Site Network: Lady Grey | Sandfloh 1+2 | Gästebuch | Impressum | History | Der Autor | Suche+Sitemap |

Karte Canada Karte Canada Fotoalbum

Europa 2.0

CDN QC ON


Mai 25 2014

Blue Mountains (Canada, Ontario) (GPS: 44°29,584'N; 080°19,102'W)

Foto Canada - Bis Paris 12 Kilometer,
- bis London 53 Kilometer,
- bis Heidelberg 45 Kilometer,
- bis Sankt Johann 48 Kilometer.
So steht's geschrieben auf dem Wegweiser am Ortsausgang von 'Kitchener'. Einer Stadt, die bis zum ersten Weltkrieg noch 'Berlin' heisst (aber aus Solidarität zu den übrigen Canadiern flugs umbenannt wurde). Hier im Südwesten Ontarios liegen die Städte Europas dichter beisammen als auf dem alten Kontinent selbst!

Foto Canada Auch ohne Ortsschilder erinnert diese Ecke des Riesenlandes mehr an Europa als irgend ein anderer Teil. Überschaubare Entfernungen, leicht gewelltes Hügelland, geschlossene Ortschaften, die sich um die schmucke Kirche (und den McDonald's) sammeln, verstreute Bauernhöfe, günstige Wochenmärkte (hier Farmer's Market genannt). Dazwischen schwarze Pferdefuhrwerke mit schwarz gekleideten Kutschern und ebenso schwarz gekleideten Frauen in alter Bauerntracht. Hie und da seltsam vertraut klingende, altdeutsche Wortfetzen. Das Land rund um Kitchener, das alte Berlin wird auch als Canadas German Capital bezeichnet, nicht zuletzt wegen der seit Jahrhunderten hier ansässigen, strenggläubigen Mennoniten. Richtig, die Herrschaften in Schwarz! Mehr als vierzigtausend von ihnen leben hier - und produzieren leckeres Obst und Gemüse. Streng nach ökologischem Anbau.

Foto Canada Doch zurück zum Beginn der Etappe! Nach Quebec City und der Erkundung der ersten großen Stadt Canadas. Die könnt Ihr ja im vorherigen Kapitel nachlesen. Nun geht's im flotten Tempo - mehr oder weniger - am großen Fluss entlang. Nicht nur hier am Saint Lawrence River sehe ich zahlreiche überschwemmte Wiesen und Felder. Allenthalben klagen die Menschen über den nicht enden wollenden Regen. Sogar das Radio warnt dringend vor Fahrten in den Norden: dort ist allenthalben "Land unter"! Riesige Über­schwemmungen. Der Grund ist das Zusammentreffen von Schneeschmelze und ungewöhnlich viel Regen! Auch hier die Folgen der Klimaerwärmung!

Viele Meteorologen schieben des auf den El Niña Effekt (Umkehr der Meeresströmung "El Niño" vor der südamerikanischen Westküste), der dieses Jahr wieder zu zahlreichen außergewöhnlichen Wetter­phänomenen führen soll. Na Prima, ausgerechnet dieses Jahr!

Doch jetzt geht's erst einmal in eine Stadt, die von alledem nichts weiß.

Montreal, größte Stadt von Quebec

Foto Canada Die Nachtplatzsuche in einer fremden Millionenstadt ist immer ein Vabanque­spiel. Campingplätze in der Innenstadt sind rar wie Lichtungen im Urwald. Camps in den Vororten liegen abseits jeden Geschehens und meist ohne Anbindung durch Bus oder Bahn! Das ist in Europa nicht anders! Außerdem: wer will schon auf einem Campingplatz übernachten?

Ohne festes Ziel rolle ich in die City von Montreal. Heisse Kandidaten für einen möglichen Stellplatz sind der Botanische Garten und das alte Olympiazentrum. Beide für sich einen Blick wert, beide mit Anbindung an die Öffentlichen und beide mit großen Parkplätzen bestückt!

Und beide Fehlanzeige! Riesige Hinweisschilder, die auch ein Blinder mit dem Krückstock nicht übersehen kann verbieten das Abstellen von RV's sowie das Übernachten zwischen 24h und 6h. Todesmutig rolle ich - auf ziemlich miesen, schlaglochübersäten Straßen, wie ich feststellen muss - weiter. Mitten hinein in die Innenstadt. In die City. Hangle mich von einem grünen Flecken auf der Karte zum nächsten. Irgendwo muss es doch einen halbwegs ruhigen Parkplatz geben! Trotz Sonntag nachmittag bleibt der Wunsch ein Traum!

Foto Canada Im dritten Anlauf lande ich im Allerheiligsten der Stadt. Oben auf dem Royal Mountain bzw. dem Mont Real, der der Stadt ihren Namen gibt. Riesiger Parkplatz. Ruhig. Hübsch gelegen an grünen, frisch gemähten Wiesen und kleinen Seen. Dazwischen ein paar nette Steinskulpturen. Perfekt!

Brav füttere ich die Parkuhr: acht Euro pro Tag, das ist zu verkraften! Das Schildchen, das auch hier das Parken ab Mitternacht verbietet, ist so winzig, dass ich es gar nicht wahrnehme. Nicht wahrnehmen will! Eine Nacht wird schon gehen - und länger will ich eh nicht bleiben! Tatsächlich ernte ich die üblichen Kommentare zur Lady Grey, aber weder Strafzettel noch Ermahnung.

So geht's gleich am frühen Abend noch auf Stadtsafari. Von oben habe ich einen guten Überblick - aber was ich sehe, begeistert mich wenig: Hochhäuser, Wolkenkratzer, tief eingegrabene Straßenschluchten, darauf Autos, groß wie Ameisen und Fussgänger, groß wie Staubkörner. Ich weiss, warum ich Städte nicht mag!

Foto Canada Taucht man ein in die Schluchten, findet sich doch das eine oder andere Kleinod. Wie die alte und hoch angesehene 'Gill'-Universität, aus der seit Jahrhunderten die besten Ärzte und Wissenschaftler Canadas hervorgehen. Eine englischsprachige Universität. Was die frankophonen Stadträte gar nicht gerne hörten ... und deshalb gleich zwei weitere - französischsprachige - Universitäten gründeten. Doch Masse allein tut's eben nicht!

Foto Canada Dafür können die frankophonen bei den Kirchen punkten: 450 Kirchen soll die größte Stadt der Provinz Quebec beherbergen, die meisten davon römisch-katholisch, darunter sogar die zweitgrößte Kathedrale der Welt ('L'Oratoire Saint-Joseph du Mont-Royal') - gleich nach dem Petersdom in Rom. Darauf sind sie mächtig stolz ... und warten gespannt darauf, wann ihr Erbauer, ein einfacher - französischsprachiger (!) - Pater, heiliggesprochen wird.

Foto Canada Die restlichen Kirchen gibt's gut versteckt zwischen den Wolkenkratzern. Trotzdem soll dem Vernehmen nach ihr Draht nach oben besser sein als der in den Hochhäusern! Mein Draht nach oben scheint sich auch zu bessern. Zumindest kurzzeitig. Hatte es gestern noch geregnet und war trüb und kalt, scheint die Sonne heute vom strahlend blauen Himmel, das Quecksilber kratzt an der 30-Grad-Marke und ich finde einen noch viel schöneren Parkplatz. Ein richtiges Idyll: auf der Insel 'Sainte Helene', direkt beim äußerst sehenswerten 'Biodome'.

Foto Canada Unter einem kugelförmigen Rohrgeflecht ist hier vieles zum Thema Umweltschutz zusammengetragen. Vom sparsameren Autofahren über die Vermeidung von Plastik bis zum Einsatz von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie soll den Canadiern das Thema Environment näher gebracht werden. Dazu gibt's zahlreiche, toll aufgemachte Vorträge zu Themen, die ganz Canada hautnah berühren: zu Tornados, zu Extremwintern (wie dem letzten) zu verheerenden Überschwemmungen (wie sie derzeit im Norden Ontarios wüten). Den Kanadiern allerdings geht das Thema ziemlich am A... vorbei: ich bin der einzige Besucher! "Selbst in den Schulen wird nichts zu diesem Thema vermittelt" verrät mir einen nette Betreuerin und fragt mich gleich drauf aus, wie das denn in Deutschland so wäre ... Ja, auf diesem Gebiet ist Canada noch ein (r)echtes Entwicklungsland!

Der rechte Ort, um die Reisekasse aufzubessern? Gar kein Entwicklungsland ist Canada im Bezug auf 'Großes'. Nicht unbedingt 'Großartiges'! Alles hier ist riesig, weitläufig, kolossal, amerikanisch. Je weiter ich von den maritimen Provinzen in den Süden vorstoße, desto größer werden die Dinge. Wie das Casino auf der 'Ile Notre Dame'. Wie die Formel-I-Rennstrecke gleich daneben (auf der abends nur schnelle Radler ihre Runden drehen). Wie die Autobahnen mit zwölf und mehr Fahrspuren. Wie die Freeway-Kreuzungen, auf denen ganze Stadtviertel Platz hätten. Wie die Vorstädte, die sich (wie die von Montreal) wie Krakenarme fünfzig und mehr Kilometer ins Umland ausbreiten.

Foto Canada "In der Stadt selber", so erzählt uns der Guide der - recht überteuerten - Busrundfahrt "ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Hier leben einhundertzwanzig Nationalitäten Tür an Tür zusammen. Man kommt miteinander klar, toleriert die Eigenarten der anderen. Und überhaupt: wir sind alle Canadier!" Im Krankenhaus kann man sich in einhundertfünfzig Sprachen mit dem Doktor verständigen ... dagegen spricht ein Viertel der Bevölkerung nur Französisch: "Willkommen in Quebec, Vive La France!" Ein anderes Viertel der 1,6 Millionen Einwohner spricht allerdings drei oder vier Sprachen, eben nicht nur Französisch und Englisch. Nun, das nenne ich eine Weltstadt! Tatsächlich trifft man unterwegs ein wahrhaft kunterbuntes Völkergemisch: Inder, Ostasiaten, Chinesen, Amerikaner, Schwarze, Franzosen, Engländer, Deutsche. Es macht Spass, in die verschiedenen Gesichter zu sehen und zu raten, wo die Menschen - oder ihre Vorfahren wohl hergekommen sein mögen.

Foto Canada Eine Stadt der Kunst und der Unterhaltung ist Montreal allemal. Ein halbes Dutzend Museen beherbergt die Stadt, nicht zu vergessen die zahlreichen Musikfestivals, die - wie die Jazztage - Weltformat haben. Leider findet das meiste davon - eng gedrängt - im Juli und August statt. Zu einer Zeit, zu der ich schon längst im noch attraktiveren Westen Canadas weilen will.

Foto Canada Fünf Dinge lasse ich mir bei meiner abschließenden Rad'l-Exkursion an die Waterfront nicht entgehen:

  • den strahlenden Sonnenschein
  • die Obstbäume, die ihre schönsten Blüten zeigen
  • das Habitat 67, ein futuristisches Ensemble aus über 300 Wohnzellen
  • leckere Crepes mit Maple-Sirup von einem kleinen Stand am Wasser
  • die alten Getreidesilos, nur einen Steinwurf von der attraktiven Waterfront des Vieux Ports entfernt.

Foto Canada Foto Canada Foto Canada

Aus dem einen Tag, den ich für Montreal geplant hatte, sind nun doch vier Tage geworden. Vier Tage, in denen ich mich so gut wie möglich von den Hochhausschluchten fernhalten - und trotzdem interessante Dinge entdecken kann. Am Freitag geht's dann weiter. Auf endlosem Freewaygen Westen, zur nächsten großen - und nicht minder wichtigen - Stadt: der Hauptstadt Canadas.

Die Hauptstadt Canadas: Ottawa

Foto Canada Gerade mal die Hälfte der Einwohnerzahl Montreals erreicht die Hauptstadt Canadas, Ottawa. Ihren Spitznamen Westminster of the Wilderness trägt sie nicht ganz zu Unrecht. Wir schreiben das Jahr 1857, als die englische Königin eine neue Hauptstadt für die neu erfundene 'Dominion of Canada' finden muss. Die USA haben sich gerade von ihr losgesagt und drohen, sich auch Canada einzuverleiben. Dazu der ewige Zwist mit den frankophonen Quebecoise. Jedem will sie's Recht machen und keinen vor den Kopf stoßen. Was halt so der Job einer Königin ist. Da findet ihr Finger einen weißen Fleck auf der Landkarte, weit genug von der Grenze zu den USA entfernt, just an der Grenze zu den Frankophonen. "Let's make a new Capitol" ruft sie sichtlich amused ... und Ottawa ist geboren. Vielmehr ist es noch ein winziges Holzfällernest im Nirgendwo, in dem nun ganz schnell die Infrastruktur einer Hauptstadt hochgezogen werden muss.

Foto Canada Foto Canada Foto Canada Die Baupläne von Westminster sind noch greifbar ... und Big Ben kommt bei den Untertanen auch ganz gut an. Also machen wir's drüben in der frischgebackenen Hauptstadt genauso. So entstehen in gerade mal zehn Jahren die neuen Parlamentsgebäude mitsamt Glockenturm und Uhr. Hübsch, sehr hübsch gelegen auf einem Hügel über dem Ottawa River, mit Blick ans andere Flussufer, nach 'Gatineau', das schon auf französischer Seite liegt. Alles ist ein bißchen kleiner als in 'Good Old England', aber viel netter und praktischer. Schon bald schlagen sich die Parlamentarier darum, "im schönsten Parlament der Welt" arbeiten zu dürfen. Natürlich in den Büros mit Blick auf den Fluss!

Foto Canada Auch die Frauen Canadas wollen natürlich in den schönen Regierungssitz! Sie wollen nicht nur wählen ... sie wollen auch gewählt werden können. Mitbestimmen, was im Land so abgeht! Das aber ist ihnen lange untersagt, da sie keine qualified persons seien. Dabei bekleiden sie seit Jahren die wichtigsten Ämter im Staat: Kauffrauen, Bürgermeisterinnen, Richterinnen, Königinnen. Nur sind sie eben nicht 'qualified'. Erst am 18.Oktober 1929, zweiundzwanzig Jahre nach den ersten (negativen) Urteilen in Canada entscheidet das höchste englische (!) Gericht, dass auch Frauen für den Senat qualifiziert genug seien und gewählt werden dürfen. Ein gewaltiger Sieg für die Canadierinnen, die seither auch die politischen Geschicke des Landes maßgeblich mitbestimmen. Die oberste Cheffin der Canadier ist ja sowieso eine Frau, auch heute noch: die Königin von England!

Foto Canada Wenige Jahre nach der rechtlichen Gleichstellung der Frauen in Canada tobt in Europa der zweite Weltkrieg und viele Niederländer, darunter auch ihre Königin, fliehen vor den Nazis. Nach Canada, in den Raum Ottawa. Als Dank dafür gibt's nun jedes Jahr eine große Kiste Tulpenzwiebeln und ganz Ottawa und ihre Schwesterstadt Gatineau erstrahlen in den leuchtenden Farben frischer Tulpen aus Amsterdam.

Foto Canada Schiff- bzw. Bootfahrt spielt in Canada seit Urzeiten eine herausragende Rolle. Nach ihrer 'Entdeckung' sind es ja in erster Linie die Indianer, die mit ihren Kanus den Europäern den Weg ins Landesinnere überhaupt erst ermöglichen. Lange bevor der TCH bzw. die Eisenbahn gebaut werden (das passiert erst Anfang des 20. Jahrhunderts), läuft der Warentransport ausschließlich auf dem Seeweg. Die Kette der Großen Seen, Ihre zahlreichen Nebenflüsse sowie Tausende von 'kleineren' Seen, die untereinander mehr oder weniger vernetzt sind, bilden das Rückgrat des gesamten Warenhandels. Noch heute verkehren Hochseeschiffe bis nach Thunder Bay am Lake Superior, mitten in Canadas Wildnis, das zwar 3000km vom Atlantik entfernt ist, aber nur auf einer Seehöhe von 183m liegt!

Foto Canada Diese wenigen Höhenmeter müssen zudem auf eher kurzen Strecken überwunden werden: dort, wo Felsbarrieren die einzelnen Seen voneinander trennen. Die größte Stufe bildet dabei das Niagara Escarpment zwischen dem Lake Erie und dem Lake Ontario: fast einhundert Meter. Dort donnern dann auch die sehenswerten, aber schifffahrtstechnisch doch eher hinderlichen Niagara Falls in die Tiefe (s.u.). Schon seit zweihindert Jahren kann man die aber auf einem längeren Kanal umschiffen. Die anderen Stufen kann man hingegen einfach mit Schleusen umgehen, der Lake Huron und der Lake Erie liegen sogar fast genau gleichauf (nur drei Meter Höhenunterschied!) Alles in Allem ein ideales Terrain für den Personen- und Warentransport per Schiff bzw. Boot! Ideales Terrain auch für Freizeitkapitäne jeder Couleur. Ob Kanu oder Kajak, ob Motoryacht oder Hausboot, es gibt kaum einen Kanadier, der nicht mindestens eines davon im Hof (oder auf dem Wasser) stehen hat.

Foto Canada Ottawa und sein Canal Rideau, der sich durch das Stadtgebiet windet, ist fast schon so etwas wie die Quintessenz des gerade geschilderten: mitten in der neuen Hauptstadt stellt sich der Felsriegel der 'Laurentians' dem Ottawa River in den Weg. Die Stromschnellen verbieten jede Schifffahrt - sind aber über den Canal Rideau und ein paar Schleusen einfach zu umgehen. Noch heute lassen sich die Kapitäne zahlloser Sportboote gerne über die acht (handbetätigten) Schleusen hinauf- oder hinunterheben. Eine Prozedur, die schon mal zwei Stunden lang dauern kann und der Mannschaft von Canada Parks, die die Schleusen betreiben, viel Muskelkraft abverlangt.

Foto Canada Der Rest der Stadt hat auch noch so einiges zu bieten - eben alles, was die Hauptstadt einer 'großen Nation' eben so braucht: Kunstmuseen, Geschichtsmuseen, Kriegsmuseen, das National Peacekeeping Monument (zu Ehren der kanadischen Blauhelme), das Bytownmuseem (Geschichte des Canal Rideau), ein Canadian Aviation and Space Museum und noch mindestens ein halbes Dutzend mehr.

Foto Canada Ihr erinnert euch sicher, welch glühender Museumsfan ich bin. Daher bleiben auch hier die meisten Ausstellungen unbehelligt. Allenfalls die moderne Stahl- und Glasarchitektur der National Gallery of Canada kann mir ein paar "Aaaahhhs" entlocken. Statt alter, verstaubter Gemälde guck ich mir lieber an, was die zahllosen Schuhläden der noch zahlreicheren Einkaufspassagen für euch Damen zu bieten haben.

Alles in allem wird Ottawa seinem Spitznamen ganz gut gerecht. Nervosität, hektisches Treiben, den Trubel einer Großstadt sucht man hier vergeblich. Im Vergleich zu Montreal ist die Hauptstadt in meinen Augen ein 'großes, gemütliches Dorf', das aber doch viel Sehenswertes zu bieten hat!

Moloch am Lake Ontario: Toronto City

Foto Canada Nun, über Toronto kann ich gar nicht viel berichten. Der Highway #7 führt von Ottawa erst durch recht nette Landschaft gen Südwesten und spuckt die Lady Grey bald auf den Highway #401 aus. Dieser verläuft als Freeway schnurstracks Richtung Toronto - und bei jeder Einfahrt kommen ein paar neue Fahrspuren hinzu. Aus den vier Spuren bei Peterborough werden vierundzwanzig (!) nahe Toronto City. Alle gut gefüllt, bei uns heißt so etwas 'dichtes Verkehrsaufkommen'. Und was soll ich sagen: irgendwo in dem Gewimmel übersehe ich die richtige Ausfahrt. Oder will ich sie übersehen? Allein der Verkehr - obwohl er geordnet und ohne große Staus läuft - widert mich derart an, dass ich von einer Stadtbesichtigung nichts mehr wissen will. Noch mehr Autos? Noch mehr Gedrängel? Noch mehr Menschen? Nein Danke! Ohne mich! Ich bleibe einfach auf der durchgehenden Express-Lane, die mich hoffentlich ungeschoren an dem Moloch vorbeibringt! Von Toronto werde ich eben nur die vier­und­zwanzigspurige Autobahn im Gedächtnis behalten. Auch recht!

Foto Canada Aber zu früh gefreut! Der Stau trifft mich doch noch. Obwohl Sonntag nachmittag ist und ich gehofft hatte, dass alle Bewohner längst im Grünen sind, strömen die meisten am Nachmittag doch noch hinaus. Alle offenbar in meine Richtung! Klar, auf dieser Straße geht es ja in die Staaten ... und zu den Niagara Falls, von denen offenbar auch die Einheimischen nicht genug bekommen können. Dennoch läuft der Verkehr zivilisiert, irgendwie geht es immer ein bißchen vorwärts ... und nach weiteren hundert Kilometern sind doch viele Autos irgendwohin abgebogen, sodass sich die restlichen auf zwei Fahrspuren (von anfänglich zwölfen) durch das Städtchen Niagara Falls quetschen können.

Kurz vor Toreschluss (5pm!) erreiche ich das Tagesziel: den halbleeren Campingplatz in Niagara Falls, von dem aus man die Fälle gut zu Fuss, besser noch mit dem Rad'l erkunden kann.

Niagara Falls

Foto Canada "Eine der zehn größten Sehenswürdigkeiten der Welt!" - "Das musst Du gesehen haben!" - "Canada ohne 'Niagara Falls': das geht ja gar nicht!" So oder so ähnlich legt mir jeder "die Fälle" ans Herz. Nicht nur mir. Vierzehn Millionen Besucher verzeichnet das Städtchen pro Jahr. Und heute, am Victoria Day Weekend, dem offziellen Startschuss des Sommers und damit der Reisezeit zieht es offenbar die ersten zehn Millionen hierher!

Foto Canada Doch die Menschenmassen verlaufen sich. Die meisten kommen eher hierher, um ihr Geld im Casino zu verspielen. Entlang des Flusses ist Flanieren und Fotografieren angesagt. Da geht es mir nicht anders als den restlichen Touris aus aller Welt. In der Tat sind beide Wasserfälle recht beeindruckend. Ja, man könnte tatsächlich von Weltklasse sprechen. Obwohl sie weder von der Höhe noch von der Breite ganz oben rangieren: unter den höchsten liegen sie mit ihren 51 Metern Fallhöhe gerade mal auf Rang fünfzig (die höchsten sind die 'Angel Falls' in Venezuela mit 975 Metern)! Die schiere Wassermenge ist es, die sie so beeindruckend macht: 2800m3 pro Sekunde - und das im Jahresmittel, nicht nur jetzt zur Schneeschmelze!

Foto Canada Dabei wird drei Viertel des Wassers schon vorher ausgeleitet! Was nicht nur jede Menge Strom liefert, sondern auch die Erosion in erträglichen Grenzen halten soll. Der ganze fünfzig Kilometer lange Niagara River leitet ja das Wasser des südlichen Erie-Sees in den Lake Ontario, der (heute) hundert Meter tiefer liegt und seinerseits den Saint Lawrence River speist. Das passiert so ungefähr seit der letzten Eiszeit vor ca. zwölftausend Jahren. Dabei quert der Fluss den niedrigen, aber harten Felsrücken des Niagara Escarpment wobei die Wassermassen das weiche Untergestein so lange erodieren, bis die harte Deckschicht einbricht und der Strom wieder ein Stück neues Flussbett hat - fünfzig Meter tiefer!

Foto Canada Dabei wandert der so entstandene Wasserfall gleich noch ein paar Zentimeter stromaufwärts. Elf Kilometer hat er sich so in den letzten elf Tausend Jahren in den Felsen gefräst ... und in fünf oder sechs Tausend Jahren könnte er sich bis zum Lake Erie vorgearbeitet haben! Dann müsste man wohl oder übel die ganzen Aussichtplattformen und Casinos versetzten, was natürlich viel Geld kosten würde. Also leitet man lieber das Wasser aus, bremst damit die Fließgeschwindigkeit an den Fällen - und damit die Erosion (derzeit beträgt sich noch zirka ein Zentimeter pro Jahr, ein zehntel des natürlichen Werts) - und kann nebenbei noch 'ne Menge Strom gewinnen! Nachts und im Winter werden sogar bis zu neunzig Prozent des Wassers ausgeleitet, aber wenn die Touris da sind, hat natürlich das Spektakel Vorrang!

Interessant auch, dass beide Fälle schon mal gänzlich ausgetrocknet waren: am 28. März 1848 hatte sich im Oberlauf eine gewaltige Eisbarriere quergestellt. Dreißig Stunden lang gab's keinen Tropfen Wasser an den Fällen, hinterher dafür umso mehr! Ein Spektakel, dass sich Tausende trotz der klirrenden Kälte nicht entgehen ließen.

Foto Canada Die Fälle liegen genau auf der Grenze zwischen Canada und den USA - und jedes Land hat - wie könnte es anders sein - seine eigenen Fälle. Die Kanadier kommen dabei allerdings deutlich besser weg und nennen ihren Teil Horseshoefalls (wegen der Hufeisenform), während die Amerikaner ihren Teil einfallslos American Falls nennen. Das amerikanische Wasser purzelt dann auch nur fünfundzwanzig Meter in die Tiefe, weil die Amerikaner im Unterwasser noch 'ne Menge Schutt haben liegen lassen.

Foto Canada An beiden Ufern haben sich wahre Touristenstädte entwickelt, jede Menge Hotels, Restaurants, Aussichtstürme, Riesenräder, Kinos, Souvenirshops ... und womit man den vierzehn Millionen Gästen sonst noch das Geld abknöpfen kann. Dabei muss allerdings die halbe Stadt unbebaut bleiben, denn die Autos der vierzehn Millionen brauchen Parkraum. Viel Parkraum!

Foto Canada Fährt man aus dem Touristengewimmel ein paar Hundert Meter nach Süden oder Westen, ist's mit dem Gewimmel schnell vorbei. Dort wohnen dann die Angestellten der Hotels, Restaurants, Aussichtstürme usw. Zum Teil in schmucken kleinen Häuschen mit bunten Blumen im unvermeidlichen Vorgarten. Mit dem schnellen Motorboot am Anlegesteg und dem überdimensionalen Wohnanhänger hinterm Haus. Offenbar lässt sich von den Touris doch ganz gut leben!

Foto Canada Ein etwas prächtigeres Haus der anderen Art hat eine - wohl nicht ganz verarmte - Chinesin ihren Eltern und Großeltern spendiert: den 'Tempel der Tausend Buddhas', der in den wenigsten Reiseführern erwähnt ist und den sogar die meisten chinesischen Touris übersehen! Dabei können ein paar Gebete für die Ahnen sicher nicht schaden!

Foto Canada Neben den Wasserfällen und viel Nepp hat Niagara Falls auch Entspannendes zu bieten: einen sehenswerten Botanischen Garten beispielsweise, ausgedehnte, prächtig unterhaltene Naturparks entlang des Flusses, jede Menge Golfplätze (für die, die's mögen) und last but not least: eines der besten Weinanbaugebiete Canadas! Tatsächlich gedeiht hier im südlichsten Zipfel des Riesenlandes ein ganz passabler Tropfen - in Rot und Weiß! Das Wetter ist alles andere als öxleförderlich, am Morgen herrscht dichter Nebel und ich mag den vollmundigen Versprechungen noch nicht recht glauben. Doch der Tropfen mundet tatsächlich - zumindest in der gewählten Flaschenvariante!

Von der Mündung des Niagara River bei Niagara on the Lake bringen mich Dutzende von Straßen in einem verwirrenden Zickzackkurs durch ein intensiv agrarisch genutztes Land quer durch 'Europa 2.0' zum Südufer des Lake Huron. Vorbei an Canadas German Capital, vorbei an schwarzen Pferdekutschen und mit einem Kühlschrank voller frischer Lebensmittel aus (alt-)deutscher Produktion.

Die Wendat-Indianer

Foto Canada Ich darf zur Abwechslung aus der informativen Beschreibung zu Sainte-Marie among the Hurones zitieren, besser könnte ich es nicht ausdrücken!

'Sainte-Marie among the Hurons' wurde 1639 auf dem Gebiet der Wendat-Indianer (auch Huronen genannt) von französischen Jesuiten mit der Aufgabe gegründet, den Missionaren eine Stätte der Erholung und den Indianern einen Ort der Sicherheit zu bieten. Außerdem war das Dorf eine Repräsentation der französischen Kultur inmitten Neufrankreichs. Für die Mission war es wichtig, unabhängig zu leben, wobei die Wendat-Indianer bereitwillig ihr Wissen mit den Europäern teilten. Die Franzosen legten Gärten an und brachten auf Birkenrinden-Kanus Ihren Viehbestand aus Quebec mit. 1648 lebten zwanzig Prozent aller französischen Einwanderer in Sainte-Marie!

Foto Canada Nach außen hin schien sich die Gemeinde bestens zu etablieren. Doch die kulturellen Unterschiede brachten jeden Tag neue Konflikte. Krankheiten wie Grippe, Masern, und Pocken waren tödlich für die Wendat-Indianer. Darüber hinaus flammten immer wieder alte Konflikte zwischen den Völkern der Wendat und der Irokesen auf.

Im Juli 1648 attakierten die Irokesen das Dorf von St.Joseph und viele Wendat sowie ein Pater kamen ums Leben. Ein Jahr später wurde zwei Missionare und Hunderte von Wendat gefangen genommen und später getötet. Die Überlebenden flüchteten in alle Himmelsrichtungen. Im späten Frühjahr setzten die Jesuiten mit ihren Wendat-Glaubensbrüdern die Mission in Brand und gründeten auf der heutigen Insel Christian Island eine neue Mission 'Sainte Marie II', die sie allerdings nach einem harten und entbehrungsreichen Winter aufgeben mussten und sich nach Quebec zurückzogen.

Foto Canada Die Wendat-Indianer waren ein hervorragend organisiertes Bauernvolk mit einer weitgespannten, tiefen Spiritualität. Der Name 'Wendat' bedeutet soviel wie 'Inselbewohner' oder 'Bewohner der Halbinsel'. Der europäische Begriff 'Huron' könnte 'Rohling' bedeuten und auf die wilde Haarpracht der Männer anspielen. Das von ihnen besiedelte Gebiet, Wendate wird heute Huronia genannt.

Die Wendat waren ein sehr geschäftstüchtiges Volk und vermittelten oft zwischen den Franzosen und anderen Indianerstämmen. Ihre gelassene Lebensart gefiel den Missionaren, die erlebt hatten, wie schierig es sein konnte, mit Nomaden oder anderen Stämmen zu arbeiten. Bevor die Missionare kamen, lebten rund 22.500 Einheimische in dem Gebiet; 1650 war diese Zahl durch Kriege und Krankheiten auf rund 70 Prozent geschrumpft.

Foto Canada Die rekonstruierte Siedlung und das angeschlossene Museum geben einen guten Einblick in das Leben und den Glauben der Indianer sowie das Leben im Europa von damals. Unterschiedlicher könnten die Lebensweisen kaum sein! Beeindruckt hat mich vor allem der Gemeinschaftssinn der Indianer: es gab absolut kein Privateigentum, alles war Eigentum der Gemeinschaft. Von den Nahrungsmitteln, über Kleidung und Ausrüstung bis hin zu den Langhäusern, in denen man gemeinsam wohnte. Kinder wurden von der ganzen Sippe aufgezogen und unterrichtet. Verliebte sich ein Paar, lebte es ein paar Monate gemeinsam, um zu sehen, 'ob es klappt'. Falls ja, wurde geheiratet, falls nein, eben ein weiterer Versuch gestartet - mit einem neuen Partner. Vielleicht war das der Grund für ihr friedliches und harmonische Zusammenleben? Was die Jesuiten dazu sagten, ist allerdings nicht überliefert!

Foto Canada Foto Canada Zu Ehren der Missionare, die in den Zusammen- stößen mit den Irokesen ihr Leben ließen (und später heiliggesprochen wurden), wurde Jahre später der Martyr's Shrine errichtet. Inzwischen ist sie Ziel zahlloser Pilger und Touris - unter ihnen auch Papst Johannes Paul II (1984). Dass unter dem Dutzend Märtyrern auch eine Indianerin verehrt wird, erstaunt mich allerdings doch ein wenig.

Foto Canada Inwieweit das Plakat, das ich zufällig in einem der Andenkenläden entdeckte, die Lebensphilosophie der Wendate-Indianer widerspiegelt, vermag ich nicht mit letzter Gewissheit zu sagen. Ein gerüttelt Maß Weisheit liegt mit Sicherheit darin!

Well, von Sainte Marie ist es nicht mehr weit bis in die Blue Mountains, ein Skigebiet direkt am Südufer des Lake Huron und Ziel zahlloser Wintersportler aus Toronto. Auf nicht weniger als vier - schwarzen - Abfahrten kann man sich zweihundert Meter in die Tiefe stürzen um sich anschließend von einem der sechs Sessellifte gemütlich nach oben tragen zu lassen. Das Niagara Escarpment, dieser Hügelkette quer durch Ontario macht's möglich!

Die Hügelkette wird mich auch noch ein paar Tage begleiten, in denen ich die malerische Bruce Halbinsel und die mit über dreißigtausend (!) Inseln gesegnete Georgian Bay erkunden werde.