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Plötzlich ist Frühling

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May 12 2014

Quebec City (Canada, Quebec) (GPS: 46°44,929'N; 071°23,937'W)

Foto Canada Das Chateaux Frontenac mit seinen grünen Dächern, Zinnen und Türmchen: das unverkennbare Wahrzeichen der französischsten Stadt nach Paris. Überall Bistros, Restaurants, nette Boutiquen und Kunstateliers. Französisch wird hier ausschließlich gesprochen. Auch die Lebensart der Gallier hat überlebt - trotz sechs kalten Wintermonaten! Doch jetzt ist Frühling, Knospen hängen an Bäumen und Sträuchern ... und die sonnigen Flaniermeilen an der Stadtmauer sind der rechte Ort, um zu sehen und gesehen zu werden.

Ja, Quebec City ist eine recht ansehnliche Stadt - was bei einem Städtehasser wie mir schon etwas heißen mag. Sie ist die älteste 'richtige' Stadt hier im Norden, 1608 an einer strategisch günstigen - obendrein landschaftlich äußerst attraktiven - Stelle oberhalb des Saint Lawrence River angelegt. Nach wie vor gibt es zwei Stadtteile: die baseville an den Ufern des Stroms und die hauteville zweihundertfünfzig schweißtreibende Treppenstufen weiter oben. Das Chateaux - inzwischen ein 5-Sterne-Hotel - bildet den krönenden Abschluss. Daneben nehmen sich die - wenig fotogenen - Regierungsgebäude fast winzig aus. Dabei ist Quebec City doch die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, fühlt sich allerdings als Hauptstadt ganz Canadas. Zumindestens des frankophonen Teils!

Selbst vom gegenüberliegenden Flussufer ist das Chateau Frontenac nicht zu übersehen. Foto Canada Foto Canada

Zwei Dinge fallen in Quebec City schnell ins Auge: zum einen die Straßenmusikanten, die sich hinter ihren Kollegen in Paris wahrlich nicht verstecken müssen ... und die Wandgemälde! Die sind zwar keine Erfindung der Quebecoise, doch hier werden sie geliebt und gepflegt wie kaum anderswo. Giebelseiten sonst potthäßlicher Häuser werden mit wahren Kunstwerken verziert, die eher an van Gogh erinnern als an modernes Grafitti. Das müsst ihr einfach gesehen haben!

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Der Frühling ist da!!!

Der wahre Grund, warum mich Quebec City so entzückt hat, ist ... das Wetter! Natürlich ist auch das keine Erfindung der Quebecoise, doch die warmen Sonnenstrahlen sind eine wahre Wohltat nach vier Wochen frostigem Spätwinterwetter in den maritimen Privinzen. Immerhin ist es Mitte Mai - allerhöchste Eisenbahn für echten Frühling!

Foto Canada Interessant gestaltet sich dabei der Übergang: oben auf der Halbinsel Gaspesie, mehr noch im Osten, in New Brunswick und Nova Scotia liegen die Frühtemperaturen gerade mal um den Gefrierpunkt. Auch heute noch! Tagsüber klettert das Quecksilber kaum einmal in den zweistelligen Bereich. Auf der Fähre über den Saint Lawrence River (Matane - Baie Comeau) und entlang seines Nordufers sieht das Bild nicht viel anders aus. Selbst in Tadoussac und dem Saguenay P.P. driften noch meterdicke Eisschollen auf Fluss und Seen.

Sechzig Kilometer weiter südlich - an den Hängen der Laurentian Mountains - setzt schlagartig Nebel ein. Keine fünfzig Meter beträgt die Sichtweite. Dicker, kalter, eisiger Nebel. Nieselregen, der in jede Pore kriecht. Eine Stunde später hört der Nebel auf - genauso plötzlich wie er gekommen war. Und das Thermometer macht einen Satz nach oben: 28 Grad im Schatten, strahlender Sonnenschein und 98 Prozent Luftfeuchte! Welch ein Unterschied! So schnell kann ich Jacken und Pullover gar nicht ausziehen und die Ärmel hochkrempeln!

Noch treiben Eisschollen auf den meisten Seen Der Nebel bildet sich offenbar an der Grenzzone zwischen einem Hoch mit warmer und feuchter Luft über dem kanadischen Kernland - und kalter Luft, die noch immer von Grönland und der Arktis über den Saint Lawrence Strom herunterzieht. Meinetwegen kann das Wetter für die nächsten Wochen so bleiben!

Foto Canada Was der Luft recht ist, scheint dem Wasser billig zu sein: Tadoussac, am Nordufer des Saint Lawrence River, da, wo der Fjord des Saguenay River in den Strom mündet ist weltberühmt ... als einer der besten Plätze zur Beobachtung von Walen! Krill und kleine Fische - Lieblingsnahrung mehrerer Walarten - ziehen im kalten Atlantikwasser bis hier nach Süden und werden aprupt vom Süßwasser des Saguenay gebremst. Die Wale brauchen hier nur noch das Maul öffnen und werden quasi gefüttert.

Foto Canada Neben den hellen, fast weißen Belugas, die sich das ganze Jahr über hier laben, ziehen regelmäßig Mink-Wale, Humpback-Wale, Fin-Wale und zwei weitere Arten der großen Säuger hier durch, um sich den Magen vollzuschlagen. Die zweistündige Safari in dem schnellen Zodiac bleibt allerdings - fotografisch gesehen - wenig ergiebig. Da das Futter so reichhaltig ist, müssen wie Wale nicht groß tauchen, treiben eher träge nahe der Wasseroberfläche und tauchen nur mal kurz zum Luftholen auf. Schön für die Wale, schlecht für den Fotografen!

Lasst mich daher noch kurz ein paar Worte zum Weg hierher sagen.

Noch ein Blick in's Geschichtsbuch

Die Geschichtsbücher Amerikas und Canadas reichen allenfalls bis 1492 bzw. 1497 zurück. Gerade mal 500 Jahre! Verglichen mit Afrika, Asien oder Europa ein ausgesprochen junges Land! Und was war davor? Davon erzählen keine Bücher, keine Lagerfeuergeschichten, keine Überlieferungen, sondern ... Steine. Richtig, Fossilien. Davon gibt's hier im Osten Canadas eine ganze Menge, allen voran die beiden Fundstätten bei Joggins und Miguasha. Wie bitte, nie gehört? Macht nichts, ich bisher auch nicht!

Foto Canada Dabei sind beide hochinteressant! Und ziemlich alt! Am Strand von Joggins blickt man ungefähr 500 Millionen Jahre zurück, in Miguasha immerhin 350 bis 380 Millionen Jahre! Und was gab's damals Interessantes?

Zuerst mal keine Menschen. Noch lange nicht! Glückliche Erde! Vor 500 Millionen Jahren gab's noch nicht einmal Amerika, Europa oder Asien! Damals driftet noch der Superkontinent Pangäa über die Weltmeere und es ist tropisch heiß und feucht. An Land gibt's neben gigantischen Bäumen und riesigen Farnen nur ein paar (ebenfalls riesige) Insekten! Absterbende Bäume an Land bilden über die Jahrmillionen Öl und Kohle, die wir heute so großzügig verheizen. Fielen die Bäume aber ins flache Wasser, konnten sie vom Sediment stabilisiert werden und über die Jahrtausende versteinern (mineralisieren). Und mit ihnen eine ganze Reihe von Kleinlebenwesen, die in dem Baum Schutz gesucht hatten. Das ist das, was wir heute bei Joggins am Nordostende der Bay of Fundy bewundern können.

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Ja, unten am Strand man kann tatsächlich Steine in die Hand nehmen, die 500 Millionen Jahre alt sind und Farne und Muscheln von damals zeigen! Und jedes Jahr nach den Winterstürmen werden an dem fünf Kilometer langen Kliff neue Felsen freigelegt. Mit neuen Versteinerungen! Durch die schräg stehenden Gesteinsschichten liegt die Entwicklung des Karbon-Zeitalters wie in einem aufgeschlagenen Geschichtsbuch vor dem Besucher. Je nachdem, in welchem Strandabschnitt man sucht, sind die Steine 450 bis 550 Millionen Jahre alt. Und noch längst ist nicht alles freigelegt!

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Dana, unser Führer erklärt uns das alles bei einem ausgiebigen Strandspaziergang (der nur bei Ebbe möglich ist). Dazu noch einige Geschichten über die hiesige Kohlemine, in der bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts die Kohle auch unter Wasser abgebaut wurde (weltweit wohl einzigartig). So nah können Treibstoff- und Geschichtsresourcen beisammen liegen, stammen sie doch beide aus der gleichen Zeit!

Miguasha - kaum 300 Kilometer Luftlinie entfernt - gibt einen Blick auf eine wesentlich spätere, noch weit interessante Zeit frei: das Devon. In dieser Zeit, als das Leben noch hauptsächlich im Ozean stattfindet und sich ein euro-amerikanischer Urkontinent von Gondwanaland löst, entwickeln erste Fische neben Kiemen auch Lungen, neben Flossen auch Beine und wagen sich erstmals an Land. Die Geburtsstunde der Reptilien - die allerdings eher ein paar Jahrmillionen dauert. Aus ihnen wird sich das gesamte Leben an Land entwickeln - seien es Reptilien wie Krokodile oder Schildkröten, Vögel wie Seeadler, Kolibris oder Spechte, schließlich Säugetiere wie Pferde, Kaninchen, Affen oder Menschen!

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Schon ulkig, wie spannend Geschichte plötzlich sein kann, wenn man sie mit den eigenen Händen greifen kann!

Canadas kleinste Provinz

Foto Canada Auf jedem Nummernschild ist's zu lesen: "Wir sind der Geburtsort der Nation". Die Bewohner von Prince Edward Island sind mächtig stolz darauf, dass in ihrer Hauptstadt der Grundstein für das heutige Canada gelegt wurde. Wir schreiben das Jahr 1864, als sich fünf Gouverneure der englischen Provinzen im Osten zusammentun und den Grundstein für das heutige Canada legen. Sogar die Queen war amused und entließ die Provinzen wenig später in die Selbstständigkeit. Bemerkenswert ist, dass sich die hohen Herren nach einer ganzen Woche harter Verhandlungen in Charlottetown noch immer nicht einig waren. Als die Gouverneure von Ober- und Niedercanada (heute Quebeck und Ontario), die eigentlich nur als Beobachter teilnahmen, sie auf ihr Segelschiff einluden und man gemeinsam schlemmte, war das Eis innerhalb kürzester Zeit gebrochen. Am nächsten Morgen war der Vertrag so gut wie fertig! --- Merke: "Wichtige Dinge sollte man eben beim Essen besprechen!" Heutzutage ist das nicht anders!

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Der Rest der Insel, die von Nova Scotia aus über eine Fähre (im Sommer) oder die 'Confederation Bridge', die mit vierzehn Kilometern längste Brücke der Welt zu erreichen ist, ist auch recht sehenswert. Die Nordküste ist ein beliebtes Baderevier, liegen die Wassertemperaturen im Sommer oft über 20 Grad. Jetzt im Frühling schwimmen zumindest mal keine Eisberge mehr herum!

Foto Canada Nahe Cavendish wird eine Schriftstellerin namens Lucy Maud Montgommery (1874 - 1942) wie eine Nationalheilige verehrt. Sie lebte und schrieb am liebsten in einem Haus mit grünen Giebeln und hatte damit auch schon den idealen Plot für Ihre sommersprossige, Zöpfe tragende Heldin gefunden: die stets 15-jährige 'Ann of Green Gables', die hier wohl allerlei Unfug anstellte. Pippi Langstrumpf auf kanadisch. Die Buchserie wurde international ein Riesenerfolg, in Deutschland kennt sie kaum einer. Der Größe des Parkplatzes nach zu schließen muss hier im Sommer heftig was los sein!

Die etwas andere Provinz: Quebec

Zurück auf dem Festland, geht's im Sauseschritt durch New Brunswick, eine Art Pufferprovinz, die von allen angrenzenden Provinzen ein wenig zu bieten hat, aber wenig wirklich spektakuläres. Interessant ist allenfalls Arkadien, das östliche, vorwiegend von Franko-Kanadiern bewohnte Gebiet. Hier wie drüben in Nova Scotia halten Sie auch hier ihre sternengeschmückte Trikolore hoch, sprechen aber trotzdem englisch.

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Jenseits der Brücke, drüben in Quebec ist alles ganz anders! Da wird ausschließlich französisch gesprochen und kein Franko-Kanadier muss sich mehr outen. Quebec ist schließlich Canada - und da wird nun einmal französisch gesprochen! Punkt! Das Selbstverständnis der Bewohner ist schon recht ausgeprägt! Nicht viel anders als drüben auf dem alten Kontinent eben. Nebenbei: das Gedränge auf Straßen und an den Supermarktkassen ist auch merklich größer als in den anglophonen Staaten! Kein freundliches "Sorry", wenn man in den Regalgängen aneinander vorbeimuss. Kein "After You", wenn man an der Kasse nur zwei, drei Dinge bezahlen will. Kleinigkeiten nur, die aber in Summe ein Gefühl von "Wohlfühlen" ergeben!

Foto Canada Voilá, nun geht's eben mit französischen Ortnamen weiter. Nämlich rings um die Halbinsel Gaspé, die wie ein Seehundkopf in den Saint Lawrence Golf lugt. Gleich nach der Brücke rechts finden sich die Fossilien von Miguasha (siehe oben), vierhundert Kilometer weiter, an der östlichsten Spitze der Halbinsel dann ein riesiger Monolith mit Loch ... und eine (noch) verlassene Sommerfrische: Percé.

Foto Canada Auf einer Straße, die so dicht am Meer entlangläuft, dass sie bei Flut schon mal überspült werden kann geht's etwas monoton am Haupt des Seehunds wieder nach Westen, später nach Südwesten. Zum Nationalpark de la Gaspesie. Neben vielen wilden Rentieren ('Moose') locken hier vor allem ... die Berge! Waren die maritimen Provinzen eher flachbrüstig, recken sich hier die nördlichen Appalachen bis zu 1200 Meter in die Höhe. Auch der längste Wanderweg Amerikas beginnt hier: der Appalachian Trail, der sich über viertausend Kilometer bis hinunter nach Florida windet und durchgehend auf Schusters Rappen erwandert werden kann. Dagegen ist der Camino de Santiago ein lockerer Wochenend-Spaziergang!

Foto Canada Foto Canada Kaum verlässt man den Parkplatz, stapft man noch durch knietiefen, sulzigen Schnee. Was nicht wirklich Spass macht. Außerdem darf man nicht in die größeren Höhen, um den Rentieren keinen Stress zu veranstalten und die Aufzucht der Jungtiere nicht zu stören. Schade! Ab Mitte Juli darf man dann aber wieder hoch.

Nach dem Park ist's nicht mehr weit zur einzigen Fähre über den großen Fluss (zu dieser Jahreszeit). Den Reisenden katapultiert sie aus einem einsamen, verschlafenen Fischerdorf (Matane) in zwei quirlige Städte (Baie Comeau und Hauterive). Hier am Nordufer des Saint Lawrence River gibt's (a) Bauxit in riesigen Mengen und (b) den nötigen Strom (aus Wasserkraft) um ein paar energiehungrige Aluminiumschmelzen zu betreiben. Umwelt und Naturidylle suchende Reisende freut das allerdings wenig!

Foto Canada Foto Canada Idylle ist trotzdem noch zu finden: beispielsweise in Sault au Mouton, wo der eilige Autofahrer schwupps über die Brücke düst - und das Naturschauspiel zu seinen Füßen völlig verpasst: ein Wasserfall, der sich aus siebzig Metern Höhe über drei Kaskaden direkt ins Meer ergießt. Jetzt zur Schneeschmelze sind die Wassermassen gigantisch ... und der Techniker rechnet gleich nach, wie viel Strom man daraus gewinnen könnte. Gott sei Dank hat noch niemand einen Staudamm gebaut, wohl auch deshalb, weil sich die Wassermenge im Sommer auf ein Zehntel reduziert - und im Winter eh nur meterhohe Eiszapfen von den Naturschauspiel zeugen.

Vom Wasserfall geht's zügig weiter gen Südwesten. Tagesziel ist Tadoussac, ein kleines Städtchen mit einer weltbekannten Attraktion: Wale. Einer der besten Plätze weltweit, um Wale zu sehen. Gerade zu dieser Jahreszeit! Und von Tadoussac sind es gerade mal noch 220 Kilometer bis Quebec City!

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Well, nach so viel Natur - und der gelungenen Einstimmung auf Städte - werden die Higlights der nächsten Etappe eher städtischer Natur sein: die größte Stadt Quebec's (Montreal), die Hauptstadt Canadas (Ottawa) sowie die größte Stadt Canada' (Toronto) reihen sich wie Perlen auf der Schnur auf dem Weg zu den Niagarafällen, dem südlichsten Punkt meiner Canada-Etappe. Sicher wird's da das eine oder andere Neue und viel Interessantes zu entdecken geben!

Lassen wir uns überraschen!