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Am Ende der Welt - Feuerland

ARG CHL PAT TDF


Jan 01 2017

Ushuaia (Feuerland, Argentinien) (GPS: 54°48,454'S; 068°18,175'W)

Foto Argentinien Silvester in Ushuaia [ARG] Um Mitternacht knallen die Korken. Gründe zu Feiern gibt's genug! Das neue Jahr ist nur einer davon. Ein eher zweitklassiger. Dem Schampus ist das egal! Er fließt in Strömen, ein Glas ist nicht genug, eine Flasche schon gar nicht! Auf so vieles können wir heute anstoßen:

  • Ankunft in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde; näher am Südpol geht nimmer!
  • 888 Tage auf der Panamericana (888 Tage = 2 Jahre, 5 Monate, 6 Tage);
  • Abschluss der 'Panamericana-Tour': dritte und längste Etappe: 64.136km seit Alaska;
  • Beginn der 'Greenhouse-Tour': vierte Etappe durch die 'grünen Niederungen' Südamerikas;
  • Neue Jahreszahl für den Kalender: 2017;
  • 111 Tage bis zum nächsten Urlaub;
  • 77 Einträge im Reiseteil dieses Blogs.

Vielleicht finden sich ja noch ein paar Schnapszahlen mehr ... emoticon01 emoticon01 Bevor ich das nächste Gläschen leere ... hicks ... emoticon01 emoticon01 emoticon01 ... muss ich noch kurz zurückschauen auf die letzten ... hicks ... emoticon01 emoticon01 emoticon01 emoticon01 ... Wochen ...

Ganz schön eisig: Nationalpark Las Glaciares

Ein Rumpeln ist von drüben zu hören. Dann ein Prasseln. Ein Schuß wie aus der Feldhaubitze. Leise kringeln sich ein paar Wellen unter dem Monster. Alle schauen gespannt auf den Eisriesen. Nichts passiert. Minuten später ein weiterer, ohrenbetäubender Schuss. Irgendwo aus dem Inneren. Nichts zu sehen. Die Zeit vergeht. Die Spannung steigt. Irgendwann muss er doch kippen! Eine halbe Stunde später wieder Prasseln von drüben. Alle zücken die Kameras. Nichts! Das Warten will einfach kein Ende nehmen!

Foto Argentinien Das Warten auf das große Kalben am Gletscher ist Nervenkitzel pur. Besonders, wenn man es im Bild einfangen möchte. Die Kamera schussbereit, die Ohren gespitzt, um kein noch so leises Anzeichen aus der Eiswand zu überhören. Ja kein Knistern verpassen, kein Prasseln, kein Knacken! Dabei ist das Ende des Gletschers, sein »Gletschermund« über vier Kilometer breit. Überall kann etwas passieren. Zu jedem Moment. Das blaue Eis reckt sich an die fünfzig Meter senkrecht aus den milchigen Wasser, ein 20-stöckiges Hochhaus aus gefrorenem Wasser!

Der Perito Moreno Gletscher ist nicht der längste, nicht der mächtigste, nicht der älteste Eisstrom, der sich aus dem riesigen südpatagonischen Eisfeld nach Argentinien herüberschiebt. Aber er ist der wohl faszinierende. Vor allem, weil man ihn ohne große Mühen erreichen kann. Ihm wie ein Zahnarzt in den Gletschermund schauen kann: die riesige, fast dreißig Kilometer lange Zunge bestaunen, die eisigen, blau schimmernden Zähne inspizieren, die Geburt der vergleichsweise winzigen Eiszwerge verfolgen.

Foto Argentinien Daneben ist er einer der wenigen Gletscher weltweit, die trotz Klimawandel nicht massiv schwinden, sondern annähernd stabil bleiben, im manchen Jahren sogar wachsen. Zudem ist er mit seiner Fließgeschwindigkeit von zwei Meter pro Tag ein wahrer Ferrari unter seinesgleichen.

Gletscher: Entstehung & Wachstum [ARG] Darin liegt auch der Grund für eine weitere - dramatische - Eigenart: in manchen Jahren schiebt er sich so rasant zu Tal, dass die Eismassen nicht rechtzeitig abbrechen oder schmelzen können. Dann türmt er zwischen der Halbinsel der Schaulustigen und dem Gletscherfeld einen massiven Eisdamm auf und schnürt einen Seitenarm seines eigenen Sees so ab, dass das Schmelzwasser nicht mehr abfließen kann. Bis zu achtundzwanzig Meter steigt daraufhin der Wasserspiegel im See, bevor der Druck den Staudamm schließlich in einer explosionsartigen Entladung wegsprengt und den entstandenen Eisbogen zum Einsturz bringt: ein Schauspiel apokalyptischer Schönheit! Allerdings nur alle paar Jahre zu bewundern (jetzt gerade baut er wieder an einem neuen Damm).

Gletscher: Vergleich Europa [ARG] Die übrigen Daten des Eisriesen sind auch nicht eben von Pappe, wogegen sich der größte alpine Gletscher, der »Aletsch« in der Schweiz auch nicht gerade verstecken muss:

Daten Perito Moreno Gletscher Aletsch Gletscher (CH)
Fläche: 254 km2 81,7 km2
Länge: 23,5km (vom Hauptgipfel gemessen), max. 31km 22,75 km (vom Jungfraufirm gemessen)
Dicke: ca. 700m (im Zentrum des Gletschers, ca. 8km oberhalb des Gletschermundes) ca. 900m (am Konkordiaplatz gemessen)
Höhendifferenz: 3000müNN ... 185müNN (Stand 2016) 3800müNN ... 1560müNN (Stand 2016)
Fließgeschwindigkeit: ca. 700 Meter pro Jahr ca. 180 Meter pro Jahr

Foto Argentinien Was an diesem Eisriesen immer von Neuem fasziniert, ist seine Farbe. Sein leuchtendes Blau, das tief aus dem Innern zu kommen scheint. Überall schimmert es hindurch. Auf dem Grund der Seracs, der viele Dutzend Meter tiefen Gletscherspalten scheint es am hellsten. Als ob der Gletscher eine gigantische blaue LED verschluckt hätte. Dabei ist heute der Himmel alles andere als blau, eher milchig trüb und regenverhangen. Woher stammt also das Leuchten? Ein Rätsel, das Physiker und Glaziologen noch immer auf Trab hält, wenngleich bekannt ist, dass Eis die verschiedenen Wellenlängen des Sonnenlichts ganz unterschiedlich absorbiert. Rot und Orange werden am stärksten geschluckt, Grün und Blau am wenigsten. Die Ursache liegt vermutlich im Atomaufbau, ist jedoch auch davon abhängig, wie viele Lufteinschlüsse sich im Eis befinden (Lichtstreuung). Am Ende jedenfalls bleibt fast nur noch blaues Licht übrig. Das Blau, das dem Eisriesen sein fast magisches Leuchten verleiht!

Interessant auch, welche Menge an Schnee überhaupt nötig sind, um einen Eisriesen dieser Größe zu schaffen: pro Meter Gletschereis müssen im sogenannten »Akkumulationsgebiet« an die zehn Meter Schnee fallen - und liegen bleiben! Macht bei 700 Meter Gletscherdicke einen Schneeturm von sieben Kilometern Höhe! Durch die hohe Schneelast werden dabei die unteren Schichten zusammengepresst und verlieren ihre Lufteinschlüsse (Neuschnee besteht aus bis zu 90% Luft). Aus Schnee wird Eis (sog. »Metamorphose«), aus dem Schneefeld ein Gletscher.

Foto Argentinien Plötzlich ist aus dem Blau heraus wieder ein leichtes Prasseln zu hören. Kaum einer schaut noch hin. Im Zeitlupentempo neigt sich die gigantische Eisplatte noch vorn. Sechzig Meter hoch, zwanzig Meter breit. Fünftausend Tonnen gefrorenes Wasser. Ein Wolkenkratzer aus Eis! Behäbig neigt er sich vornüber. Donnert dann mit einen ohrenbetäubenden Platschen ins türkise Wasser. Die Gischtfontäne sprüht zweihundert Meter weit. Die Welle, die locker eines der Ausflugsboote umwerfen könnte, bringt nur ein paar Eisschollen zum tanzen. Dann herrscht wieder Ruhe, als ob nichts geschehen wäre.

Fotoalbum Im milchig grünen Wasser dümpelt ein Eiszwerg mehr. Der Gletscher hat gekalbt!

Das dramatische Ereignis wiederholt sich in völlig unregelmäßigen Abständen. Gelegentlich ist es - mit etwas Erfahrung - absehbar, viel öfters kommt es wie der Blitz aus heiterem Himmel. Meistens sind es nur winzige Eisklümpchen, die da abbröckeln. Allenfalls ein, zwei Meter im Durchmesser, schlappe zwei, drei Tonnen schwer. Aus fünfzig und mehr Metern Höhe donnern sie aufs Wasser - ein Schuss wie aus der Feldhaubitze. Nicht zu überhören, aber leicht zu übersehen. Denn wenn man den Schuss hört, ist es längst zu spät, den Auslöser zu drücken ... der Schall­geschwindigkeit sei Dank.

Dem riesigen Gletscher praktisch auf Augenhöhe gegenüberzustehen und ihm in den blau schimmernden Rachen zu gucken ist schon ein Erlebnis der ganz besonderen Art! Führt man sich zudem die Fließgeschwindigkeit vor Augen, wird schnell klar, dass das Eis, das hier gerade schmilzt zu einer Zeit als Schnee vom Himmel fiel, als die ersten Menschen nach Amerika eingewandert waren, so etwa vor zwölftausend Jahren! Wirklich beachtlich! Auch nach zwei Tagen, in denen der »Perito Moreno« sein Aussehen fast stündlich geändert hat, kann ich mich nur schwer von seinem Anblick losreißen.

Fotoalbum Damit ihr noch länger gucken könnt, gibt's weitere Bilder in der ...

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Nachzutragen bleiben noch einige Impressionen aus El Chaltén, dem Bergsteigerdorf zu Füßen des Fitz Roy und des Cerro Torre, die ebenfalls innerhalb des Nationalparks Los Glaciares liegen. Foto Argentinien Die imposanten Felsnadeln - meist eher die Wälder und Seen zu ihren Füßen - sind das Ziel der Heerscharen von Trekking- und Abenteuer-Touris aus aller Herren Länder, die die Straßen des Orts unsicher machen. Meistgehörtes Idiom ist nach wie vor "C'est impossible!" Gemeint ist die Ersteigung der abweisenden Felszinnen - und meistgehörte Fremdsprache ist Französisch! Trotzdem wurden die Spitzen allesamt schon bezwungen, der abweisende Poincenot (siehe Bild) sogar in nur acht (!) Stunden (natürlich war's ein Deutscher emoticon05). Aber auch der nördliche Ableger des Nationalparks kann mit seinem eigenen Gletscher aufwarten, dem viertgrößten auf argentinischer Seite, dem Glaciar del Viedma.

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Andrang im NP Torres del Paine [CHL] Torres del Paine - Türme der Schmerzen?

Verzeiht mir die etwas schräge Übersetzung - zu groß ist gerade die Enttäuschung!

Der berühmteste Nationalpark im Süden Patagoniens zieht die Massen an wie ein Magnet die Eisenspäne. »W-Trail«, »O-Trail«, »Rundweg« und »Torres Lookout Trail« sind die wohl bekanntesten der zwei Dutzend Wanderwege, die den Park queren. Seit Tagen freue ich mich darauf, mir die Beine zu vertreten - noch dazu in so eindrucksvoller Landschaft!

Foto Chile Doch die Vorfreude schlägt bald in enttäuschten Frust um. Gleich nach der argentinisch-chilenischen Grenze stutze ich zum ersten Mal: war die Straße bis eben noch fast menschenleer, überholen mich nun die Busse im Konvoi. »Die wollen doch nicht alle zum Torres del Paine?« schießt es mir durch den Kopf. Doch, sie wollen! Am nächsten Tag sehe ich sie alle wieder, eine frische Ladung Passagiere an Bord.

Inzwischen habe ich mir einen ersten Überblick über den Park verschafft: er selber besteht nur aus dem einen Gebirgsstock, in dem die - zugegeben sehenswerten - Zinnen aufragen. Ringsherum haben die Gletscher des patagonischen Eisfelds vier größere und zwei Dutzend kleinere türkisfarbene Seen geschürft. Der Rest des Parks jedoch ist karges Hügelland - ähnlich wie in Argentinien während der letzten Wochen: alles andere als atemberaubend!

Foto Chile Dass der Park knapp 30EUR Eintritt kostet, mag ja noch angehen. Schließlich ist er die größte - und einzige - Sehenswürdigkeit im chilenischen Süden. UN-Biosphärenreservat. Was ganz besonderes also! Bevor man allerdings sein Ticket erstehen kann, muss man sich namentlich registrieren und zwei Seiten voller Regeln unterschreiben (natürlich auf Spanisch), die im Park einzuhalten sind. Das ganze geht in einem hektischen, höchst unfreundlichen Ton über die Bühne. Die Ranger sind merklich überlastet. Immer wieder werden organisierte Gruppen vorgeschoben und bevorzugt behandelt. Der einzelne ist Tourist zweiter Klasse! Und organisierte gibt es zu Hauf! Im ganzen Verkaufsraum herrscht ein Gedränge und Geschiebe, dass es nimmer feierlich ist. »Tickets für drei oder vier Tage gibt es nur über die Agenturen, wenn Sie eine Tour gebucht haben!« meint schließlich die sichtlich genervte Dame am Ticketschalter. »Sei's drum, dann muss ich eben schneller laufen!«

Ein halbe Stunde später die nächste Ernüchterung am - sogenannten - Campingplatz der »Chileño Lodge«: an die hundert Fahrzeuge stehen auf dem windgepeitschten, staubigen Parkplatz. Als Camper ohne Zelt muss ich mich da irgendwo reinquetschen. Bergidylle ist anders! Die hypermoderne Halle zur Anmeldung quillt über von Wanderern. Informationen hingegen sucht man vergebens! Unüberhörbar tönt es inzwischen aus der Bauchgegend: »Das ist nicht unser Platz! Wanderung hin, Wanderung her.« Also wieder auf den Bock und weiter! Nach der großen Freiheit in Argentinien ist das hier etwas, womit ich emotional gerade gar nicht klarkomme!

Minuten später huscht doch noch ein versöhnliches Lächeln über meine Lippen. Am Straßenrand weidet eine Herde Guanacos. Inzwischen sind die Tiere nicht mehr so exotisch wie in Peru, aber so zahlreich - und so zutraulich wie hier - habe ich sie seit Bolivien nicht mehr gesehen. Ohne große Scheu kommen sie auf Armeslänge heran, wenn man sich ganz ruhig verhält. Und ihre Jungen sind einfach süß! Und noch neugieriger als die Alten! Offenbar wissen sie, dass ihnen hier im Park keiner etwas will. Die anmutigen Tiere sind aber auch so ziemlich der einzige Lichtblick an diesem tristen, stürmischen und rundum verkorksten Tag!

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Heimstatt der ersten Siedler

Als der deutsche Einwanderer Herrmann Eberhard 1895 nach einem verirrten Schaf sucht, entdeckt er eines mysteriöse Höhle, ausgewaschen vom Wasser früher patagonischen Gletscher. Darin findet er, nein, nicht sein Schaf, sondern das Fell eines fast vier Meter großen, bislang unbekannten Tieres. Erst Jahre später wird es als Mylodón klassifiziert, ein längst ausgestorbenes Exemplar der Gattung »Riesenfaultier«, ein reiner Pflanzenfresser. Zeitgenosse so putziger Tiere wie dem Ur-Pferd oder dem Säbelzahntiger, der damals die Zahl unserer europäischen und asiatischen Vorfahren in ganz natürlichen Grenzen hielt.

Seither hat die abgelegene Höhle auch das Interesse anderer Forscher gefunden. Die können nachweisen, dass kurz nach dem Mylodón auch menschliche Siedler hier gehaust haben. Gleich mit dem ersten Schwung der Einwanderer aus Alaska bzw. Sibirien müssen sie gekommen sein, denn ihre Überreste werden auf ein Alter von elf- bis dreizehn Tausend Jahre datiert. So schließt sich - wieder einmal - der Kreis der nacheiszeitlichen Völkerwanderungen: Herrmann aus Deutschland (auch seine Vor-Vor-Vorfahren stammten aus Afrika) trifft auf seine »Stammesbrüder«, die den Weg über Asien und Sibirien genommen hatten. Allerdings viele Tausend Jahre vor ihm!

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Der abgelegenste Nationalparks Chiles: Bernardo O'Higgins

Foto Chile Den Nationalpark Los Glaciares kennen wir ja schon. Auf argentinischer Seite kann er mit Eisgiganten wie dem Perito Moreno oder dem Upsalla punkten. Die argentinischen Eisfelder sind allerdings nur klägliche Ableger des riesigen patagonischen Eisfelds, dessen größter Teil auf chilenischer Seite liegt, geschützt vom Nationalpark Bernardo O'Higgins. Er ist der mit Abstand größte Nationalpark des Landes, gleichzeitig auch der unzugänglichste. Wer will auf dreieinhalb Millionen sturm­gepeitschten Quadratkilometern voller Eis, Schnee und schroffer Felswände schon Schafe züchten, wohnen oder gar Wege bauen? So ist das Boot das einzige Verkehrsmittel - und die Fahrt geht über einen böigen Fjord mit senkrechten Felswänden direkt zwischen den Bergen hindurch. Bootfahren im Hochgebirge. Dabei bewegen wir uns seit langem wieder einmal auf Meereshöhe. Im pazifischen Ozean. Die Gischt schmeckt salzig.

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Die Fahrt ist ein Abenteuer für sich, auch wenn die beiden Gletscher Balmaceda und Serrano weder von Größe noch von der Imposanz her an ihre bekannten argentinischen Brüder heranreichen. Dafür teilen sie zwei andere Extreme miteinander: sie sind die südlichsten Gletscher des patagonischen Eisfelds - und sie sind diejenigen, die sich am schnellsten zurückziehen - bis zu 25 Meter pro Jahr. Wenn das kein Hinweis darauf ist, dass wir mit unserem Klima ein klitzekleines Problem haben!

s_america_detail01_teaser.png Südspitze Amerikas - zum ersten: die Magellanstraße

Foto Chile Vor der Fertigstellung des Panamakanals (1914) müssen alle Schiffe, die von Europa aus an die Westküste Amerikas wollen, hier entlang. Auch der Weg nach Indien und die gewinnbringenden 'Gewürzinseln' (Molukken) führt viele Jahrhunderte lang einzig um das sturmgepeitschte Südkap Amerikas. Kap Hoorn. Wo sich Atlantik und Pazifik die Hand schütteln. Besser die Wogen. Jeder, der die Entdeckungsgeschichten eines Charles Darwin oder die Piratengeschichten eines Sir Francis Drake gelesen hat, weiß um die Gefahren des Kaps. Noch heute ist es für die Weltumsegler so etwas wie der oberste Ritterschlag, wenn sie Kap Hoorn umrundet - und ihr Schiff behalten - haben.

Foto Chile Doch dann meint ein gewiefter Seebär, es müsse doch ein Hintertürchen inmitten des chaotischen Inselgewirrs geben. Es dauert mehrere Monate, bis er endlich das winzige Schlupfloch gefunden hat: vom Atlantik her gleich hinter dem Cabo Virgenes rechts abbiegen, zwei Meerengen durchfahren, unzählige Untiefen meiden. Dann am Cabo Froward, der Südspitze des amerikanischen Festlands wieder scharf rechts halten und zwischen vergletscherten Bergriesen nach Nordwesten kreuzen. Nach hundert Seemeilen tut sich danach wieder offenes Wasser auf, der Pazifik. Diese seefahrerische Meisterleistung vollbringt ein gewisser Fernando de Magellanes, ein Portugiese in spanischen Diensten. GPS und Echolot sind weitgehend unbekannt, wir schreiben das Jahr 1520.

Von nun an können die Gewürzschiffe und Handelsschoner, die Kanonenboote und Einhandsegler das gefährliche Kap Hoorn meiden und in relativer Sicherheit durch die Magellanstraße segeln. Jahrhundertelang herrscht ähnlich viel Verkehr wie heute auf dem Ärmelkanal. Dann wird der Panamakanal eröffnet und die Magellanstraße versinkt in Bedeutungslosigkeit. Allenfalls ein paar einheimische Krabbenfischer und Abenteurer tuckern noch in dem sagen­umwobenen Gewässer. Neuerdings noch etliche Gastanker und Versorgungsschiffe für die frischen Erdöl- und Erdgasfelder vor der chilenischen Küste.

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Südspitze Amerikas - zum zweiten: Tierra del Fuego

Südlich der Magellanstraße setzt sich Amerika noch ein gutes Stück weit fort, auch wenn die Inseln nicht mehr zum amerikanischen Festland gehören. Die ersten Europäer, die es in die sturmgepeitschte, unwirtliche Gegend verschlagen hatte, meinten gar, das legendäre 'Südland' entdeckt zu haben: ein Kontinent, das sich bis zum Südpol erstrecken sollte. Eine leichte Fehleinschätzung, wie wir heute wissen! Südlich und westlich der riesigen Hauptinsel Feuerland (47.000km2) scharen sich Hunderte kleiner Eilande, die teils zu Chile, teils zu Argentinien gehören. Die politischen Verhältnisse sind alles andere als übersichtlich. Der gesamte Archipel hat eine Fläche von 73.500km2, auch geografisch eine der verwirrendsten Landmassen unserer Erde.

Die Küsten sind abweisend und lebensfeindlich, an den flachen Abschnitten wächst so gut wie Nichts, in den bergigen Regionen stoßen die Gletscher bis ins Meer hinab. Schon Charles Darwin stellte 1834 fest: "Ein einziger Blick auf eine solche Küste reicht hin, um einem Menschen vom Festland eine Woche lang von Schiffbrüchen, Gefahr und Tod träumen zu lassen ..."

Foto Chile Feuerland: Namen [ARG] An wenigen Stellen dieser abweisenden Küste hausten trotzdem Menschen: Tehuelche-Indianer. Denen war entweder kalt oder sie wollten den Schiffen den Küstenverlauf signalisieren: jedenfalls brannten entlang der Küste allenthalben Feuer. So kam das Land zu seinem Namen: "Tierra del Fuego" - Land des Feuers - Feuerland.

Ein Feuer im Herzen kann dieser Landstrich nur bei ganz wenigen entfachen! Es sei denn, sie sind Schafzüchter! Für die ist das Land ein Eldorado. Die vierbeinigen Wollproduzenten sind so ziemlich die einzigen, die an den kargen Weiden etwas Schmackhaftes finden. Wolle und das Fleisch der Tiere bescheren den ersten Einwanderern schnell beachtlichen Reichtum: der Boden ist billig, die Arbeitskräfte auch (Indigenas, die zur Arbeit verpflichtet wurden). Die Estanzias, die Schaffarmen erreichen locker die Größe eines deutschen Landkreises. Irgendwo in der Mitte, windgeschützt hinter einer Reihe knorriger Bäume stehen ein paar Hütten, eine Halle für die Schafschur - und ein prächtiges Herrenhaus für den Chef. Dieses Bild prägt Feuerland bis heute.

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Interessant auch, dass viele der Schafzüchter aus Europa kamen - aus Schottland. Vermutlich kamen die Emigranten nicht nur mit den Schafen am besten zurecht, sondern auch mit dem rauhen Klima und der Melancholie der Landschaft.

Foto Chile Foto Chile Königspinguine auf Feuerland [ARG] Seit ein paar Jahren haben die Schafe attraktive Gesellschaft bekommen. Eine Gruppe von Königs­pinguinen hat sich an einer Bucht nahe Onaisín ein neues Heim erkoren. An die zwei Dutzend Tiere leben hier und ziehen ihre Jungen auf. Sie sind nicht die einzigen Pinguine an der südamerikanischen Küste, aber sie sind die einzigen Königspinguine. Mit ihrer Körpergröße von etwa einem Meter machen sie ihrem Namen alle Ehre - die anderen Pinguine sind gegen sie doch nur Zwerge!

Südspitze Amerikas - zum dritten: Ushuaia

Karte Feuerland Die politischen Grenzen im Feuerland-Archipel sind mindestens so verwirrend wie die geografischen. So wurde der komplette Archipel einfach mit dem Lineal zweigeteilt: der Westen gehört zu Chile, der Osten zu Argentinien. Unterschiede sind keine auszumachen: links grasen Schafe, rechts grasen Schafe, die Landschaft ist eben, eintönig, leer. Die wenigen Bäume vom Sturm zerzaust. Gerade mal 10.000 Menschen leben auf den 52.000km2, die zu Chile gehören, die meisten in Porvenir, der Schwesterstadt von Punta Arenas auf dem 'Festland'.

Feuerland: geologische Grenze [ARG] Foto Argentinien Eine zweite Grenze teilt die Insel, eine geologische. Sie verläuft in Ost-West-Richtung. Weit markanter als die politische sticht sie dem Reisenden sofort ins Auge, wenn er bei Tolhuin den langgestreckten Lago Fangnano passiert: plötzlich erhebt sich aus der eintönigen Ebene ein markantes Gebirge, die Darwin Cordilliere. An die 2000 Meter hoch, schneebedeckt und schroff, das einzige Gebirgsmassiv der Anden, das sich in Ost-West-Richtung erstreckt! Man glaubt sich in einer anderen Welt, auch wenn's weiterhin kalt und stürmisch ist und am Himmel schwarze Regenwolken dahinrasen. Geologisch befinden wir uns nun auf einer anderen tektonischen Platte, der sogenannten 'Scotia-Platte' die von manchen Geologen schon zur Antarktis gezählt wird. Der Westteil der Magellanstraße, der schmale Fjord des 'Seno Almirantazgo' und schließlich der tief eingeschnittene Lago Fagnano markieren die Trennlinie. Ein eigenartiges Gefühl, zumindest mit dem kleinen Zeh schon in der Antarktis zu stehen!

Foto Argentinien Die argentinische Seite Feuerlands ist dagegen richtig 'dicht' besiedelt. Zwei Städte bieten jeden denkbaren Luxus: Rio Grande und Ushuaia. Anders hätte man vermutlich die zahlreichen Fachkräfte nicht ködern können, die nach dem Willen der Regierung in Buenos Aires die abgelegene Region zu einem Wirtschaftswunderland machen sollten. Steuerfreiheit, zahlreiche Vergünstigungen und warme Socken inclusive. Die Privilegien sind inzwischen abgeschafft, doch die Region ist noch immer weit besser entwickelt als beispielsweise das menschenleere Patagonien. Da sind schon mal auch die Nebenstraßen geteert (wenn auch mit vielen Schlaglöchern), an jeder Kreuzung findet man Tankstellen und die Regale im Supermarkt sind randvoll. Irgendwie macht Ushuaia eher den Eindruck eines Vororts von Buenos Aires als der südlichsten Stadt der Welt, hinter der es auf dem Landweg kein Weiterkommen gibt!

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Jeder Tropfen Milch, jede Sardine, jedes Brett für's Häuschen muss von weit her herangeschafft werden. Damit hat das alles seinen Preis: Ushuaia soll die teuerste Stadt des Kontinents sein. Auch die schiere Anzahl an Sattel­schleppern, die das alles transportieren, ist schwerlich zu übersehen! Entsprechend mitgenommen sehen die Straßen aus! Neben bunt und völlig planlos zusammengewürfelten Hotels, Hostales, Andenkenläden und Restaurants hat die 'Stadt am Ende der Welt' allerdings wenig zu bieten - 'Charme' schaut anders aus. Die meisten Attraktionen liegen außerhalb und heißen 'Natur pur'!

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Dennoch ist Ushuaia erklärtes Ziel aller Reisenden. Seien sie auf dem Land unterwegs oder auf dem Wasser. Der Yachthafen ist mindestens ebenso gut besucht wie die Stellplätze und Camps in der Stadt und vor ihren Toren. Schließlich will hier jeder Weihnachten oder Neujahr feiern! Auch wenn das Wetter alles andere als feierlich ist!

Viele von den Seglern schippern weiter gen Süden, durch die 'Drake-Passage' in die Antarktis. »Definitiv ein Trip, den man sich einmal im Leben gönnen sollte!«, sagen die Skipper. »Ich kann es mir doch leisten!«, sagen die anderen, die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die vor dem Trip in die Kälte in Ushuaia festmachen. »Ich kann mir weder das eine noch das andere leisten!« sagen die dritten. Als eher land-geprägte Ratte zähle ich zur dritten Kategorie. Zwischen 6.000 und 20.000 Euro für einen zweiwöchigen Ausflug auf den Tisch zu blättern, sprengt definitiv meine Reisekasse! Und sind die Pinguine noch so putzig und das jahrtausende alte Eis im Whiskey noch so lecker! Also ist und bleibt Ushuaia der südlichste Punkt meiner Reise! Nein, ein paar Meter näher am Südpol geht doch noch ...

Foto Argentinien Zwölf Kilometer setzt sich die 'Ruta 3', die einzige Straße nach Ushuaia hinter den Städtchen noch fort. Die Brummis werden weniger, die Schlaglöcher auch. Dafür Schotter und Sand. Beim ersten Regenguss wird die Piste rutschig wie Schmierseife! Aber es ist ja nicht mehr weit! Dann ein Wendeplatz, ein Bootssteg und eine unübersehbare Tafel: Ende der Straße. Ende Südamerika. Ende der (befahrbaren) Welt. 3092 Kilometer (Straße) bis Buenos Aires, 17.848 Kilometer (Luftlinie) bis Alaska. Die Bucht von Lapataia liegt vor uns, dicht an der Grenze zu Chile, definitiv letzte Station vor der Antarktis!

Foto Argentinien Nach über zwei Jahren, in denen der Kompass hauptsächlich 'nach unten' zeigt, ist hier der südlichste Meilenstein der Panamericana erreicht! Näher an den Südpol geht's für die tapfere Lady Grey nun wirklich nimmer! Ein passender Zeitpunkt, schon mal auf's Navi, den Tacho und den Tageszähler zu schauen. Auch wenn die Feier erst nächste Woche steigt, wenn zum Neuen Jahr auch die Schnapszahl erreicht ist:

  • GPS Koordinaten am 'Nordende': 65°03,235'N; 146°03,336'W;
  • GPS Koordinaten am 'Südende': 54°51,305'S; 068°34,669'W;
  • Fahrstrecke von Norden nach Süden: 64586km;
  • Zeit von Norden nach Süden: 880 Tage.

Foto Argentinien Die Bucht ist nicht nur ein Meilenstein. Sie ist auch wunderschön! Einer der abgelegensten, gleichzeitig einer der beeindruckendsten Orte Argentiniens! Der Nationalpark 'Tierra del Fuego' im äußersten Südwestzipfel des riesigen Landes ist den kurzen Abstecher von Ushuaia herüber mehr als wert! Auf einem halben Dutzend idyllischer Wanderwege kann man die ungewöhnliche, ja bizarre Natur am Ende der Welt in sich aufsaugen. Obendrein gibt's nette und saubere Camps, um die Feiertage zu verbringen. Abseits von Hektik, Trubel und Freunden, die sich verspäten.

Am eindrücklichsten sind die triefnassen Senken mit den Bäumen, die wie tote Skelettknochen aus dem grünen Schlamm ragen. Mit etwas Geduld kann man hier dem Torf beim Wachsen zusehen: aufgrund der niedrigen Temperaturen und eines hohen ph-Wert des Wassers verrotten Moose, Gräser und Schilf nur äußerst langsam. Die oberen Schichten pressen die unteren zusammen und schneiden ihnen den Sauerstoff ab: es bildet sich Torf. In ein paar Jahrtausenden können wir den dann zum Einheizen verwenden - was heute schon eine klasse Idee wäre!emoticon04

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Fotoalbum Damit ihr die einzigartige Natur auch vom Sessel aus bestaunen könnt, gibt's weitere Bilder in der ...

Die Feiertage vergehen in der herrlichen Natur wie im Flug. Bald heißt es wieder Abschied nehmen von neuen Reisefreunden. Die nächste Etappe der 'Ultimate Journey', meiner großen Reise steht ins Haus: zunächst schnell, schnell zurück in wärmere Gefilde, ein paar Tage 'Zwischenstopp' in der früheren Heimat, dann noch einmal kreuz und quer durch Südamerika. Diesmal mit den Schwerpunkten 'Pampa', 'Amazonas' und 'Ostküste'. Läuft hausintern auch unter dem Namen 'Greenhouse-Tour' ...

Es gibt ja noch so viel zu entdecken! So viel, auf das ich mich auch im Neuen Jahr freuen kann! Wenn erst einmal der Kater aufhört, zu miauen ... emoticon01 emoticon01 ...

Ach ja, ein Leitspruch für das neue Jahr und die nächste Etappe ist auch schon gefunden:

Spruch

In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Neues Jahr!

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Fussnote 1: Zu verdanken haben wir die nervigen Regeln nicht zuletzt zwei israelischen Touristengruppen, die 2005 bzw. 2012 verheerende Buschbrände entfachten. 17.000 Hektar des extrem langsam wachsenden südpatagonischen Waldes fielen ihnen zum Opfer. Die Natur wird mehrere Jahrzehnte brauchen, um sich davon zu erholen. Ursache: Unachtsamkeit. Von den 150.000 Besuchern pro Jahr ist jeder einzelne dafür verantwortlich! Seither ist jegliches Feuer im Park strengstens verboten, Campen darf man nur noch unter Aufsicht und auf vielen Wegen ist sogar die Gehrichtung vorgeschrieben. Ob das allerdings Feuersbrünste verhindern kann?