' entschieden?
Plus Wie hat dein Reisefieber angefangen?
Plus Warum hat es dir die Wüste besonders angetan?
Plus Warum bist du allein unterwegs?
Plus Warum fühlst du dich unter Touristen derart unwohl?
Plus Was ist das Besondere an Langzeitreisen?
 • Definition  • Arbeit kündigen?  • Familie/Kinder?  • Pflege/Betreuung der Eltern?  • Eigene Gesundheit OK?  • Organisatorisches  • Ist 'Reisen' alleine genug?  • Hochs und Tiefs: auch unterwegs!

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Warum hast du dich für ein 'Alter auf Achse' entschieden?

Mexico, Mai 2015

Nun, da gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Dass ich früher schon oft und gern der Heimat den Rücken gekehrt habe, könnt Ihr ja weiter unten nachlesen. Aber die Gewohnheit einfach weiterzuführen, war mir als Begründung nicht ausreichend.

Von der letzten Reise mit dem Sandfloh 2 nach Jordanien ( "Tour der Sackgassen", wie ich sie gerne bezeichne) war ich einigermaßen ernüchtert zurück gekommen. So gar nichts hatte geklappt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das Reisefieber war auskuriert. Obendrein hatte ich einen Zeitpunkt erreicht, in dem ich mich fragen musste, wie es im Leben weitergehen soll. Ob das Erreichte und Erlebte schon alles war? Ob ich bis zum bitteren Ende im Job bleiben soll? Dann so schnell wie möglich in die enge Kiste steigen, wie das geheime Regierungskreise stillschweigend beschlossen hatten? Andere nennen diesen Zeitpunkt wohl Midlife Crisis, bei mir hieß er einfach nur "Nachdenken über die Zukunft".

Da fahren wir lieber nicht entlang ... Die Antwort auf jede der gestellten Fragen war eindeutig. Sie lautete: NEIN!

Klar war, was ich nach der Beendigung des Berufslebens nicht wollte. Was aber wollte ich stattdessen? Von heute auf morgen gab es auf diese Frage natürlich keine Antwort. Obwohl der Grundtenor klar war. Trotzdem wollte ich mir zumindest ein paar Alternativen überlegen und diese abklären. Schließlich möchte ich mir später keine Vorhaltungen machen müssen, eine der wichtigsten Entscheidungen des Lebens vermasselt zu haben! Seit jeher mit einer guten Prise Vorstellungsgabe (andere nennen es Fantasie) ausgestattet, versuchte ich, mir auszumalen, wie (m)ein Leben verlaufen könnte, wenn es nicht mehr von Job und Geldverdienen beherrscht wurde.

Ein wenig Hilfe von außen kann in solch entscheidenden Momenten - eher entscheidenden Jahren - nicht schaden! So führte ich stundenlang Gespräche mit Freunden, mit Job- und Reisekollegen, ja sogar mit einem "Lebensberater". Zumindest letzterer war hoffnunglos überfordert, konnte mir allenfalls ein paar Grundlagen an Hand geben, um "in mich hineinzuhorchen".

Die zentralen Fragen und Antworten, die in den Gesprächen und Selbstverhören immer wieder zum Vorschein kamen, liefen in etwa auf das Folgende hinaus:

Plus 1) Willst Du das, was Du jetzt machst, im Alter weiterführen? Plus Jein! Allenfalls freiberuflich.
Plus 2) Bist du halbwegs gesund? Plus Ja!
Plus 3) Hast Du ausreichend Finanzmittel, um im Alter unabhängig zu sein? Plus Mit viel Sparsamkeit: ja!
Plus 4) Hast du familiäre Verpflichtungen? Pflege der Eltern? Kinder? Plus Nein!
Plus 5) Bist Du in deinem Wohnumfeld glücklich? Plus Eher nein!
Plus 6) Was möchtest du im Alter gerne tun? Plus Das ist genau die Frage!
Plus 7) Hast du Freunde oder Familie, die dir im Alter Halt geben können? Plus Eher nein!
Plus 8) Möchtest Du ehrenamtlich tätig werden? Plus Nein, hab ja nie Zeit!
Plus 9) Was brauchst Du zum täglichen Leben? Plus Abwechslung!

Die dritte Antwort deutete bei genauerer Betrachtung schon etwas in Richtung 'Leben im Ausland'. In den Ländern, in denen ich mir einen Lebensabend vorstellen konnte, sind die Lebenshaltungskosten merklich billiger als in Mitteleuropa! Antwort Nummer fünf wies sehr überzeugend auf einen fahrbaren Untersatz hin, der vielleicht nicht jeden Tag, aber zumindest jeden Monat an einem anderen Fleck stehen kann und nicht immer die gleiche Aussicht bietet. Auch Fluchtmöglichkeiten vor unliebsamen Nachbarn (gleich, welcher Art) ließen einen fahrbaren Untersatz wünschenswert erscheinen. Frage sechs zeigte erschreckend wenige Alternativen zu dem auf, was ich gelernt hatte - und was nach wie vor Spass machte. Also weiter jobben - eventuell auf freiberuflicher Basis? Die Antwort auf die letzte Frage führte dann aber schnell zu einer eindeutigen Entscheidung: Abwechslung ist von Nöten.

Abwechslungsreiche Strecke in Marokko ... Abwechslung! Das ist das Zauberwort. Der rote Faden, der sich schon durch mein gesamtes bisheriges Leben zieht! Die Quintessenz aller Erfahrungen. Sogar ein Horoskop, dass ich mir spaßeshalber hatte erstellen lassen, wies unerwartet deutlich darauf hin, dass Bindungen jedweder Art nichts für mich sind. Dass Abwechslung meine Lebensgrundlage ist! Und was könnte mehr Abwechslung bieten als Reisen? Andere Kontinente, andere Länder, andere Menschen, andere Sitten und Gebräuche. Andere Sprachen! Wenn du willst, jeden Tag an einem neuen Ort? Wenn du willst, jeden Tag neue Nachbarn! Neue Aufgaben, neue Herausforderungen, neue Bewährungsproben! Genau das ist es, was ich suchte!

Meine bisher eher gefühlsmäßige, unterbewußte Einschätzung hatte eine sachliche, verstandesmäßige und mit Erfahrungen untermauerte Begründung erhalten! Kopf und Bauch waren sich ausnahmsweise mal erfreulich einig.

Aber gibt es nicht doch irgendwelche Alternativen, die ähnlich viel Abwechslung wie das Reisen bieten?

"Du bist doch Sternzeichen 'Fische', da sollte dir die Arbeit mit Menschen nicht schwer fallen! Vielleicht irgend etwas 'Soziales'?" fragte mich irgendwann der "Lebensberater" und zeigte erschreckend deutlich, wie wenig er mir zugehört hatte! Menschen sind Nichts für mich. Dazu sind meine Forderungen viel zu hoch! Nach einem Leben, in dem ich es nicht einmal geschafft hatte, eine einzelne Person von meinen Qualitäten zu überzeugen, wie sollte ich da plötzlich eine ganze Gruppe begeistern?

Und andere Alternativen? So sehr ich mir das Hirn auch zermarterte, es fiel mir wenig bis gar nichts dazu ein. Nicht umsonst hatte ich mein ehemaliges Hobby zum Beruf gemacht ... und über lange Jahre hatte der ja auch gehörig Spass gemacht. Mögt ihr mir auch "Einseitigkeit" oder "Fachidiotie" vorwerfen, für etwas grundlegend anderes kann ich mich einfach nicht begeistern! Neueste Technik, logisches Denken, ein gerüttelt Maß an Kreativität und viel persönlicher Freiraum: so würden auch weiterhin meine Forderungen an eine irgendwie geartete Tätigkeit lauten! Egal, ob freiberuflich oder ehrenamtlich.

Und faul auf der runzelig werdenden Haut liegen und warten bis der Sensenmann vorbeischaut? Nein Danke!

Also doch Reisen! Abwechslung auf Teufel komm raus? Noch immer ließen meine imaginären, kritischen Freunde nicht locker und bombardierten mich mit Fragen. Ich war ihnen sogar dankbar dafür. Stellten wir doch mit jedem Frage-Antwort-Spiel die Entscheidung gemeinsam auf solidere Füße.

"Wird dir die Abwechslung nicht auf Dauer zu viel? Vor allen im Alter?"
"Wenn ich tatsächlich soooo alt werden sollte, dass ich keine Abwechslung mehr brauche, kann ich ja mal zwei Tage am gleichen Platz stehen bleiben!" Eine Antwort, zugegeben etwas auf den Punkt gebracht. "Oder ihr könnt mich gleich in die Kiste legen!"

"Also ist das Reisen doch das, was du vor ein paar Jahren in einem Interview heftig verneint hattest: ein Davonlaufen?"
"Ja, es ist ein Davonlaufen! Das gebe ich jetzt gerne zu. Doch heute ist die Situation eine andere! Es ist keine Flucht mehr vor Verpflichtungen oder Aufgaben! Es ist ein Davonlaufen vor der Leere. Eine Flucht vor dem täglichen Einerlei! Ein Ausbüchsen aus der Langeweile! Und darin kann ich beim besten Willen nichts Schlimmes erkennen! Nicht in meiner Situation. Ohne viele Freunde. Ohne Familie. Ohne Job!"

"Und was machst Du, wenn du alles gesehen hast?"
"Alles gesehen? Das kann ich mir schwerlich vorstellen! Es gibt so viele schöne und interessante Fleckchen auf der Erde. Alle zu besuchen würde mehr als ein Leben in Anspruch nehmen!"

Zugegeben, unter meinen Antworten sind auch ein paar nicht gänzlich hinterfragte Phrasen. Flinke Floskeln! Aber der Tenor stimmt! Dabei ist mir klar, dass meine "Gier auf Neues" nicht ewig währen wird. Schon jetzt ist es so, dass ich nicht jeden Tempel, nicht jede Kirche, nicht jeden Marktflecken gesehen haben muss. Meist picke ich mir das Zweitsehenswerteste oder Zweitbekannteste heraus. Dazu gerne ein paar der kleinen, unbekannten Schätze. Das gibt mir ein besseres Bild als immer nur das Imposanteste zu sehen. Abzuhaken. Gerade von den kleinen, unbekannten Schätzen gibt es so viele, dass es schwer sein dürfte, in den verbleibenden Jahren alles zu sehen! Ich denke, dieses Strategie wird mir die Neugierde noch über viele Jahre erhalten!

"Du willst das alles nur ansehen?"
"Nein, Ansehen allein ist mir nicht genug! In den Reiseberichten könnt ihr ja nachlesen, dass es bei mir mit ein paar Bildchen allein nicht getan ist. Ein paar Hintergrundinformation gehören auf jeden Fall dazu! Sicher keine wissenschaftliche Abhandlung, aber doch mehr als "ich fuhr von A nach B und das Wetter war schön"! Ja, das ist etwas, was ich schon zu Jobzeiten mit Begeisterung tat: mich in neue Themengebiete einarbeiten, alle relevanten Informationen sammeln und mit diesem Wissen etwas Neues schaffen. Und sei es nur eine weitere Website! Ich denke, diese selbstgestellte Aufgabe wird auch ein paar der grauen Zellen am Leben erhalten, die im Alter besonders wertvoll sind!

Die Dünen von Merzouga sind nicht nur bei Sonnenuntergang atemberaubend ... "Und wie steht's mit deiner dauernden Suche nach Freiheit?"
"Ja, die Frage ist wirklich berechtigt! Ich glaube, nirgends ist die Freiheit größer als auf Reisen. Keiner macht Vorschriften (außer die Zöllner und ihre Kollegen), man ist sein eigener Herr, kann fahren wann und wohin man will (in gewissen Grenzen) und wird von keinem Chef zusammengefaltet, weil man sein Ziel nicht innerhalb der geplanten Stunden erreicht hat! Ja, wenn man sein Ziel vielleicht gar nicht erreicht hat, weil man auf dem Weg dorthin etwas viel Interessanteres und Faszinierenderes gefunden hat. Schließlich ist der Weg das Ziel, wie schon Herr Goethe so trefflich bemerkte! In der persönlichen Freiheit liegt zwar der wohl größte Unterschied zum "Job-Dasein", - im Vergleich zum üblichen "Rentner-Dasein" dürfte der Unterschied aber eher gering ausfallen. Auch als "sesshafter Pensionär" sollte man diese Freiheit genießen können, sofern die liebe Familie das zulässt ... Also kein stichhaltiges Argument auf die Frage 'Reisen im Alter - oder doch lieber daheimsitzen?'!"

"Und die Gesundheit? Was machst Du, wenn Du einmal krank wirst?"
"Auch diese Frage ist natürlich völlig berechtigt! Meine zugegeben etwas flapsige Antwort darauf lautet: Statistisch gesehen sterben die meisten Menschen zu Hause im Bett - eher ein Grund dafür, auf Reisen zu gehen! Gerade im Alter! Aber mal ganz ehrlich: Klar ist die Wahrscheinlichkeit unterwegs etwas größer, sich den Fuß zu brechen, sich eine Infektion einzuhandeln oder einem Löwen als Abendfutter zu dienen. Dafür ist - allein auf Grund der Lebensweise - die Chance, einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu erliegen (den häufigsten Todesursachen bei nicht reisenden Mitteleuropäern), erheblich geringer! Auch an hohem Blutdruck in Folge des schlechten Fernsehprogramms oder wenig Bewegung stirbt man zu Hause sehr viel eher als unterwegs! Passiert unterwegs tatsächlich etwas, wird man vor Ort in meist guten Kliniken mit Ärzten, die in Europa oder USA ausgebildet wurden, meist gut versorgt. Falls das nicht klappt, bieten praktisch alle Versicherungen einen Heimflugservice im Notfall an. Kostet nur ein paar Euro extra.

Eine sowohl im Kopf als auch im Bauch getroffene Entscheidung allein mit dem Argument "Es könnte ja vielleicht, möglicherweise etwas passieren." ins Gegenteil zu kippen, zeugt in meinen Augen - entschuldigt die harten Worte - von deutscher Übervorsicht, fehlendem Mut und Versicherungswahn! Klar könnt ihr der Vorsicht folgen, dürft euch aber am Ende nicht beschweren, wie eintönig und 'fad' euer Leben war! Diese Diskussion müsst Ihr aber ganz mit Euch selber ausfechten! Und ganz klar ist auch: eine halbwegs gute Gesundheit ist Voraussetzung, um auf Langzeitreisen zu gehen. In jungen Jahren genauso wie im Alter! Wenn ihr euch also frühzeitig aus dem Job-Leben verabschieden könnt, bevor die ersten chronischen Wehwehchen einsetzen, desto besser!

Nicht vergessen solltet ihr auch die Selbstheilungskräfte, die ihr entwickelt, sobald ihr unterwegs seid. Gerade bei den beliebten psychosomatischen Erkrankungen ist eine Reise weit besser als jeder Arztbesuch!"

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Mir persönlich fiel die Entscheidung, mein Alter auf Achse zu verbringen relativ leicht, nachdem ich mir die Vor- und Nachteile plastisch vor Augen geführt hatte und mich in vielen ruhigen Stunden ausgehorcht hatte, was mir persönlich wichtig ist. Nicht nur wichtig im Alter, sondern wichtig im Leben. Diese Frage kann natürlich jeder einzelne nur ganz für sich selbst beantworten! Und wenn Ihr im Team oder als Paar reisen wollt, so sollte zunächst jeder für sich allein seine Entscheidung treffen! Wenn Ihr dann beide zur gleichen Entscheidung gekommen seid, kann ich Euch nur beglückwünschen. Dann steht einer tollen Reise - oder einem tollen Daheimbleiben nichts mehr im Wege!

Ich für meinen Teil jedenfalls werde der (Reise-)Lust fröhnen so lange es mir irgend möglich ist.

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Wie hat dein Reisefieber angefangen?

München, Sommer 1986

Den genauen Tag kann ich euch nicht mehr sagen, aber wir schreiben den Mai 1978. Ich weiß es noch wie heute. Gegen Ende des Studium sitze ich mit einem Kommilitonen zusammen, um ein kniffliges Problem zu lösen. Er hatte sich durch Autoüberführungen nach Afrika sein Studium finanziert und zur Ablenkung zeigt er mir ein paar seiner Fotos. Schwarze Menschen, endlose Wüsten, palmenbestandene Strände. Fremde, geheimnisvolle Länder und Landschaften. Das will ich auch sehen!

Bis zu diesem schicksalsschweren Tag war mein Leben in arg geordneten Bahnen verlaufen: Grundschule - Gymnasium - Studium, drei Wochen Campingurlaub pro Jahr. Wie das in einer arg bürgerlichen Familie eben so ist! Doch insgeheim hege ich gehörige Zweifel, ob der weitere, ebenso klar vorgezeichnete Lebensweg auch mein Weg sein kann: Beruf - Familie - Haus - Kinder. Bei dem bloßen Gedanken daran sträuben sich - selbst heute noch - die Nackenhaare.

Die Bilder meines Kommilitonen zeigen mir plötzlich die Alternative. Reisen, fremde Menschen und Kulturen kennenlernen. Abenteuer, Herausforderung, Sich-beweisen-können.  Dem Alltag ein Schnippchen schlagen. Ich spüre, wie dieser winzige Funke einen Haufen trockenen Strohs in meiner Seele zum Glimmen bringt. So richtig erwischt mich das Reisefieber aber erst zwei Monate später.

Die Bilder der Reisen meines Freundes vor Augen, baue ich langen Nachtschichten mein Autochen um. Für ein neues Gefährt fehlt mir natürlich das Geld, aber das in der Garage tut's doch auch. Der Beifahrersitz muß dem Bett weichen (ich schlafe eh meistens im Freien), der winzige Kofferraum bietet genügend Platz für eine Mini-Küche, auf dem Dachträger verzurre ich zwei Kanister für die bevorstehenden Durststrecken. Fertig ist das erste Reisemobil, das mich klaglos bis in die Sahara bringt. Zumindest an ihren Rand. 7000 Kilometer kreuz und quer durch Marokko aber sind genug, um aus dem ersten Glimmen ein loderndes Feuer zu machen.

Seither ist die anfängliche Infektion zum chronischen Reisefieber geworden. Unheilbar! Mit jedem Fieberschub ein bißchen heißer! Fast so tückisch wie  Malaria (die mich sonst aber verschonte), nur  viel schöner. Aufregender. Nach diesem Erlebnis steht mein Leben unter einem ganz neuen Stern: Reisen.

Obwohl das inzwischen viele, viele Jahre zurückliegt (von denen ich einen Großteil unterwegs war), hat das Reisen bis heute nichts von seiner Faszination verloren! Das einzige, was sich 1997 vorübergehend verändert hatte, war meine Vorliebe fürs allein reisen. Auch da hatte mir jemand eine Alternative aufgezeigt ... was sich aber auch wieder verlief.

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Warum hat es Dir die Wüste besonders angetan?

München, Sommer 2000

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ich mich in den Wüsten der Erde besonders wohl fühle:

Es gibt genug Platz. "Wieviel Platz braucht ein Mensch?" hatte ein berühmter Schriftsteller 'mal gefragt; die Lösung lautete wohl 1,5 Quadratmeter, der Platz für die letzte Kiste. Für mich persönlich kann ich die Frage allenfalls mit 1,5 Quadratkilometer beantworten. Den Horizont nicht sehen können, den Blick nicht schweifen lassen können, empfinde ich wie den Verlust persönlicher Freiheit. Diese Freiheit ist nirgends so hautnah, ja fast körperlich spürbar - wie eben in der Wüste.

Felskugeln bei Tamanrasset Nicht die ganze Wüste ist öd und leer, ein Großteil besteht aus Gebirgen. Berge und Felsen in ariden Regionen aber sind viel zerklüfteter, bizarrer und urwüchsiger als in unseren Breiten, da die schleifende und ausgleichende Kraft des Wassers fehlt. Lediglich die Erosion formt dort die Landschaft. Was sie hervorbringt ist so vielfältig, so ausdrucksstark und so markant, dass sich problemlos ein ganzer Bildband mit atemberaubenden Formationen füllen ließe.

Steigt ihr auf einen dieser Berge und lasst wieder den Blick umherschweifen, werdet ihr erkennen, wie klein ihr seid. Selbst ein schweres Reisemobil ist von oben nicht mehr als winziges Spielzeug. Und wie klein seid ihr im Vergleich zu ihm!

Durch die Eintönigkeit der Wüstenregionen findet euer sonst rastlos umherschweifendes Auge keinen Halt an irgendwelchen Landschaftsmerkmalen. Laßt ihr diesen Mangel an Reizen ein paar Tage auf euch wirken, wendet sich euer Auge ganz automatisch nach Innen. Ihr spürt euch selbst und fangt an, eurer inneren Stimme zu lauschen. Im Alltag wird ihr leises Flüstern ja allzu oft von einer viel zu lauten und hektischen Umwelt übertönt. - Nicht von ungefähr sind die großen Religionen dieser Welt in der Wüste entstanden: Moses kam aus der Wüste, Jesus wurde ebenso dort geläutert  wie Mohammed. Auch Buddhas Erleuchtung geschah nach monatelanger Abkehr von äußeren Ablenkungen. Gerade die Reizarmut der Wüste macht in meinen Augen ihren Hauptreiz aus.

Dünen Die bekannteste Wüstenformation bilden die Dünengebiete, der Inbegriff für Wüste schlechthin. Dabei machen sie nur ca. zehn Prozent der Fläche aus. Hier sind es vor allem die weichen, fließenden Formen der Sandmassen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen. Besonders beeindruckend ist hier natürlich das Schauspiel bei Sonnenauf- oder -untergang, wenn lange Schatten lautlos über die sanft geschwungenen Sandberge gleiten und die Sonne Millionen verschiedener Ockertöne zaubert. - Findet ihr inmitten einer dieser Ergs obendrein eine blühende Oase, dunkelgrüne Palme am Ufer eines tiefblauen Sees, glaubt ihr wirklich, im Paradies zu sein. Die letzten derartigen Oasen in Libyen wurden leider vor ein paar Jahren trockengelegt.

Ist die Sonne hinterm Horizont verschwunden, ihr liegt im Schlafsack und lasst euren Blick übers Firmament streifen, so werdet ihr wahrscheinlich den Atem anhalten. Der ganze Himmel funkelt und strahlt und selbst der beste Mathematiker wäre überfordert, die Sterne am Wüstenhimmel zu zählen. Manche meiner Freunde fahren Tausende Kilometer in die Wüste, nur um mal wieder einen 'richtigen' Sternenhimmel zu sehen. Es ist einfach unbeschreiblich.

Last but not least ist die Wüste auch eine gehörige Herausforderung. Gerade, wenn ihr mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs seid. Zum einen findet sich nicht an jeder Straßenecke eine Tankstelle und nicht alle hundert Meter eine Notrufsäule. Zum andern ist die Orientierung nicht immer ganz problemlos, insbesondere wenn ihr nach 500 Kilometern durch schweres Dünengelände eine 100 Meter große Oase zwischen zwei Dünenreihen finden wollt. Drittens solltet ihr mit eurem Fahrzeug nicht gerade auf Kriegsfuss stehen. Das Fahren - dort, wo man fahren kann - ist zwar selten ein wirkliches Problem, doch das Risiko, mit einem Fahrzeugdefekt mitten im Nirgendwo liegenzubleiben, solltet ihr nicht unterschätzen. Dann kommt's eben darauf an, zu improvisieren und den Wagen wieder flott zu bekommen, wenn ihr euch nicht auf ungewisse Hilfe von außen verlassen wollt.

Am Brunnen von Kerzaz Gerade auf meinen ersten Wüstentouren mit dem alten, klapprigen Sandfloh 1, war das ein Hauptgrund, immer wieder in die Sahara zu fahren. Der Nervenkitzel, heil durchzukommen ist heute nicht viel geringer als damals, doch inzwischen habe ich gelernt, die eher mentalen und psychologischen Vorzüge der Wüste wahrzunehmen. Sie zu würdigen und zu genießen.

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Warum bist du allein unterwegs?

München, Sommer 2004

Vom Standpunkt der Sicherheit aus ist allein reisen sicher nicht der Wahrheit letzter Schluss - zumal auf so abenteuerlichen Wegen. Doch das Sich-beweisen-können war ja anfangs einer der Gründe gewesen, das - kalkulierbare (!) - Risiko zu suchen. Die Herausforderung, ohne fremde Hilfe durchzukommen, hatte ihren ganz besonderen Reiz. Und das Gefühl, es geschafft zu haben, war eben dann am größten, wenn keiner mithelfen konnte, wenn ich ganz auf mich allein gestellt war.

Daneben sprechen in meinen Augen eine Reihe ganz handfester Vorteile fürs allein reisen:

Entscheidungen, wo's lang gehen soll, über Tagesablauf und Nachtplätze kann ich immer einstimmig treffen. Da müssen keine Kompromisse geschlossen werden. Keiner vermiest mir die Freude an einem exquisiten Standplatz durch zurückhaltende Bemerkungen. - Überhaupt habe ich den Eindruck, allein sehr viel intensiver erleben zu können. Die Eindrücke, die Gefühle, die Emotionen prägen sich rein und unverwaschen - und damit viel nachhaltiger - in mein Gedächtnis ein.

Sternenhimmel Gerade in kritischen Situationen weiß ich genau, wie weit ich gehen kann. Was ich mir selbst zutrauen kann. Das ist ja oft genug an der Grenze des Erträglichen. Nicht gerade akute Lebensgefahr, aber kritisch genug. Was passiert, wenn ich dabei die Grenzen des Partners, der Partnerin überschätze? Gerade dieser Punkt bereitet mir immer wieder Kopfzerbrechen, wenn ich 'mal nicht allein unterwegs bin. Oft genug kann ich deshalb nicht an meine eigenen Grenzen gehen - entsprechend wenig befriedigend fällt das Ergebnis aus. Erfahrungen in Grenzsituationen sind eben etwas ganz Besonderes!

Wenn ich allein unterwegs bin, ist es viel einfacher, Kontakt zu anderen Menschen zu finden. Kontakte zu anderen Globedrivern, vor allem zur einheimischen Bevölkerung. Da gab's keine Gruppe, die sich am liebsten mit sich selbst unterhält und kaum den Kontakt zu Fremden sucht. Für mich ist jede Unterhaltung ein Kontakt mit Fremden. Neu, interessant und lehrreich.

Vielleicht gerade deshalb treffe ich unterwegs immer wieder Gleichgesinnte, mit denen ich mich für ein paar Tage oder Wochen zusammenschließen kann, um ein Stück des Weges gemeinsam zu reisen. Ganz ohne Zwang, ganz ohne Verpflichtungen. Und gerade daraus entstehen oft die wundervollsten Freundschaften.

Richtig, zu jedem dieser Argumente könnt ihr vermutlich ein Gegenargument anführen. Doch das Reisen mit Partner oder Partnerin setzt voraus, dass ihr sie oder ihn kennt. Ich meine: sehr gut kennt! Dass ihr wißt, wie er oder sie reagiert - vor allem in Ausnahmesituationen! Dass ihr beide wirklich das gleiche wollt, die gleichen Ziele habt, die gleichen Herausforderungen sucht und an gleichen Dingen Gefallen findet. Oder wenn  das nicht überall der Fall ist, dass ihr dem anderen so viel Freiraum einräumt, dass er / sie sich allein austoben kann, wenn ihm / ihr der Sinn danach steht. Gerüchteweise hatte ich gehört, dass es solche Paare tatsächlich geben soll.

Ich selber konnte nie die richtige Partnerin finden. Vor allem nicht für solche Nicht-Alltäglichkeiten. Jeder neue Versuch bestärkte mich nur in meiner Überzeugung, dass allein reisen das einzig Wahre sei. Zumindest für mich! Deshalb bin ich bewusst allein unterwegs. Akzeptiere bewusst die Nachteile und Gefahren.

Im Sommer 1997 kam S. (Name geändert); und meine Überzeugung, allein zu reisen geriet vorübergehend ins Wanken. Drei Wochen tourten wir gemeinsam durch Südafrika und Namibia. Ihre Kameradschaft, ihr Verständnis und ihre Toleranz zeigten mir neue Wege. Sie öffnete mir die Augen, dass das Reisen zu zwei doch mehr Spass machen kann als alleine, dass die Argumente, die ich oben anführte nur aus der Sicht desjenigen Bestand haben, der nichts anderes kennt. Wenige Tage nach ihrer Abreise spürte ich, dass sie mein Unterstes zu oberst gekehrt hatte. Von einem Tag auf den anderen war ich nicht mehr allein unterwegs, sondern einsam ...

Nach mehreren Jahren Durststrecke - was sowohl Reisen als auch Partnerschaften angeht - hat sich jedoch meine innerste Überzeugung wieder Platz verschafft. Fast noch mehr als vor dem Intermezzo mit ihr bin ich davon überzeugt, dass allein Reisen doch das Richtige ist. Für mich! Aber jeder darf ja diesen Punkt für sich selber entscheiden!

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Warum fühlst du dich unter Touristen derart unwohl?

Mexico, Mai 2015

Zunächst eine Erklärung zum 'wording': unterwegs trefft ihr zwei Gruppen von Menschen: Touristen und Reisende. Worin liegt der Unterschied? Touristen nenne ich persönlich Pauschalreisende (Studienreisende mal ausgenommen, aber die sind zahlenmäßig vernachlässigbar). Sie treten meist in Gruppen über fünf, häufig über zwanzig Personen auf. Reisende nenne ich dagegen die, die auf eigene Faust unterwegs sind, nicht notwendigerweise mit dem eigenen Fahrzeug! Naturgemäß treten sie allenfalls in Gruppen von zwei oder drei Personen auf.

Eine Busladung von Touristen aus Cancun wartet auf den Einlass in Tulum. Nichts gegen jeden Einzelnen von ihnen ... Treffen Vertreter beider Gruppen aufeinander, können die Wogen schon mal höherschlagen. Emotionen sind vorprogrammiert, zumindest auf Seiten des/der Reisenden. Insbesondere der Alleinreisenden. Warum aber steigt der Blutdruck so markant, wenn er/sie sich inmitten einer Touristenhorde wiederfindet?

Zunächst gibt es zwei - kaum noch rational erklärbare - Gründe aus unser aller Neandertal-Zeiten:
  • Das Höhlenmensch-Ego fordert (unterbewusst), sich der Touristen-Gruppe anzuschließen, um ihren Schutz zu genießen. Das Heute-Ego hingegen weiß - allerdings nur bewusst - dass diese Masse eine Horde Tiere ist, denen menschliche Züge weitgehend fehlen. Als Individuum - mit besonderen Wünschen / Erwartungen - hat man innerhalb dieser Gruppe keinerlei Vorteile zu erwarten! Das Individuum wird sich der Masse unterordnen müssen!
    Ergo: Missstimmung zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein!
  • Die Gruppe ist für das Höhlenmensch-Ego des Einzelreisenden instinktiv der Feind. Sie gehört nicht zum eigenen Clan und ist stets die Bedrohung aus der rivalisierenden Nachbarhöhle! Ohne eigene schützende Gruppe fühlt man sich da ganz besonders verletzbar. Dabei kämpfen Reisender und Tourigruppe häufig um dieselbe Beute, nämlich Sehenswürdigkeiten, gute Fotos oder das 'ganz besondere Andenken'!
  • Fazit: Latente, unterbewußte, vielleicht gerade deshalb so stark empfundene 'Feindschaft' zwischen Individual­reisendem und Tourigruppen.
Daneben finden sich mehr als ausreichend Gründe aus den alltäglichen Erfahrungen miteinander ...
  • An Orten, an denen Touri-Massen auftreten, ist die Infrastruktur auf Touristen eingestellt. Manch ein Reisender mag das als Vorteil sehen, andere wollen diese Infrastruktur gerade hinter sich lassen.
  • Als Einzelreisender ist man der Gruppe gegenüber immer im Nachteil: die Gruppe muss nicht am Ticketschalter anstehen, die Gruppe erhält Rabatte, die Gruppe wird bevorzugt eingelassen etc.
  • Auf jedwede Rücksichtnahme der Herdenmitglieder gegenüber dem Individualreisenden sollte man nicht hoffen! Sie sind Teil der anonymen Masse - ohne eigenes Denkvermögen und im Schutz der vertrauten Gruppe. Blind und dumpf rennen sie ihrem Anführer hinterher.
  • An Orten, an denen Touri-Massen auftreten, sind die Einheimischen an sie gewöhnt und lassen den Fremdländern so einiges durchgehen, was bei Einheimischen sonst auf strikte Ablehnung stößt ('Baden oben ohne', kurze Hosen; nachlässige Kleidung; keine Sprachkenntnisse u.ä.). Als Einzelreisender könnte man diese Toleranz nutzen (wobei man sich auf die Ebene der Massentouris begibt) ... oder aber zeigen, dass es auch Reisende gibt, die um Sitten und Gebräuche des Landes wissen. Und diese schätzen und respektieren!
  • Gleichzeitig versuchen die Einheimischen (natürlich?), ihren persönlichen Vorteil aus dem Kontakt zu den Fremdländern zu ziehen. Meist ist das von oben sanktioniert, ja sogar gefördert ('Sondersteuer Yucatan', Parkplatz­gebühren, hohe Eintrittsgelder, 'Nepp'). Als Reisender fühlt man sich plötzlich nicht mehr als Gast, sondern als Melkkuh, der auch der letzte Tropfen Milch abgerungen werden muss. Dass auch der Reisende viel und hart für seine 'Milch' hat arbeiten müssen, wird gern übersehen. Bei mir - und sicher auch bei anderen Individualreisenden - hinterlässt gerade dieser Punkt ein arg negatives Gefühl. Viel lieber wären wir doch Gast! Und mal ganz ehrlich: als Gast würde ich auch gern den einen oder anderen Dollar / Euro / Peso mehr ausgeben als nötig. Der Melkkuh aber fehlt diese Großzügigkeit!
  • Die Preise für alles (Dienstleistungen, Waren des taglichen Bedarfs genauso wie Touristenwaren) sind oft völlig überteuert. Locals können sich diese Preise häufig nicht leisten! Doch Touris zahlen sie ohne mit der Wimper zu zucken. Sei es, weil sie keine Zeit / Möglichkeit zum Preisvergleich oder zum Feilschen haben, sei es weil sie vor den anderen Herdenmitgliedern nicht als geizig/knausrig erscheinen wollen. Dabei lernen die Einheimischen, dass sie die Preise weiter erhöhen können. Es wird immer einen aus der Gruppe geben, der den noch höheren Preis zahlt, und sei es nur, um den anderen zu zeigen, wie reich (oder großzügig gegenüber den armen Einheimischen) er ist.
  • Als Reisender möchte ich die Kultur und die Menschen des Landes kennenlernen. Am liebsten unverfälscht. Mich interessiert nicht die Maske, die der Einheimische aufsetzt, sobald ein Tourist in Sichtweite kommt, weil er glaubt, dass dieser ein bestimmtes, typisches, aus bunten Prospekten bekanntes Verhalten erwartet!
  • Aus der Quantenphysik ist ein Phänomen bekannt, das als Unschärferelation bezeichnet wird: von einem Teilchen sind entweder Ort oder Geschwindigkeit genau zu ermitteln. Je stärker man in das System eingreift, um den Ort des Teilchens zu bestimmen, desto geringer wird die Bestimmbarkeit seiner Geschwindigkeit. Die Länder unterwegs sind ein bißchen so wie Atome: Will der Besucher die Menschen ("Teilchen") genauer kennenlernen, wird er durch sein bloßes Hinsehen ("Messapparatur") die Menschen verändern und das System wird nicht mehr sein wie es war.
    Dabei hat der Individualreisende natürlich einen anderen Einfluss als eine Horde von zwanzig, vierzig oder mehr Individuen. Allerdings wird der Individualreisende - durch sein Reisen an viele ('unerschlossene') Orte - mehr Teilchen beeinflussen als der Pauschaltourist, der erfahrungsgemäß nur seine Hotelumgebung verändert. Diese allerdings - auf Grund seiner Anzahl - stärker und nachhaltiger.
    Es gibt eben auch hier - analog zur Quantenphysik - keinerlei Möglichkeit, ein Land kennenzulernen, ohne dadurch auch das Land selbst (sprich seine Menschen) zu verändern. So kann ich durchaus nachvollziehen, dass die Regierenden mancher Länder die Vorteile des (Einzel- oder Massen-)Tourismus sehr genau gegen die Nachteile abwägen und im Zweifel dem Tourismus enge Grenzen setzen - wie etwa Birma in früheren Jahren oder Bhutan.
  • Fortsetzung folgt ...
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Was ist das Besondere an Langzeitreisen?

Definition

Bei der Frage nach Langzeitreisen sollten wir erst einmal die verschiedenen Arten des 'Wegfahrens' klären:

Den regelmäßigen Wohn-/Arbeitsort verlassen für:
  • 2 bis 4 Tage → Wochenendtour
  • 2 bis 6 Wochen → meist Urlaub (Erholung steht im Vordergrund); auch Reise (Erkundung von 'Neuem' im Vordergrund)
  • 1 bis 24 Monate → Reise
  • länger als 2 Jahre → Langzeit-Reise

Solltet ihr euch mit dem Gedanken tragen, euren regelmäßigen Aufenthaltsort für ein Jahr oder mehr zu verlassen, sind einige Punkte zu klären, die bei den anderen Reisetypen nicht oder nicht in diesem Maße zu bedenken sind. Bei einigen Punkten werdet ihr gar nicht drumherum kommen, euch intensiv Gedanken zu machen.

Wie immer, wenn ihr die ausgetretenen Wege des 08/15-Lebens verlassen wollt, solltet ihr von euren Mitmenschen wenig Verständnis und noch weniger hilfreiche Tipps erwarten. Sie kennen nichts anderes! Aber es ist euer Leben! Und ihr würdet euch vermutlich nicht mit dem Gedanken einer längeren Auszeit tragen, wenn ihr euren bisheriges Leben bis zum Nimmerleinstag so weiterführen wolltet. Daher kann ich euch zu dem Schritt, den ihr ins Auge fasst, nur beglückwünschen! Lasst euch da von niemandem kirre machen!

Je besser die vielschichtigen Aspekte einer Langzeitreise von vornhereien bedacht sind, desto entspannter könnt ihr dann auch losziehen - und das Leben unterwegs in vollen Zügen - und an leeren Stränden - genießen.

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nach oben Arbeit kündigen?

Der erste - für die meisten von uns der wichtigste - Aspekt bei Langzeitreisen ist das Verhältnis zum Brötchengeber. Meist ist bzw. war der Langzeitreisende doch abhängig beschäftigt. Selbstständige und Geschäftsführer (CEO) werden wohl eher selten eine derart lange Auszeit nehmen können bzw. wollen. Und nur ganz wenige von uns haben ein so gut gefülltes Bankkonto, dass sie sich über das Geldverdienen keinerlei Gedanken (mehr) machen müssen. Sei es vor, nach oder auch während der Tour. Bleibt also die werktätige Bevölkerung. Bei kürzerer Reisedauer werden die abhängig Beschäftigten (Arbeiter und Angestellte) meist vor der Frage stehen: kündigen oder viele, viele Überstunden ansammeln. In manchen Arbeitsverhältnissen mag ein Sabbatical eine Option sein - oder eine verlängerte Elternzeit. Bei längerer Reisedauer (meist über 1 Jahr) bleibt schließendlich meist doch nur die Kündigung.

Gegen dieses Wort aber hegen viele Deutsche eine kaum überwindbare Aversion! Einen Arbeitsplatz freiwillig aufgeben - kommt gar nicht in Frage! Daher bleiben für viele nur zwei Abschnitte im Leben, in denen sie sich ihren Traum einer Langzeitreise erfüllen könnten:
  • vor dem Eintritt ins 'Berufsleben' → zwischen Studium / Ausbildung und Festanstellung
  • nach Beendigung des 'Berufslebens', → bei Eintritt ins Rentnerleben

Die durchaus mögliche Option, das Berufsleben für eine Langzeitreise zu unterbrechen, nutzen außerordentlich wenige. Im Alter von - sagen wir - 30 bis 50 Jahre stehen für das Gros der Menschen eben Familie, Karriere oder Häuslebauen im Vordergrund. Dabei bieten gerade die mittleren Lebensjahre ideale Voraussetzungen für eine längere Reise:

  • die finanziellen Engpässe von Ausbildung / Studium sind überwunden; eine gewisse finanzielle Sicherheit ist erreicht;
  • körperliche und geistige Gesundheit sind noch weitgehend intakt; wir sind fit und leistungsfähig;
  • die Möglichkeiten des beruflichen Neuanfangs nach Reiseende sind im Alter unter 35/40 Jahren deutlich besser als in späteren Jahren; (abhängig vom erlernten Beruf);
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nach oben Familie/Kinder?

Der nächste - vielleicht noch wichtigere - Aspekt für bzw. wider eine Langzeitreise ist die Familie. Dass sich beide Partner die Reise aus tiefstem Herzen wünschen, ist natürlich Grundvoraussetzung. Idealerweise sollten beide schon eine gemeinsame Tour "bestanden" haben. Die partnerschaftliche Harmonie wird auf Reisen neuen und weit härteren Belastungsproben unterworfen als zu Hause. Auf Monate oder Jahre hinaus 24 Stunden täglich auf kleinstem Raum zusammenzuleben, zwar mit dem größten Vorgarten der Erde, aber ohne jede Privatspäre oder Möglichkeit, sich zurückzuziehen ... das will im wahrsten Sinne des Wortes gelernt sein! Nicht wenige Beziehungen von zu Hause glücklich verheirateten Menschen gingen unterwegs in die Brüche!

Der nächste Aspekt sind die Kinder. In Deutschland besteht Schulpflicht, also die Langzeitreise in den Schulferien unternemen? Schlecht möglich. Aber es gibt (so wurde mir glaubhaft berichtet) Mittel und Wege, die Kinder unterwegs selbst unterrichten zu können. Für die Kids selber gibt es wohl keine bessere Lehrstube als die Länder unterwegs! Fremdsprachen? Lernen die Kleinen in Windeseile, während sie mit ihren neuen Freunden vor Ort herumtollen. Dass dabei auch die Eltern einen viel schnelleren und innigeren Kontakt zu den einheimischen Eltern bekommen liegt auf der Hand.

Natürlich werden die Eltern einige Zugeständnisse in Reiseumgebung, -planung und -geschwindigkeit machen müssen. Aber jede Familie, die ich bislang traf, schwärmte in Jubeltönen über das Reisen mit ihren Kindern. Das höchste war eine deutsche Familie, die mir in Südafrika über den Weg fuhr, deren Kinder allesamt unterwegs zur Welt gekommen waren (!) und deren größte inzwischen zu Hause ins Internat ging und sie bei jeder Möglichkeit unterwegs besuchte. Auch bei meinen zahlreichen beruflichen Auslandseinsätzen lernte ich die Kinder der Bauleiter und der langzeitig vor Ort lebenden Kollegen als weltoffen, tolerant und ungemein gebildet kennen. Manche sprachen als 10-jährige schon vier bis fünf Fremdsprachen fließend. Ich denke, man kann einem jungen Menschen keine bessere Ausbildung mit auf den Weg geben, als ein paar Jahre Leben im Ausland!

Kids sind - bei ordentlicher Vorbereitung - kein Grund, sich gegen eine Langzeitreise zu entscheiden. Eher das Gegenteil! Und wenn die Kleinen noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, macht das alles nur einfacher.

Wie das Reisen mit Kindern in der Praxis abgeht, davon könnt ihr euch - neben anderen Publikationen - in dem sehr lustig geschriebenen Buch Zwischen Walen und Windeln am Ende der Welt von Detlef A. Huber (ISBN 9783956322167) ein plastisches Bild machen.

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nach oben Pflege/Betreuung der Eltern?

Neben den eigenen Kindern sind in vielen Fällen auch deren Großeltern (sprich die eigenen Eltern) in die Reiseplanung einzubeziehen! Nicht dass sie mitfahren möchten, oder? Manche vielleicht doch. Dass sie sich Sorgen machen, liegt auf der Hand, sollte aber unsere Reisepläne nicht grundsätzlich vereiteln. Manche unserer Eltern werden möglicherweise in einem Alter sein, oder - während unserer mehrjährigen Tour - in ein Alter kommen, in dem sie eine gewisse Unterstützung durch ihre Kinder brauchen und (stillschweigend) erwarten. Körperliche und geistige Gebrechen können sich innerhalb kürzester Zeit einstellen.

Vielleicht ist nur ein Besuch pro Monat von Nöten, vielleicht auch tägliche Pflege oder ständige Betreuung. Diese Dinge sollten in Idealfall lange vor der eigenen Reiseplanung mit dem Partner, mit Geschwistern und allen Elternteilen besprochen und geklärt sein! Das Gefühl, einen engen Angehörigen krank oder gebrechlich und ohne angemessene Betreuung zu Hause zu wissen, ist unterwegs nicht gerade ein gutes Ruhekissen. Natürlich kann im Notfall jemand nach Hause fliegen, um diese Dinge zu organisieren. Der weitere Reiseverlauf - bis hin zum kompletten Abbruch - wird davon aber mit Sicherheit beinflusst! Besser, diese Dinge vorher berücksichtigen und möglicherweise den Reisetermin ein paar Jahre nach vorn oder hinten verschieben. Vor einem plötzlichen Auftreten solcher Dinge werden wir trotzdem nie völlig gefeit sein!

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nach oben Eigene Gesundheit ok?

Ähnlich großes Gewicht wie die vorgenannten Punkte sollten wir auf die Frage unserer Gesundheit legen! Eine Tropentauglichkeitsuntersuchung durch den Arzt eures Vertrauens wird zumindest ein grobes Ja/Nein abwerfen. Aber nur eine schwerwiegende Erkrankung wird das endgültige Aus aller eurer Reisepläne bedeuten. Selbst mit bestimmten chronischen Krankheiten könnt ihr - entsprechende Vorbereitung und Anpassung der Reisepläne und -modalitäten vorausgesetzt - eurem Fernweh fröhnen. An besten führt ihr ein offenes Gespräch mit dem Doc eures Vertauens. Er kann euch am besten raten.

Den Doc für die Beißerchen solltet ihr dabei nicht außer Acht lassen! Nichts ist ärgerlicher und schmerzhafter als Kummer mit den Zähnen irgendwo unterwegs "im Busch"!

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nach oben Organisatorisches

Sind die Würfel für die Langzeitreise dann gefallen, gibt's natürlich jede Menge zu organisieren. Ist ein großer Teil der Vorfreude! Detaillierte Beschreibungen und Hilfestellungen werdet ihr hier allerdings nicht finden, dazu sind die Lebenssituationen wie die familiären / beruflichen / organistatorischen Hintergründe viel zu unterschiedlich. Zu vielen Punkten findet ihr Empfehlungen in der einschlägigen Reiseliteratur oder - meist aktueller - in den Reise-Foren. Denen kann man folgen. Muss man aber nicht (Stichwort Versicherungen)!

Es folgen daher nur einige kurze Stichpunkte zu Bereichen (alphabetisch sortiert), die Ihr nicht ganz außer Acht lassen solltet.

  • Abmeldung am Wohnort: sinnvoll? KV-Pflicht! TV-Gebühren! Passersatz? Vertretung vereinbaren (Familie? notar.Vollmacht!); Nachsendeauftrag! nur 6 Mon.)
  • Computer: Datensicherungskonzept (cloud oder ext.HD)! Notfallplan für Comp.-Ausfall! Online Bezahlung einrichten + testen!
  • Dokumente: Gültigkeit Pass! Zweitpass beantragen (in D möglich!) Intl. KFZ- und Führerschein erforderl.? Fahrzeug abmelden (Zweitkennz.)?
  • Fahrzeug / Reisemittel: Fahrzeug bei Abfahrt tiptop! Werkstatt-Verzeichnis online? Ersatzteilversand weltweit möglich!
  • Finanzen: Unerwartetes über Tagesgeld o.ä. abdecken! Genügend Reserven! Online-Banking klären + testen! Gebühren bei Bargeldabhebung über KK bis zu 10%! Notgroschen an Bord!
  • Gesundheit: Impfungen! Tropentauglichkeitstest? Zahnarzt! Medikamente für unterwegs (ohne Notwend.für Kühlschrank)
  • Karten/Navi: Papierkarten! NAVI-Updates und -karten! Papier-Reiseführer! Verzeichn. Nachtplätze (ioverlander u.ä.)
  • Versicherungen: weniger ist mehr, aber die richtige! Kleingedrucktes lesen!!!
     • Krankenversicherung (dt. Auslands-KV nur für 3-6 Monate gültig! weltweite z.B. über BDAE oder HANSE-MERKUR)
     • Fahrzeugversicherung (Haftpflicht meist vor Ort abzuschließen; Kasko-V. IMHO nicht sinnvoll; )
     • Rechtsschutzversicherung (Auslands-RV evtl. sinnvoll)
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Sind alle organisatorischen Hürden gemeistert und ihr tatsächlich auf Achse ist es weiter ratsam, ein paar wenige Dinge im Hinterkopf zu behalten!

nach oben Ist 'Reisen' alleine genug?

Achtzig Prozent des Reisens besteht aus Warten. Steht im "Lonely Planet" geschrieben. Ist zwar in erster Linie auf Rucksackreisende gemünzt, aber auch der Fahrzeugfernreisende wird einige Stunden / Tage / Wochen warten müssen! Die Zeit, bis das Visum ausgestellt, bis das Ersatzteil aus Deutschland eingetroffen ist - oder was auch immer. Wäre es da nicht toll, wenn wir eine Ablenkung hätten, etwas, um die Zeit zu füllen. Um die Zeit totzuschlagen? Was aber arge Verschwendung wäre!

Eine gelungene Reise sollte - ganz abgesehen von gelegentlicher Warterei - einen gehörigen Anteil Abwechslung aufweisen! Klar, jede Stadt schaut anders aus als die vorherige, jede Landschaft hat wieder Neues zu bieten. Doch sind wir mal ehrlich! Nach der zehnten Stadt im spanischen Kolonialstil, nach dem zwanzigsten Thai-Tempel tun wir uns schwer, vor lauter Begeisterung Luftsprünge zu vollführen. Drei, vier Wochen am Stück mag das mit den Sehenswürdigkeiten tagein tagaus gut gehen, aber irgendwann - individuell ganz unterschiedlich - brauchen wir Abstand. Mentalen Abstand. Müssen die Eindrücke verdauen! Müssen in unserem Hirnkastl Platz schaffen - Platz für neue Eindrücke.

Oder würden liebend gerne einfach 'mal etwas ganz anderes' tun.

Und nun? Düsen wir schnell mal in ein fernes Land? Nur der Abwechslung halber? Oder nach Hause? Oder gehen wir zwei Wochen in ein All-Inclusive-Resort? Das könnt ihr natürlich machen wie ihr wollt. Ich möchte damit auch nur zum Ausdruck bringen, dass wir alle einen gewissen Gegenpol zum täglichen Reisen brauchen! Abwechslung eben. Urlaub vom Reisen, wenn ihr so wollt. Den sollten wir auch ganz konkret in unsere Reiseroute einplanen! Ein paar Tage/Wochen am Strand (wenn euch so etwas gefällt), ein gutes Buch lesen, in den Bergen wandern gehen oder das Nachtleben in einer Stadt genießen. Wonach euch ganz persönlich eben der Sinn steht! Und beim nächsten Mal wieder etwas ganz anderes!

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nach oben Hochs und Tiefs: auch unterwegs!

Leben ist schön. Reisen ist noch viel schöner! Meistens jedenfalls.

Zu erwarten, dass unterwegs Alles und Jedes ausnahmslos Friede, Freude, Eierkuchen ist, das ist die beste Voraussetzung dafür, enttäuscht zu werden! Klar, wir werden mit einer grenzenlosen Vorfreude und Begeistung zu unserer Tour aufbrechen. Die ersten Tage und Wochen werden wir ein Hochgefühl auskosten können, dass dem berühmten »Flow« näher kommt als irgendetwas sonst. Dass das allerdings jahrein, jahraus so bleibt, wäre wohl ähnlich vermessen, wie zu sagen "In Bayern scheint jeden Tag die Sonne!"

Vor den Schattenseiten des Reisen werden wir ebensowenig gefeit sein sein wie vor den Schattenseiten des Lebens. Das Leben geht auch auf Achse weiter. In anderer Intensität, auf anderer Wellenlänge, mit anderer Achtsamkeit. Doch nach wie vor ist es 'Leben'. Mit Hochs und Tiefs! Mit Himmelhoch Jauchzen, mit zu Tode betrübt sein.

"Je besser, je offener, je freudiger wir auch die nicht ganz so tollen Seiten des Reisens akzeptieren, desto mehr Freude werden wir unterm Strich nicht nur am Reisen haben, sondern schlussendlich auch am Leben." Diesen - ein wenig erweiterten - Worten des Philosophen Wilhelm Schmid kann ich nichts hinzufügen.

Jeder, der über längere Zeit unterwegs war, wird euch bestätigen, dass nach den ersten drei, vier Monaten der erste 'Durchhänger' kommt. Null Bock mehr auf Reisen! Zeitpunkt - und Dauer - sind zwar individuell ganz unterschiedlich, aber das Auftreten so sicher wie das Amen in der Kirche. Alles hinzuwerfen ("Reisen macht eh keinen Spass!"), sich Vorwürfe zu machen ("Was habe ich mir bei der Kündigung nur gedacht?") wäre in einem solchen Moment ebensowenig zielführend wie der überstürzte Kauf des Rückflugtickets. Spätestens nach einer Woche im vertrauten Umfeld würdet ihr den spontanen Entschluss wieder bereuen!

"Jetzt gönne ich mir erst einmal 'was ganz Besonderes!" wäre dagegen ein oft hilfreicher Gedanke. Einfach mal 'ne Woche Pause! Mal richtig lecker Essen gehen, den Campingplatz für eine Nacht gegen ein 5-Sterne Hotel tauschen, die Fahrerei für zwei Wochen am tropischen Palmenstrand unterbrechen ... Abwechslung! Raus aus dem Reisealltag! Etwas tun, wofür sonst keine Zeit, keine Lust oder kein Geld da ist. Schon werdet ihr sehen, wie schnell ein solcher Durchhänger Schnee von gestern ist. Schon geht's mit regenerierter Freude weiter.

Solche Stimmungen bleiben dem Kurzzeitreisenden meist erspart, dem Urlauber sowieso. Und der Langzeitreisende wird lernen, damit umzugehen. Ganz wie zu Hause, nur mit weit besseren »Heilungschancen«!

 

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to be continued ...



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