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Berge und Pampa: im Norden Argentiniens

ARG


Oct 14 2016

Curacautin (La Araucanía, Chile) (GPS: 38°27,922'S; 071°45,666'W)

Foto Chile "Bitte fahren Sie ihr Fahrzeug zum Röntgengerät!" fordert mich der junge Grenzer in fließendem Englisch auf. Ok, dann kramen sie wenigstens drinnen nicht überall herum! Weit gefehlt: nach dem Röntgen (natürlich ergebnislos) stürzen sich drei Grenzer und einer der 'Sanitärabteilung' in die Lady Grey, zerren Polster hervor, öffnen Türen, Schubkästen und Fächer. Besonders angetan hat es ihnen der Kühlschrank, wo sie drei Eier, 50 Gramm Honig und ein Stückchen Wurst (das ich eh dem Hund geben wollte) beschlagnahmen. Wie gut, dass ich auf dem Fragebogen angekreuzt hatte, dass ich zwei Äpfel anzumelden habe. Sonst würde mir ob der illegalen Einfuhr von Gütern, die die Landwirtschaft gefährden, eine saftige Geldstrafe drohen (wie andere Reisende aus erster Hand zu berichten wussten). Noch mal Glück gehabt, auch wenn die Prozedur gute eineinhalb Stunden dauert.

Wenigstens sind die chilenischen Grenzer freundlich. Aber eben auch neugierig! Und gewissenhaft!

Wieder einmal stehe ich in einem neuen Land. Auch wenn es nicht mehr ganz so neu ist und seine Stempel schon ein paar Seiten im Pass füllen. Wie meist am Schlagbaum wandern auch hier die Gedanken zurück in das Land, das ich eben verlassen durfte: Argentinien. In den Norden, genauer den Nordwesten des riesigen Landes. So wie es nicht das letzte Mal ist, dass ich in Chile ein-, wird es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich aus Argeninien ausgereist bin. Denn nicht nur die Gipfel der Anden teilen sich beide Länder, sondern auch eine 5000km lange Grenze, ein paar spanische Vokabeln - und jede Menge Sehenswürdigkeiten.

Zurück also zum Paso de Jama, den nördlichsten der Grenzübergänge zwischen beiden Ländern.

Große Lee(h)re

Foto Argentinien Ihr wisst inzwischen, welch begeisterter Fan ich von weiten, offenen Landschaften bin. Nicht, dass sie mir in Peru, Bolivien oder einem der anderen Länder Südamerikas gefehlt hätten. Aber so weit und so offen wie in Argentinien werdet ihr sie anderswo kaum finden. Einfach herrlich!

Allerdings bringen sie ein Problemchen mit sich: ich weiß nicht, was ich über sie schreiben soll! Die gängigen Lobpreisungen wie »herrlich«, »grandios«, »pittoresk«, »müsst ihr einfach gesehen haben« habe ich ja schon hinreichend strapaziert! Nach all den wortreichen Berichten über den Norden Chiles und die Osterinseln lasse ich ab heute die Bilder sprechen. Die sagen eh mehr als tausend Worte ...

Der nördlichste Andenpass: Paso de Jama

Los geht's am Paso de Jama, dem nördlichsten - und einem der höchstgelegenen Grenzübergänge (4300m) zwischen Chile und Argentinien. Zudem ist er ganzjährig schneefrei - um nicht zu sagen niederschlagsfrei. Er liegt mitten in der staubtrockenen Atacama. Fegte bei der Herfahrt ein gnadenloser, eisiger Sturm zwischen den Vulkangipfeln hindurch und verbot jegliche Outdoor-Aktivität, so verwöhnt mich nun strahlender Sonnenschein. Mit tollen Wanderungen wird's trotzdem nichts: das Ende meines Visum sitzt mir (vermeintlich) im Nacken ... Gar kein schlechter Grund, noch ein drittes Mal heraufzufahren und die atemberaubende Szenerie zu genießen emoticon09!

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Die erste Stadt in Argentinien, die ich besuchen muss (u.a. um Geld zu tauschen und Sprit zu bunkern) heißt Salta, und liegt direkt am Fuss der Hochanden. Schade, dass am Freitag mittag alle Bürgersteige hochgeklappt und allenfalls einige Schüler unterwegs sind, die den Beginn der Ferien feiern. Doch die »Siesta« ist hier heilig, dafür soll die Stadt nach Sonnuntergang zu unbändigem Leben erwachen ...

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Der Weg führt weiter, nun direkt nach Süden und durch den Quebrada de las Conchas, in dem man allerdings weniger Angst vor Meeresgetier als vor dem Beelzebub haben sollte ...

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Gleich nach dem teuflischen Flusstal öffnet sich die Landschaft zur sonnenverwöhnten Weinregion von Cafayate. Im Gegensatz zu den Reben in unseren Breiten (Mosel, Franken u.ä.) werden die Weinstöcke hier auf riesigen ebenen Flächen angebaut, was die Arbeit natürlich enorm erleichtert. Möglich ist das wegen der hohen Sonneneinstrahlung und dem Windschutz durch die Anden. Angebaut werden Weine von Weltklasse, wie zum Beispiel der Malbek, der auch meinem (wenig kundigen) Gaumen zusagt.

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Zu Zeiten der Inka gab es hier noch keinen Wein (den brachten erst die Spanier mit). Trotzdem wurde eifrig Handel getrieben. Davon zeugt u.a. Quilmes, eine Festung aus den Tagen der Inka, mithin an die 500 Jahre alt. Ganz nach Inka-Manier - aber längst nicht so ausgefeilt wie in ihrer Hauptsatdt Cuzco - wurde hier Stein auf Stein geschlichtet, bis eine dicke und trutzige Mauer entstanden war. An Steinen herrschte schon damals ein deutliches Überangebot!

Bemerkenswert erscheint mir, wie weit südlich die Inka noch herrschten. Von hier bis zur bolivianischen Grenze sind es über 500 Kilometer, nach Cuzco über 1500 Kilometer Luftlinie! Wirklich beachtlich.

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Eindrückliche Landschaft und urzeitliches Getier

Wieder ein paar hundert Kilometer weiter südlich, schon fast auf dem Breitengrad von Cordoba bildet der Nationalpark Ischigualastro die östliche Grenze der Andenkette. Danach wird die Landschaft eben und eintönig. Llanos nennt man das hier, Tiefland. Doch der Nationalpark, auch bekannt unter dem Namen Valle de la Luna ist ein echtes highlight. Landschaftlich wie ur-geschichtlich! Allerdings darf man ihn nur im Fahrzeug und in Begleitung eines Rangers besuchen. Ins kleine Museum mit den arg kunststoffhaltigen Dinoknochen dagegen geht's ohne Begleitung ...

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Fährt man auf einer nagelneuen Straße vom Nationalpark ein paar Kilometer nach Westen, bietet sich das gleiche Bild wie im Park selber: ausgewaschener Sandstein bildet bizarre Skulpturen. Hier kann man sie jedoch allein und auf eigene Faust erkunden. Hundertmal spannender, als dem spanisch sprechenden Ranger zu lauschen!

Wochenende im Nachbarland: Santiago

Die so händeringend erwartete Post aus Deutschland ist inzwischen in Santiago de Chile eingetroffen. Also in Mendoza in den Bus gesetzt und mal eben über die Anden ins Nachbarland. Näheres findet ihr hier.

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Spätwinterlicher Kälterekord

Das Thermometer zeigt 12,6°C. Unter Null! Bisheriger Minus-Rekord. Nicht mal auf dem berüchtigten Salar de Uyuni war es sooooo kalt gewesen! Kein Wunder: gestern und vorgestern krebste das Thermometer tagsüber bei ein bis zwei Grad Plus herum, der Himmel war verhangen und auf den Hängen ringsherum fielen ein paar Zentimeter Neuschnee. Heute nacht dann klart es auf, die Sterne funkeln vom Firmament ... und das Quecksilber fällt ins Bodenlose. Im Schlafsack mit doppelter Decke ist es zwar erträglich warm, aber als ich aufstehen will/muss zeigt das Innen­thermometer nicht mal 4°C.

Foto Argentinien Dabei hatte ich mir für die anstehenden Arbeiten - Bilddatenbank updaten, Bericht schreiben und manch anderes - einen besonders idyllischen Nachtplatz ausgesucht: mitten auf dem ausgetrockneten Lago Talacasto. Ruhig, eben und mit unver­stellbarem Blick auf die weiß schimmernden Berge ringsum. Aber bei diesen Temperaturen bibbern die Finger so schnell, dass ich nicht 'mal die richtigen Tasten treffe! Zumal die Heizung heute partout nicht anspringen mag. Also in die eiskalten Klamotten hüpfen, die Mütze tief ins Gesicht ziehen und den ach so idyllischen Platz gegen einen warmen tauschen.

Die Lady springt beim ersten Umdrehen des Zündschlüssels an. Braves Mädel. Sekunden später hustet sie nur noch und versagt den Dienst. Böses Mädel.

Nein, ganz braves Mädel. Aber böser Sprit! Ganz böser Sprit! In Mendoza hatte ich normalen argentinischen Diesel (Typ 500ppm) gebunkert. Schließlich stehen hier oben die Zapfsäulen nicht gerade wie Sand an Meer. Mit den 500ppm Schwefel sollte mein 'alter' Direkteinspritzer eigentlich klarkommen, jedenfalls habe ich bisher keine Klagen gehört. Mit dem - wegen der kühlen Temperaturen - total versulzten Sprit aber kann die beste Einspritzpumpe nichts anfangen! Das kenne ich aus alten Unimog-Tagen, Foto Argentinien damals aber herrschten gute 20°C unter Null! Offenbar ist der argentinische Diesel heute noch schlechter als damals der italienische.

Also die Sonne ihre Arbeit tun lassen: Fahrer, Motor, Tanks und Filter aufwärmen. Zweimal versuche ich das Verfahren abzukürzen und gieße heißes Wasser über die SEPAR-Filter. Ohne Erfolg. Erst als ich die Einspritzleitungen einzeln durchgespült habe gibt sich die Lady einen Ruck, springt erst unwillig an - tuckert dann aber, als sei nichts gewesen. Eben doch eine echte Dame!

Inzwischen ist es Nachmittag geworden, die Sonne strahlt vom blauen Himmel und die Temperaturen sind angenehm warm. Vermutlich hätte ich gar nichts machen müssen - nur hinsetzen und die Nerven schonen. Alles hätte sich von selbst gerichtet. Hinterher ist man ja immer klüger! Jedenfalls rollen wir weiter durch herrliche Landschaft zu einem netten Stausee, an dem es - will man der Thermodynamik Glauben schenken - gar nicht soooo kalt werden kann wie auf seinem ausgetrockneten Bruder. Jedenfalls nicht so auf die Schnelle!

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Ein Meer im Herzen der Steppe

Auf halbem Weg zwischen Pazifik und Atlantik tut sich völlig unerwartet ein drittes Meer auf. Mitten in der pottebenen Pampa im Herzens Argentiniens: das Mar Chiquita, das kleine Meer. Eigentlich ist es ein riesiger, flacher See, geformt von den Wassern des Rio Dulce, des Rio Segundo und des Rio Tercero. Das Nass aller drei Zuflüsse aber versickert bzw. verdunstet, da der See keinerlei Abfluss hat. Zurück bleibt das Salz, das die Zuflüsse hergeschwemmt haben, sodass das kleine Meer einen Salzgehalt aufweist, bei dem jedes richtige Meer vor Neid erblasst. Die zahlreichen Flamingos freut's, die Hotelbetreiber in Miramar auch, denn der hohe Salzgehalt heilt die Wehwehchen so mancher Gäste.

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Oans, Zwoa, G'suffa  ...

Welch großen Bogen ich um's Oktoberfest in München mache, wisst ihr alle! Keine zehn Pferde bringen mich dort hin! Nicht 'mal, wenn's Freibier oder die Hend'l im Dutzend gratis gibt! emoticon10

Foto Argentinien Mit 98.928km Abstand, im Herzen Argentiniens schaut das ein wenig anders aus! Auch hier ist das meiste Kitsch und Nepp und Abzocke - doch irgendwo hat es auch seinen - skurilen - Reiz. Zu sehen, wie man versucht, das bayerische Original nachzuahmen. Im Grunde aber doch etwas ganz eigenes auf die Beine stellt. Etwas, das sich nur an München anlehnt, weit weg von Gigantomanie und Weltrekorden:

  • nicht: das größte Bierzelt - es gibt nämlich gar keine.
  • nicht: die meisten Besucher - am ersten Wochenende bleiben viele Stühle leer.
  • nicht: die Maß für 15 Euro - es gibt nur Haferl für 5 Euro.
  • nicht: das größte Riesenrad, die gruseligste Geisterbahn - Fahrgeschäfte sind gänzlich Fehlanzeige.

Foto Argentinien Trotzdem ist das Oktoberfest in Villa General Belgrano, südwestlich von Cordoba das wichtigste Fest des Jahres. Nicht, dass der 5000-Seelenort sonst über Touristenmangel zu klagen hätte. Zum Oktoberfest aber platzt er aus allen Nähten, die Hotels schrauben - wie zu Hause auch - die Preise in unglaubliche Höhen. Campinplätze, Cabañas und Hostales sind seit Monaten restlos ausgebucht. Zum Auftakt kommen die meisten Besucher noch aus Cordoba (80km entfernt), am langen Wochenende reist man aus Buenos Aires (900km), Rosario (600km), ja selbst aus Mar del Plata (1200km) an. Kein Weg scheint zu weit, um hautnah mitzuerleben, was es mit der deutschen Gemütlichkeit auf sich hat.

Foto Argentinien Bier und Trachten - Trachten und Bier. Sehr viel Bier! Dazu Bratwürste mit Senf, Gulasch mit Spätzle, Berner Würstchen. Oder lieber ein saftiges Pfeffersteak vom heimischen Rind? Zur Nachspeise Schwarzwälder Kirschtorte, Apfelstrudel oder Käse-Sahne-Torte? Serviert von feschen Madl'n im Dirndl oder jungen Männern in Lederhosen, kariertem Hemd und Wad'lstrümpfen.

Foto Argentinien Man fühlt man sich arg nach Deutschland versetzt, bummelt man die Hauptstraße entlang. Vorbei an Restaurants wie dem »Roten Hirsch«, dem »Alten Zeppelin«, der »Tante Leny« oder dem »Café Rissen«. Vorbei an Metzgereien mit deutschem Aufschnitt (»Fiambreria«) und Süsswarenläden mit sächsischem Stollen, deutschen Lebkuchen oder Schweizer Schokolade und Eiscreme.

Foto Argentinien Bestellt man im Restaurant allerdings "eine Mass" oder möchte das Steak "gut durch" haben, erntet man nur Kopfschütteln und fragende Augen. Deutsch nämlich wird in der größten und bekanntesten argentinischen Stadt mit deutschen Wurzeln nicht gesprochen. Kein bißchen. "Nada, lo siento!" Selbst den netten Damen im Fremden­verkehrsbüro und der - sehr deutsch aussehenden - Dame im winzigen Museum zur deutschen Ortsgeschichte kommt allenfalls das "Oktoberfest" verständlich über die Lippen.

Foto Argentinien Trotz allem ist es arg lustig, inmitten einer typisch deutschen Kulisse spazierenzugehen und ausnahmslos spanische, argentinische Laute zu hören. Als ob man einem schlecht synchronisierten Film schaut. Guggt man dann ein bißchen genauer hin, fallen einem die vielen Stilbrüche auf: sei's das Bier, das natürlich nicht nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wird, sei's das Bierhafer'l, das neben dem Schriftzug »Oktoberfest« das Wappen von Berlin oder Hamburg trägt, sei's der original sächsische Stollen, der weder Marzipan noch Nüsse noch getrocknete Früchte enthält. Wo hier 'Deutsch' draufsteht, ist unterm Strich eben doch 'Argentinien' drin!

Am ersten Oktober steigt der Trachtenumzug und läutet das eigentliche Oktoberfest ein. Ganz pünktlich! Dabei sind dann fast mehr Trachten zu bestaunen als beim Münchner Original. Jede Volksgruppe, die auch nur den Hauch einer mitteleuropäischen Wurzel hat, will hier vertreten sein: Franzosen und Niederländer (in ziemlicher Minderzahl emoticon03), Slowaken und Wolgadeutsche, Italiener und Schweizer, Österreicher und eine einzelne Philippina (sie war mit einem Deutschen verheiratet). Vorneweg schreitet das Münchner 'Kindl' - ganz waschecht in den Farben der Landes­hauptstadt - und schwingt den Maßkrug und etwas, das nach Brez'n aussieht. Sie ist auch die einzige, die ein paar Brocken deutsch spricht. Das "O'zapt is!"" kommt ihr fast fehlerfrei über die Lippen - schließlich bekleidet sie das Amt schon ein paar Jahre.

Etwas verloren zwischen all den fremdländisch aussehenden Menschen kommt sich vermutlich die kleine spanische Gruppe vor: ein Dutzend Kastagnetten-klappernde und Tanzbein-schwingende Damen in edler andalusischer Tracht. Prompt ernten die Schönheiten aber den heftigsten Applaus der Zuschauer. Wir sind und bleiben eben in Argentinien!

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Button Wie üblich zu solch fotolastigen Gegebenheiten gibt's wieder eine kleine Bildersammlung ...

Am Abend nach dem Umzug führt mich ein kleiner Spaziergang noch auf's eigentliche Festgelände am anderen Ende der Stadt. Dort ist eher Ernüchterung angesagt: Um eine große Bühne, auf der ein paar halbherzige Schuhplattler-Einlagen dargeboten werden, reihen sich zwei Dutzend Fress- und Bierbuden, ein paar windschiefe Tische, an denen Besucher mit verdächtig glasigen Augen sitzen. Stimmung? Fehlanzeige! Passende Musik? Nada!  Schunkeln? Auf-dem-Tisch-Tanzen? Wo kämen wir denn da hin? Bemerkenswert allenfalls der Bierausschank: ins selbst mitzubringende (!) Haferl gibt's den Gerstensaft aus einer Art Wasserhahn in der Wand. In fünf Sorten (rot, schwarz, blau, gelb und grün) frisch aus dem großen Blechfass irgendwo dahinter.

Bemerkenswert auch: die Hundertschaften Ordnungshüter die in jeweils fünf bis zehn Meter Abstand postiert sind! Falls doch mal Stimmung aufkommen sollte ...

Ach ja, ein echter Wies'n-Schlager wird doch noch angeboten: Hau den Lukas. Drei Schläge für fünf Euro. Hauptgewinn: ein Bierhaferl für drei Euro. Trefferquote: nahe Null. Ein prima Geschäft!

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Der kleine Abstecher nach Villa General Belgrano und die paar Tage Warterei haben sich trotzdem mehr als gelohnt! Zum einen, um jeden Ansatz von Heimweh im Keime zu ersticken, vor allem aber wegen des phantastischen argentinischen Assado, das Ralf, der deutsche Betreiber des Camping »La Florida« am Sonntag für seine Gäste zaubert! Schon das allein hätte den Weg nach Argentinien gelohnt!

Weiter auf der Ruta Quarenta gen Süden

Foto Argentinien Drüben in Chile bildet die 'Ruta #5' so etwas wie das verkehrstechnische Rückgrat des Landes. Fast parallel und gar nicht weit entfernt (für südamerikanische Verhältnisse), auf der Ostseite der Andenkette verläuft ihre argentinische Schwester: die Ruta Quarenta. Von der bolivianischen Grenze in Norden bis hinunter nach Feuerland verbindet sie Menschen und Lebensräume, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Mit mehr als 5200 Streckenkilometern ist sie eine der längsten durchgehenden Straßen­verbindungen des Kontinents, wenn nicht gar weltweit. Ihr Ruf als eine der großen Herausforderungen Südamerikas ist erhalten geblieben, auch wenn inzwischen weite Strecken asphaltiert und problemlos zu befahren sind. Ihrer Faszination, den herrlichen Landschaften, die sei durchschneidet - auch den logistischen Herausforderungen tut das allerdings keinen Abbruch.

Nach wie vor führt sie einsam und (nahezu) verlassen durch praktisch unbesiedeltes Land. Wüste eben. Steppe. Pampa. Nicht mehr ganz so trocken wie die Atacama im Norden, doch weiterhin im Regenschatten der Anden gelegen! Nur dort, wo jetzt im Frühjahr Bäche und kleine Flüsse das Nass der hohen Gipfel ins Tal bringen, kann ein wenig Ackerbau betrieben werden. Nach langen Wüstenetappen voller Grau und Braun bilden die sattgrünen Taloasen mit windstillen, pappelgesäumten Sträßchen eine herrlich willkommene Abwechslung.

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Einige der Seitentäler können auch mit ganz eigenen Attraktionen aufwarten. Mehr als einmal weisen Straßenschilder auf Thermas hin, heiße Quellen zwischen oft noch tätigen Vulkangipfeln gelegen. Oder das nobelste Skigebiet Argentiniens schlechthin: Las Leñas auf gut 2000m Seehöhe. Trotz fehlendem Schnee und verschlossener Hoteltüren herrscht auch im Frühjahr noch reges Treiben hier oben: Bergsteiger und -wanderer, meist aber Reisende, die einfach nur sehen wollen, wie die Nobelhotels der Prospekte in Natura aussehen. St. Moritz oder Davos lassen grüßen!

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Attraktionen ganz anderer Natur hat die Pampa del Diamante zu bieten. Früher wurden tatsächlich ein paar der bei Damen so begehrten Glitzersteine gefunden. Inzwischen ist es eher das schwarze Gold, das die Menschen herlockt: Erdöl. Offenbar sind die Lagerstätten aber nicht sonderlich ergiebig, denn nur vereinzelt sieht man die kreischenden Förderpumpen nicken. In unmittelbarer Nachbarschaft versuchen sich wiederum Glücksritter ganz anderer Art: über 1600 eigenartige Behälter stehen weit vertreut auf dem menschenleeren Land. Schicken ihre Daten über Funk an die Zentrale in El Sosneado. Dort sitzen sie: die Astrophysiker des Pierre Auger Observatoriums. Mit Hilfe der mit hochreinem Wasser gefüllten Behälter wollen sie hochenergetischer kosmischer Strahlung (Energiebereich 1017eV bis 1020eV) auf die Spur kommen. Ein langwieriger Prozess, doch gibt es wenige andere Gebiete, in denen die Voraussetzungen ähnlich günstig sind wie hier! Näheres findet ihr auf der Wikipedia-Seite.

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Kilometer für Kilometer führt uns die Quarenta nach Süden. Zwischendrin - quasi als Erinnerung daran, wie mühsam es früher gewesen sein musste, hier entlang zu fahren - ein paar Dutzend Kilometer grausames Wellblech, tiefe Löcher, Querrinnen und Staub. Staub ohne Ende. Staub, fein wie frisch gemahlenes Mehl, den der stündlich zunehmende Sturm durch jede noch so kleine Ritze in die Lady drückt. Wozu habe ich gerade erst so gründlich geputzt? Von den Vulkanen neben der Piste ist vor lauter Staub und Wolken kaum etwas zu sehen. Lediglich ihre erkalteten Lavaströme sind deutlich zu erkennen. Besonders dort, wo der Rio Grande durch eine mehrere Hundert Meter lange, kaum zehn Meter breite Schlucht gurgelt und brodelt.

Foto Argentinien Zur Feier des Tages gibt's bei Chos Malal für die Lady einen Schluck Öl extra. Schließlich feiern wir 'Bergfest': die Hälfte der Ruta Quarenta liegt hinter uns. Dennoch bleiben es noch mehr als 2600km bis zum Südzipfel des Kontinents. Ein paar Abstecher hinüber nach Chile gar nicht eingerechnet. Aber wir haben ja Zeit. Hat doch gerade erst der Frühling begonnen.

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Letzte Schneereste liegen noch am Straßenrand, aber auf den frischgrünen Wiesen blühen schon die ersten Apfel- und Kirschbäumchen! Welch ein Unterschied herrscht doch zwischen dem Osthang der Anden (Regenschatten; wenig besiedelte, wüsten- oder steppenartige Landschaften) und seinem Westhang. Valdivia - hier gleich um die Ecke - ist die Regenhauptstadt Chiles, in den Tälern strahlt alles in frischem Grün und die Region gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Chiles!

Zu den schönsten obendrein! Die Regionen El Araucanía, Los Rios und Los Lagos bilden den sogenannten 'kleinen Süden Chiles', die von den Chileños am liebsten besuchte Region. Freut euch also schon mal auf den nächsten Bericht, so wie ich mich auf die Erkundung dieser schönen Ecke des Landes freue!