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Die Götterwelt der Maya*)

Moderne Interpretation des Regengottes Chac ... Die Götterwelt der Maya ist für den Betrachter zunächst verwirrend und nicht leicht zu überblicken. Ihre Zahl im Pantheon lässt sich auch heute noch nicht mit Sicherheit angeben. Die Quellen sind lückenhaft und noch nicht entschlüsselt, und die spanischen Überlieferungen sind oft auf dem Hintergrund christlich-theologischer Kenntnisse interpretiert worden.

Eine der wertvollsten Quellen sind drei Maya-Handschriften, die der Bücherverbrennung der Konquistadoren entgangen sind: der 'Codex Dresdensis' (Sächsische Landesbibliothek, Dresden), der 'Cortex Tro-Cortesianus' (Museo de América, Madrid) und der 'Codex Peresianus' (Biblithéque Nationale, Paris). Die Codizes bestehen aus einem meterlangen, mit einer Kalkschicht überzogenen Papierstreifen, der als Leporello zusammengefaltet wurde. Niedergeschrieben sind hier Beschreibungen von bedeutungsvollen Tagen, astronomische Phänomene, Hinweise für verschiedene Zeremonien und anderes mehr.

Doch ebensowenig wie sich eine lückenlose Chronik des Mayavolkes rekonstruieren lässt, ist es möglich, eine Saga der Göttergeschichte zu entwerfen. Die Zuordnung der Götter wird durch die Tatsache erschwert, dass viele von ihnen dualistische Züge zeigen, also gut und böse, männlich und weiblich zugleich sein können. Es gibt Götter, die in ihrer Wesenheit vierfach auftreten, wie die Gottheit der vier Himmelsrichtungen.

Die Götterwelt der Maya ist mehrheitlich eine Männergesellschaft. Beim Vergleich der Götter-Physiognomien, die alles andere als sypmpatisch oder vertrauenerweckend wirken, hat sich eine alte und eine junge Generation ergeben. Während sich die alte Generation durch eine charakteristische Augenumrahmung und kantige Gesichtszüge auszeichnet, sind für die junge Generation mandelförmig nach oben verlaufende Augen und eine deformierte Stirn, die als Schönheitsideal galt, typisch. Letztere sollen die Maya durch das Aufbinden von Brettern künstlich erzeugt haben. Ebenso wie den leichten 'Silberblick', den eine auf der Nasenwurzel befestigte Perle hervorrief. Ein schielender Gott mit einem Brett vor dem Kopf - eine heitere Vorstellung!

Der Schöpfergott der Maya hieß Itzamná. Sein Name bedeutet soviel wie 'Haus des Himmels', wobei das Haus den gesamten Kosmos umfasst. Seine scharf gebogene Nase und die eingefallenen Wangenknochen sind Merkmale der alten Göttergeneration. Itzamná soll in Menschengestalt auf die Erde gekommen sein und den Maya die Schrift und das Kalenderwesen gebracht haben.

Karte der Maya Götterwelt Der Regengott Chac ist der in den Codices am häufigsten abgebildete Gott. Charakteristisch und einzigartig ist seine lange rüsselförmige Nase und die aus dem Mund hängende Zunge. Chac war der Gott des Windes, des Donners und des Blitzes zugleich und wie Itzamná ein den Menschen wohlgesoonnener Gott, der ihnen Leben schenkte. Der Regengott trat außerdem in vier Wesenheiten auf, die mit den Himmelsrichtungen assoziieren: als weißer Chac im Norden, als gelber Chac im Süden, als schwarzer Chac im Westen und als roter Chac im Osten. In seiner Hand hält er ein Beil, das nach Maya-Glaube Donner erzeugt, sobald die Regengötter es zu Boden werfen.

Ebenfalls zu den guten Göttern zählt Yum Kaax, der Maisgott, dessen Physiognomie deutlich seine Zugehörigkeit zur jungen Generation beweist.- Yum Kaax hält eine Maispflanze in der Hand, sein Kopfschmuck besteht aus einem Maiskolben mit Blättern. Am eindrucksvollsten ist der Maisgott auf einer Stele in Copán (Honduras) abgebildet.

Ah Puch ist der Name des Todesgottes, dessen Gestalt eine der furchterregendsten des gesamten Pantheon ist. Sein Rücken ist skelettartig dargestellt, sein Kopf zu einem Schädel mit fleischlosem Unterkiefer reduziert, und schwatze Flecken auf seinem Körper deuten die fortgeschrittene Verwesung an. Der knochenartige Ohrschmuck ist ein Symbol des Todes und seit der klassischen Zeit Kennzeichen für zum Tode verurteilte Gefangene. Ah Puch ist eine alles Leben bedrohende Gottheit, die in enger Verbindung zu den Kriegs- und Opfergöttern stand.

So etwa darf man sich die Bemalung der vielen Dutzend Friese in Tulum und anderswo vorstellen. Eine Mehrfachrolle spielt die alte Mondgöttin Ixchel, die gleichzeitig als die Göttin der Webkunst, der Liebe und Ausschweifung und als Verschütterin des Wassers verehrt wird. In den Codizes ist sie als alte Frau mit einem Schlangenkopfschmuck dargestellt, die gerade einen Krug Wasser ausgießt. Das Verschütten des Wassers wird als zerstörende Gewalt gedeutet und ist Zeichen ihrer negativen Seite. Positiv dagegen tritt Ixchel als Göttin der Liebe und Geburten auf. Es heißt, sie sei die Frau des Schöpfergottes Itzamná gewesen, und ihr Abbild unter das Bett einer Gebährenden gelegt, verhelfe zu einer leichten Geburt.

Zum Pantheon der Maya gehören eine lange Reihe weiterer Götter und Göttinnen. Die Identität vieler ist noch nicht gesichert, sodass es weiterer Forschergenerationen bedarf, um diese geheimnisvolle Götterwelt zu enträtseln.

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*) aus dem Buch "Guatemala" von Barbara Honner und René Meier [Verlag Reise Know-How; ISBN 978-3-8317-2020-0].


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