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Fahrtroute Schottland + Hebriden Fotoalbum Hebriden

Lochs und Burghs und Glens ... und viel zu viel Whisky*)

(Teil 3)

*) frei nach dem Motto einer Destillery in Lochmaddy (Isle of Skye): "Today's Rain is Tomorrow's Whisky";
(für Nicht-Schotten: Loch = See; Burgh = Burg/Schloss; Glen = Tal)


SCO


Sept 18 2011

Leitir Fura Leitir Fura (Isle of Skye) (GPS: 57°10,678'N; 005°48,021'W)

Ja, das Barometer hat Recht - selbst darauf ist in Großbrittannien Verlass.

Die kommenden Tage werden zu den schönsten der bisherigen Hebriden-Tour. Was so ein paar Sonnenstrahlen doch ausmachen!

Die Landschaft ist auch nicht von der Hand zu weisen! Lochs über Lochs, Inseln, Berge, Buchten, Strände. Alles ist hier geboten. Wirklich ein gesegnetes Stückchen Erde.

Mehr als neuzeitlichen Burgen begegne ich hier draußen dem ganz alten Schottland. Viele der Zeitzeigen, die ich besuche, sind 5000 Jahre und älter. Nun ja, mit Scara Brae, dem Steinzeitdorf auf den Orkney Inseln können sie nicht konkurrieren, aber viel stehen sie nicht zurück.

Leitir Fura Brombeeren Nur durch Zufall bin ich hier in Leitir Fura gelandet. Die Reiseführer schweigen sich aus, nur das Schild zu einem Parkplatz der Forstverwaltung lotst mich hierher, weil ich einen netten Platz für's Nachtquartier suche. Und dann das: ein Wiesenparkplatz vom Feinsten, dazu ein herrlicher 3-Stunden-Wanderweg nach Leitir Fura, ein Dorf, das wahrscheinlich seit der Eisenzeit bis in's 19. Jahrhundert bewohnt war.

Nicht nur, dass hier die Hütten besonders groß waren (10-12 Leute müssen wohl in einer Hütte gewohnt haben), einen guten Geschmack bzgl. der Location mussten die Gründer auch gehabt haben: seit langem habe ich keine derart schöne Aussicht mehr genossen: gegenüber der Meerenge (Sounds of Sleat) liegt das Loch Hourn mit steilen Feldwänden. Etwas weiter im Süden das Loch na Dal, eine weite Bucht mit einem idyllischen Seglerhafen. Noch ein Stück weiter südlich dann der Fährhafen von Mallaig. Hinter dem Dorf moosbewachsene Hänge, durchquert von einem idyllischen Höhenwanderweg. Auf dem man die Sonne so richtig genießen kann.

Also heute morgen gleich noch mal dorthin. Nochmal Brombeeren pflücken, die Aussicht genießen und den lieben Gotte einen guten Mann sein lassen...

Sonne tanken ....

Äußere Hebriden Abgesehen von diesem wirklich idyllischen und geschichtsträchtigen Ort hat die Isle of Skye, die wohl bekannteste Insel der Inneren Hebriden noch so einiges zu bieten. Das fängt schon mit der Überfahrt von Lochmaddy auf North Uist nach Uig auf Skye an: Waren die äußeren Hebriden eher flacherer Natur, ein Gemisch aus Inselchen, Seen und den flachen Gewässern des Atlantik, zeigte sich Skye gleich beim Anlanden von seiner bergigen Seite: Uig liegt malerisch in einer von hohen Bergen umgebenen Bucht. Will man raus aus dieser Bucht, muss man erst mal klettern - oder klettern lassen: die Lady Grey macht so was ja sehr gern! Da findet sich doch auch schon der erste nette Nachtplatz kurz vor der Nordspitze von Skye, mit herrlichem Blick auf die ganze Inselkette der äußeren Hebriden in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne.

Old Man of Storr Am nächsten Tag hat das Wetter doch mal wieder 'nen Durchhänger, es nieselt ein wenig, aber das zählt ja inzwischen schon fast zu "schönem Wetter". Also kann mich nichts abhalten, dem Old Man of Storr an der Ostküste der Insel einen Besuch abzustatten. Im Gänsemarsch mit einer Busladung Japanern und schätzungsweise Hundert anderen Touris tapple ich den anfangs finsteren und steilen Weg bergan. Der Old Man ist nämlich nichts anderes als eine Gruppe von pittoresken Felsnadeln, die beim Abbruch der Gebirgskante stehen geblieben und seither stark erodiert sind. Also führt der Weg bergauf. Steil bergauf. Sodass ich die Japaner und die anderen Touris schnell hinter mir lassen kann. Auf die richtigen Bergschuhe ist eben nach wie vor Verlass!

Oben angekommen bin ich sogar ein paar Sekunden lang völlig allein und kann ein paar nette Fotos schießen. Bei Sonnenschein wär' das allerdings noch mal zwei Stufen sehenswerter! Aber ich will mich ja nicht beklagen!

Schottische Villa Dunvegan Castle Die größte Ortschaft auf der Insel ist Portee. Da gibt's sogar 'nen Co-Op-Supermarkt, den ich natürlich zur absolut unpassendsten Zeit heimsuche. Für ein Brot, zwei Liter Milch und ein paar Becher Yoghurt stehe ich über eine halbe Stunde an der Kasse: Samstag Mittag scheint die ganze Insel beim Shopping zu sein und jeder will ein  Schwätzchen mit der Kassiererin halten. Wie stand doch so schön im Reiseführer: auf den Inseln scheint die Zeit stillzustehen...

In einem weiten Bogen bringt mich die Straße nach Westen: nächster Stopp ist Dunvegan Castle, ein Touristenmagnet sondergleichen, mit Busparkplatz, riesigem Andenkenladen, eigener Kasse ... und einem mickrigen, wenig sehenswerten Schloss. Naja, schlecht ist das Schloss nicht, es wird sogar noch bewohnt, aber deshalb so ein Tamtam zu veranstalten? Tja, geschäftstüchtig waren und sind die MacLeods, deren Stammsitz das hier ist, wohl seit altersher. Die Schlossbesichtigung selber spare ich mir, der Garten ringsherum kostet allein schon sieben Pfund Eintritt, hat dafür aber auch für hiesige Breitengrade sehr viel zu bieten: kultivierte, hübsch angelegte Gartenanlagen auf der einen, fast undurchdringlichen Urwald auf der anderen Seite des Schlosses. Das das Schloss direkt am Meer liegt muss dabei nicht extra erwähnt werden, oder?

Single Lane Die Straßen hier auf Skye sind deutlich besser als die auf den Äußeren Hebriden, vor allem breiter. Die landesüblichen Single Track Roads wurden hier großteils schon auf zwei Spuren erweitert, so dass man nicht bei jedem Gegenverkehr abbremsen muss. Folge: man kommt viel schneller vorwärts. Schon am frühen Nachmittag lande ich auf der Nebenstraße nach Armadale, wo mich die Fähre wieder ans Festland, nach Mallaig bringen soll. Soll ich noch heute abend verschiffen? Oder lieber morgen früh? ... da weist ein unscheinbares Schild einen Parkplatz der Forestry Commission aus ... deren Parkplätze waren in Vergangenheit immer recht nette Nachtquartiere. Also Blinker raus und links ab ...

Wie sollte ich auch wissen, dass hier die idyllischste Siedlung der Eisenzeit auf mich wartet? Leitir Furah.

Fähre Hebriden Nachzutragen ist noch die Strecke von Caitinish (North Uist) nach Skye, der südliche Teil der Äußeren Hebriden also. "Islandhopping" kann das wohl am besten beschreiben. Muss man zwischen den größeren Inseln auf die Fähre umsteigen, tut's zwischen den kleineren Inseln ein Causeway, ein aufgeschütteter Damm mit Straße obendrauf. Natürlich nur eine einspurige!

Mit Fähren und Causeways Hilfe kann ich dann doch eine ganze Reihe der Inseln besuchen:

  • Lewis (mit Abstand die größte der Inseln)
  • North Harris (eigentliche der südliche Teil von Lewis)
  • South Harris
  • Berneray
  • North Uist
  • Grimsey
  • Benbecula
  • South Uist

Die noch südlicher gelegenen Inseln Eriskay und Barra hab' ich mir dann geschenkt, da sie nur eine Fortsetzung von South Uist darstellen.

Ausblick N.Uist Abgesehen von Lewis und den beiden Inseln Harris erinnert die Landschaft stark an die Schären im Süden Norwegens. Flaches Land inmitten von flachem Meer. Kaum eine Erhebung bringt's auf 100 Meter Seehöhe. Dazwischen tief ins Landesinnere reichende Loch's auf der Ostseite und lange, zum Teil sandige Strände an der Westseite. Mittendurch eine einspurige Straße, auf der ich immer wieder Platz machen muss, wenn Gegenverkehr naht. Und er naht weit öfters als in diesem abgelegenen Fleckchen Erde erwartet!

Druidibeg N.P. Ein nachmittäglicher Abstecher bringt mich bei Lochskipport, nördlich des Druidibeg Nationalparks an einen wirklich idyllischen Flecken mit toller Aussicht auf das Loch. Nebenan kann ich mir auch gleich die Füße vertreten, sprich wandern und abends einen sagenhaften Sonnenuntergang von meiner Aussichtsplattform genießen.

Pobul Finnh Kurz vor Lochmaddy, dem Fährhafen zur Isle of Skye gibt's noch zwei Besonderheiten zu bestaunen. Beim Langass Lodge Hotel führt ein kurzer, aber feuchter Wanderweg zu zwei uralten Relikten: dem neolithischen Kammergrab Bharpa Langass (dass zum Teil wieder verschüttet ist und nicht von innen besichtigt werden kann und von außen eher einem großen unscheinbaren Steinhaufen ähnelt) und dem Steinkreis Pobull Finnh, der auch an die 5000 Jahre als sein soll, allerdings nicht an die Standing Stones von Calanish, heranreicht. Vielleicht hat hier nur noch niemand richtig gegraben....

Was mir auffällt auf den Hebriden ist das: überall wohnen Menschen. Überall. Ein Platz kann gar nicht so abgelegen sein, dass dort nicht ein Haus steht. Ein kleines Haus zwar meist, aber eines, in dem wirklich jemand wohnt! Kompakte Ortschaften wie in Mitteleuropa gibt's nur ganz selten, häufig ist der nächste Nachbar gerade mal mit dem Fernglas auszumachen. Aber nirgends finde ich die absolut menschenleere Wildnis, für die Schottland eigentlich bekannt ist. Ja, Platz gibt's genug, aber zwischendrin immer wieder Zeugnisse menschlicher Besiedelung: alter oder neuer Besiedelung.

Einsames Haus Oder ist mein Bild von Wildnis schon so sehr von den Dimensionen der Sahara oder der Namib geprägt, dass ich ein paar Hundert Meter ohne Menschen schon gar nicht mehr würdigen kann?

Trotzdem waren/sind die Hebriden ein wirklich hübsches Fleckchen Erde, wo es 'ne ganze Menge zu sehen und fast noch mehr zu unternehmen gibt.

Meiner Nase kann ich inzwischen ganz gut vertrauen ... und der Forestry Commission auch. Wieder einmal folge ich von der Hauptstraße blindlings den Hinweisschildern der Commission und lande auf einem idyllischen, einsamen und ruhigen Parkplatz. Nicht einmal mitten im Wald wie erwartet, sondern am Rand mit einem weiten Blick auf die umliegenden, sanft geschwungenen Hügel der Galloways.

Gestern war das Wetter sehr regnerisch und ich konnte mich zu nichts anderem aufraffen, als das spannende Buch fertig zu lesen. Heute Morgen kitzelt mich aber schon kurz vor acht die erste Sonne aus dem Schlafsack. Nachdem um fünf nach sechs die ersten Forstarbeiter mit ratternden Raupenschleppern auf der Forststraße vorbeigerumpelt waren, war ich wohl noch mal kurz weggedöst ...

Im Galloway N.P. Die Gegend hier in den Galloways im Süden Schottlands ist zwar nicht mehr so atemberaubend wie oben im Norden. Dafür soll das Wetter besser sein! Vorgestern abend konnte ich sogar mal 'ne Stunde draußen sitzen (!!!) und das Rad'l aus der Garage holen, um die Gegend zu inspizieren. Heute schaut der Himmel auch vielversprechend aus, obwohl der Wetterbericht schon die nächste Sturmfront ankündigt.

Hochwasser Die letzten Wochen muss ­ sogar hier unten im sonst klimatisch bevorzugten Süden Schottlands ­ wettermäßig der Bär gesteppt haben. Die meisten Flüsse führen Hochwasser ­ viele Lochs sind über die Ufer getreten und die Wiesen sind nichts als riesige Pfützen. Der Waldrand neben mir ist völlig zerzaust, Hunderte von Bäumen sind mitsamt Wurzelwerk umgestürzt. Der Sturm kann noch keine Woche her sein!

Jedes auch nur halbwegs waagerechte Stückchen Landschaft steht unter Wasser. Das macht nicht nur Wandertouren zu einem Waten im Schlamm und lässt die meisten Unternehmungen im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser fallen. Die Suche nach einem akzeptablen Nachtplatz ist auch nicht gerade einfach. Einfach mal auf 'ne freie Wiese stellen geht aus zwei Gründen nicht: erstens ist jeder Quadratmeter Land eingezäunt (vor allem wegen der Schafe); zweitens ist das Land so bodenlos nass, dass ich die Lady Grey mit ihren knapp zehn Tonnen sicher versenke. Das aber will ich ihr ­ und mir ­ ersparen. Außerdem würde ich unsere Zunft bei den Farmern schnell in Verruf bringen. Würde mich interessieren, wie die anderen drei Traveller, die mir vorgestern bei Ayr über den Weg fuhren, das anstellen?

Zurück zu den Inseln!

Nach zwei Ruhetagen in Leitir Fura geht's am Montag früh wieder auf Achse. Die große, neue Brücke, die die Insel Skye seit mehreren Jahren mit dem Festland verbindet, würde mich zu weit in den Norden zurückbringen und ich müsste einige hundert Meilen Umweg fahren, um wieder in den Westen zu kommen.

Wolken über den Inseln Da löhne ich lieber nochmals 32,00£ und lasse mich von der Fähre nach Mallaig schippern, von wo aus ich weiter der Westküste des Mainlands folgen kann. Die Single Lane Tracks waren schon drüben auf den Inseln recht mühsam zu fahren. Hier bei dem deutlichen Mehr an Verkehr gehen sie mächtig auf die Nerven! An ein entspanntes Fahren und das Genießen der Landschaft ist nicht zu denken: alle paar Hundert Meter gibt's Gegenverkehr, dann muss entweder ich selbst abbremsen oder der "Gegner" bremst, je nachdem, wer näher an einer Ausweichbucht ist. Dann kommen noch die Autos von hinten, die mich natürlich auch überholen wollen. Auch da ist wieder bremsen und Ausweichbucht angesagt. Bei dem recht geringen Verkehr auf den Inseln ist dass sicher eine gangbare (und Kosten sparende) Variante, aber hier auf dem Festland ist es wirklich nervig! Bin ja mal gespannt, wie sich das andauernde Stop-and-Go-Spielchen auf den Spritverbrauch auswirkt.

Kutter Schmale Brücke So richtig pittoresk wird die Landschaft erst wieder auf Ardnamurchan, einer dünn besiedelten Halbinsel nördlich von Mull. Bei dem wenigen Verkehr macht auch das Fahren plötzlich wieder Spass!

Und so langsam wandert auch die Tankanzeige beider Tanks bedenklich in Richtung "leer". Auf den Inseln war mir der Sprit zu teuer und in Mallaig, dem ersten Fährhafen auf dem Festland muss ich die einzige Tankstelle wohl übersehen haben. Macht nix, ich hab ja noch vierzig Liter Reserve dabei! Und wenn mir hier draußen der Sprit ausgeht, ist's auch nicht weiter schlimm. Aber gleich in Tobermory, der nächsten größeren Ortschaft drüben auf Mull muss ich wirklich auffüllen! Obwohl da der Sprit sicher wieder teurer ist!

Fähre Mallaig Eine winzige Fähre bringt die Lady Grey und mich von Kilchoan nach Tobermory, der größten Stadt auf der Isle of Mull. Die Überfahrt ist stürmisch und zum ersten und letzten Mal wird die Lady Grey an Deck festgezurrt ­ der schwere Seegang lässt sie ganz schön schaukeln und der Skipper will wohl auf Nummer Sicher gehen. Ist mir auch lieber. So wird die Lady wenigstens nicht seekrank.

Tobermory liegt mit seinen farbenprächtigen Häusern sehr malerisch in einer windgeschützten Bucht und ist seit Alters her eine beliebte Anlaufstelle für Segler und Skipper. Und Touris, die busseweise dorthin gekarrt werden, um auf Bootstouren Robben und Delphine zu bestaunen.

Tobermory Runter von der Fähre, die einzige Straße führt extrem steil nach oben in den "ersten Stock" der Stadt, wo ich schnell einen Parkplatz finde, um mir die Stadt näher anzusehen. Wirklich hübsch, die bunt bemalten Häuser, die sich an den Strand unterhalb der Klippe drängen. In einer viertel Stunde ist aber alles gesehen ­ und ich muss ja dringend tanken. Also rolle ich eine ebenso steile Straße wieder herunter, um an der Tankstelle direkt am Parkplatz aufzufüllen. Noch hundert Meter, noch fünfzig Meter, noch zwanzig Meter. Da stirbt der Motor ab ­ Sprit alle. Das darf doch nicht wahr sein!!! Mitten auf dem Parkplatz! Keine zwanzig Meter vor der rettenden Tankstelle entfernt!

Rindviecher... Ein bisschen Sprit hab ich ja noch ­ im anderen Tank! Also umschalten und probieren, ob die Lady wieder anspringt. Nichts rührt sich trotz minutenlangem Orgeln. Also entlüften! Unter den Augen sämtlicher versammelter Touris und Einheimischer krame ich das Werkzeug heraus und bocke das Fahrerhaus hoch. Plötzlich ein lauter Knall, die Druckluftversorgung für die Hörner auf dem Dach ist abgerissen ­ spätestens jetzt gaffen mich alle an.

Das Entlüften selbst geht zügig über die Bühne. Der Motor springt anstandslos an und läuft wieder rund. Uff, geschafft. Fahrerhaus wieder ablassen, Werkzeug wegpacken und die defekte Druckluftleitung abschließen (die kann ich später richten). Die restlichen zwanzig Meter zur Tankstelle sind ein Kinderspiel.

Tobermory Mit halbvollem Tank und ganz leerem Geldbeutel rolle ich so schnell wie möglich vom Ort der Blamage und finde fünf Kilometer weiter einen netten Nachtplatz: wieder ein Platz der Forestry Commission. Langsam beruhigen sich die Nerven und ich hake den Zwischenfall als "dumm gelaufen" ab. Noch einmal soll mir das nicht passieren!!!

Nach einigen nächtlichen Regenschauern stehe ich am nächsten Morgen wieder auf dem peinlichen Parkplatz, diesmal um mir die kleine Whisky-Distillery anzuschauen. Schottland ohne den Besuch einer einzigen Distillery ­ das wäre wohl doch nicht komplett!

Die Gruppe ist klein, die Führung ist interessant, die Anlage ist überschaubar und der Geruch im Gärbottich ist zum Erbrechen.

Küstenstraße Bei der Verkostung am Ende der Führung passe ich natürlich, denn ich will heute noch weiterrollen. Wieder nur einspurige Straßen mit anfangs viel Gegenverkehr, der aber schnell nachlässt. Auf zum Teil recht abenteuerlichen, auf jeden Fall aber sehenswerten Straßen geht's an der Westküste gen Süden und dann an der Nordküste des Ross of Mull gen Westen. Mein Ziel ist die Heilige Insel: Iona. Sie soll Abschluss und Höhepunkt der Inseltour durch die Hebriden werden.

Weg nach Iona Trotz sonnigen, aber windigen Wetter will ich erst morgen auf die Insel, um Zeit und innere Ruhe zu haben, die sehenswerte und geschichtsträchtige Abtei aus dem 6. Jahrhundert zu besuchen.

Der Parkplatz liegt etwas exponiert auf einem Hügel, aber die eine Nacht werde ich dem Wind schon trotzen können. Dass gerade jetzt ein schweres Sturmtief aufzieht und mich die nächsten 48 Stunden zusammen mit der Lady bis auf die Knochen durchschüttelt, kann niemend ahnen!

Am nächsten Morgen jedenfalls hätte ich auch meinen Hund nicht vor die Tür gejagt ­ wenn ich einen hätte. Der Regen fällt waagerecht, die Flagge am Fahrerhaus zeigt erste Zerfallserscheinungen, der ganze Aufbau wankt und bebt, dass ich im Innern fast seekrank werde.

Abtei Iona Außer Lesen,  Abwarten und Regentropfen zählen bleibt mir nicht viel zu tun. Wie gut, dass mein Zeitplan nicht so eng gesteckt ist!

Am Morgen d'rauf lacht die Sonne wieder von einem blauen Himmel - als ob nicht gewesen wäre! Stiefel an und Abmarsch! Bevor das Wetter wieder umschlägt.

Im zehn Minuten bringt die Fähre mich und eine kleine Gruppe einheimische Touris auf die Insel, auf der schon von weitem die Abtei von Iona zu sehen ist.

Abtei Iona Abtei Iona Der Weg vom Anleger zur Abtei führt an dem alten, zum Großteil verfallenen Nonnenkloster vorbei, dass aber trotzdem einen sehr gepflegten Eindruck macht. Die Abtei selbst ist dann auch sehr sehenswert. Allerdings stammen die Bauten nicht wie angenommen aus dem 5./6.Jahrhundert sondern wurden erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wieder aufgebaut und restauriert. Der heilige Columban hatte hier um 580 n.Chr. das erste schottische Kloster gegründet und verbreitete von hier aus den christlichen Glauben an die Pikten und Scoten, an die Highlander, wie wir sie heute nennen würden. Die Mönche fertigten einmalige Abschriften der Evangelien wie das reich bebilderte Book of Kerr an. Daneben schnitzten sie für damalige Verhältnisse übermannshohe Steinkreuze, die über die ganze Insel verstreut stehen. Die größten Kreuze wurden inzwischen restauriert bzw. durch neue Kreuze ersetzt, aber die Überreste der Originalkreuze aus dem sechsten. Jahrhundert kann man noch im Museum gleich nebenan bestaunen.

Abtei Iona Irgendwie schienen die Mönche richtig Eindruck hinterlassen zu haben, denn in den späteren Jahrhunderten ließen sich viele schottische, aber auch norwegische Könige hier bestatten. Daher heißt Iona auch "die heilige Insel". Die gesamte Anlage wurde von Grund auf restauriert, heute werden wieder Gottesdienste in der Abtei abgehalten und Ioana ist ­ soweit ich das verstanden habe ­ Zentrum einer internatonal tätigen Kirchengemeinschaft, die sich um die Einigung der christlichen Konfessionen und um die Schaffung von Frieden auf der Welt bemüht.

Nach über zwei Wochen auf den Inseln der Äußeren und Inneren Hebriden ist es nun langsam Zeit, an die Heimweg zu denken. Zwar gibt es noch mindestens ein Dutzend weitere große Inseln, die zu den Hebriden zählen, aber ich denke, dort gibt's nicht mehr so viel Neues zu entdecken. Außerdem rückt das Urlaubsende und damit der Termin für die Fähre zurück auf den Kontinent in bedrohliche Nähe.

Hochlandrind Der östliche Teil der Isle of Mull beeindruckt noch einmal mit einer Landschaft wie in den Highlands, dann bringt mich eine kurze Fähre wieder auf's Festland und ich spüre, wie ich mit jedem Kilometer weiter in die "Zivilisation" zurückkehre. Die Landschaft ist nach wie vor abwechslungsreich und höchst sehenswert, aber die Annehmlichkeiten der Zivilisation nehmen im gleichen Maß zu wie der Verkehr. Spätestens am Loch Linnhe, dem südlichsten Teil des großen Grabenbruchs, zu dem Loch Ness, Loch Lochy und eben Loch Linnhe gehören ist man zurück in Zentralschottland.

Stirling Castle Auf guten, meist zweispurigen Straßen geht's weiter in's Landesinnere, durch den Nationalpark Loch Lomond and The Trossachs in Richtung Stirling. Dort wartet noch "das schönste Schloss Schottlands", wie so manche Reiseführer behaupten. Ehrlich: es ist schön, es ist sehenswert. Und es erstickt nicht an den endlosen Touristenmassen wie Edinburgh Castle. Und die hiesige Schlossverwaltung gibt sich deutlich Mühe, dem Besucher einen Einblick zu verschaffen, wie Königs damals so gelebt haben. Da sind die Wände der königlichen Gemächer mit Gobelins behängt, in den Kaminstellen prasselt das Feuer und Zofen und Haushofmeister in historischen Gewändern erklären dem Besucher die Details der Räume. In den Küchenräumen zeugen lebensechte Wachsfiguren davon, wie damals Brot gebacken, Rehrücken zubereitet und Wachteleier serviert wurden. Alte Kochbücher verraten die geheimen Rezepte der Küchenmeister. Wirklich nett und mit viel Liebe zum Detail gemacht!

Stirling Castle Dass die Burg selber auch nicht von schlechten Eltern ist, muss ich da wohl nicht extra erwähnen. Stirling war ja über Jahrhunderte der Zugang zu den Highlands, d.h. zum Herzen Schottlands. Wer Stirling regierte, regierte die nördlicher gelegenen Highlands, regierte Schottland.

Mich treibt es inzwischen weiter gen Süden, der Sonne entgegen! So rolle ich am gleichen Tag noch fast 200km, durch Glasgow (mehrere Trabentenstädte mit grässlichen Hochhäusern = Plattenbauten hinterlassen keinen repräsentativen Eindruck) nach Ayr, wo ich direkt am Strand inmitten einer Parade von Flugdrachen ("Surfboards mit Fallschirm") zu Mittag esse.

Auf dem Weg nach Ayr folgt mir ganz unauffällig ein Mercedes 1017 mit neuem Kofferaufbau mit Ulmer Kennzeichen, in Ayr selbst fahre ich an zwei Schweizer "Lastern" vorbei, deren Fahrer sich mit der Polizei in der Wolle haben. Keine Stunde später weist dann ein winziges Schildchen der Forestry Commission an der A713 gen rechts und ich folge der Forststraße zu meinem hiesigen Standplatz. Hübsch hier. Und ruhig. Muße genug, Tagebuch zu schreiben und das Logbuch auf Vordermann zu bringen.

Ab morgen heißt's dann anders!

In drei Tagen muss ich durch England rollen, will noch einen Abstecher nach Stonehenge machen und sollte am dreißigsten September pünktlich an der Fähre zum Kontinent stehen. Die wird sicher nicht auf mich warten!