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Gedanken zum Reisen

Hier möchte ich ein paar Gedanken zum Reisen zum Besten geben. Ganz persönliche Gedanken. Ohne Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit. Vielleicht dennoch dem einen oder anderen von euch geläufig. Gedanken und Einstellungen wandeln sich mit der Zeit. So findet Ihr einige - merkliche - Unterschiede zu früheren Fassungen dieser Seite. Darum jetzt auch Zeitangaben bei jedem Artikel.


Buddhas achtfacher Weg zum rechten Reisen [PHIL] nach oben Buddhas achtfacher Weg zum rechten Reisen

Malediven, März 2019

»Der historische Buddha (ca. 563 - 483 v.u.Z.)INFO war Religionsgründer und - weniger bekannt - ein erfahrener Reisender. Nach seiner Erleuchtung zog er 45 Jahre lang als nomadischer Bettelmönch umher, um seine Weisheiten zu verbreiten. Buddha war kein Extremreisender wie Marco Polo, vielmehr hat er die staubigen Ebenen von Bihar, Uttar Pradesch und Himachal Pradesch in Indien nie verlassen. Dort entwickelte er eine Philosophie des Reisens, die uns heute - wenn schon nicht zum besseren Menschen - so doch zum besseren Reisenden werden lassen kann.«

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Buddhas achtfacher Weg zum rechten Reisen:

  1. Reise richtig auf Buddhas Mittelweg
  2. Reisen und die Vergänglichkeit des Lebens
  3. Reisen heißt Erfahrungen sammeln statt Dinge
  4. Lebe im Moment mit Vipassana Meditation
  5. Mache Pausen und reise nicht zur Regenzeit
  6. Du kommst als anderer Mensch zurück
  7. Reise so wie es für dich persönlich passt
  8. Das Leben ist unbefriedigend - das Reisen auch

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1. Reise richtig auf Buddhas Mittelweg

Buddha lebte seine ersten 30 Lebensjahre als Kronprinz im königlichen Palast. Er lebte sehr behütet und im Luxus. Später hungerte er sich fünf Jahre lang als Asket fast zu Tode. Erst als er beide Extrempunkte kannte sah er ein, dass äußerste Enthaltsamkeit genauso wenig zum Ziel führt wie ein Leben im Luxus. Er besann sich auf den mittleren Weg.

Dein Reise-Budget hat große Auswirkungen auf deinen Reisestil: mit wenig Geld reist du in vollgepackten Zügen und Bussen und läufst viel. Du nimmst Zimmer mit vier Wänden, einem Bett und wenig mehr. Du hast viel Kontakt zur Bevölkerung und siehst den Alltag der Menschen, aber nicht mehr als das. Gerade in Entwicklungsländern ist es sehr anstrengend so zu reisen und du sehnst dich ständig nach Erholung.

Mit viel Geld hingegen kannst du in Sterne-Hotels übernachten und Touren zu Sehenswürdigkeiten buchen. Du fliegst von Ort zu Ort und nimmst Taxis von Tür zu Tür. Alles was dazwischen liegt, siehst du durch abgedunkelte Scheiben oder gar nicht. Du verbringst viel Zeit in von äußeren Einflüssen abgeschnittenen Bereichen, die immer austauschbarer werden.

Keiner der beiden Wege ist der richtige. Die Mischung macht es.

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2. Reisen und die Vergänglichkeit des Lebens

Vergänglichkeit ist der Grund, warum Buddha sein Leben als Kronprinz aufgab. Der Legende nach verließ er im Alter von 29 Jahren zum ersten Mal den Palast und sah dabei drei Menschen: • einen Alten; • einen Kranken; • einen Toten. Alles vergeht, alles wandelt sich. Impermamenz kannst du weder bekämpfen noch vermeiden.

Vergänglichkeit ist im Buddhismus das erste der drei Daseinsmerkmale über die menschliche Natur. In einem Jahrhundert ist außerdem Nichts davon übrig. Du selbst bist schon bald nur noch Staub und Asche. Die Todesrate liegt auf lange Sicht bei 100%. Wir wissen, dass wir bald sterben müssen und doch tun wir so, als ob wir ewig leben. All das, was wir 'irgendwann' machen wollen, machen wir nie.

Schau dem Tod ins Auge und schiebe die wichtigen Dinge nicht auf.

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3. Reisen heißt Erfahrungen sammeln statt Dinge

Buddha heißt der Erleuchtete. Das klingt prunkvoll. Und doch zog Siddharta Gautama selbst mit 80 Jahren noch als Bettelmönch durchs Land. Jeden Morgen bat er um Almosen. Was er nicht selbst aß, gab er an Andere weiter. Er nahm nicht einmal Proviant für den nächsten Tag mit.

Besitzen wollen ist das erste der drei Geistesgifte im Buddhismus. Es ist Unsinn, an Materiellem zu hängen und Reichtümer zu sammeln, weil es dich nicht befriedigt.

Das ist eine gute Nachricht für Reisende. Statt Zeit und Geld gegen Dinge zu tauschen, sammelst du besser Erfahrungen und lernst Menschen in aller Welt kennen.

Halte nicht an Dingen fest. Reichtum macht dich nicht glücklich.

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4. Lebe im Moment mit Vipassana Meditation

Zeit seines Lebens meditierte Buddha. Meditation ist im Buddhismus wichtig um die Erleuchtung zu erlangen, aber mittlerweile auch eine weltliche Praxis.

Die bekannteste buddhistische Meditation ist die Achtsamkeits-Meditation Vipassana. Du versuchst Zweifel, Ängste, Sorgen und Fragen wie „was wäre, wenn“ fortzuscheuchen. Selbst Pläne, Bedürfnisse, Wünsche und alle anderen ablenkenden Gedanken sollen vermieden werden. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu sein.

Auch beim Reisen sind Sorgen ständige Begleiter. Am besten du machst es wie Buddha und scheuchst solche Gedanken davon. Lebe lieber im Moment. Es fügt sich ja doch immer alles wie von Zauberhand. Und wenn nicht, macht es auch keinen Unterschied ob du dir Sorgen machst oder nicht.

Mach dir das Leben nicht schwerer als es ist und befreie dich von Sorgen.

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5. Mache Pausen und reise nicht zur Regenzeit

Buddha reiste 45 Jahre lang, aber nie in der Regenzeit. Auch heute noch ziehen sich buddhistische Mönche für drei Monate für das Vassa zurück.

Die naheliegende Lektion für dich ist ebenfalls, nicht in der Regenzeit zu reisen. Der Regen ist halb so wild, aber Regenzeit heißt Hochsaison für Dengue-Fieber.

Die Regenzeit ist die Zeit, wenn buddhistische Mönche ihre Lehre vertiefen. Auch als Reisender brauchst du regelmäßige Pausen um in dich zu gehen und Erfahrungen zu verarbeiten.

Eine Pause ist eine sehr gute Idee nach vielen Monaten Reisen. Ein paar Wochen eine schöne Stadt kennenlernen oder auf einer Insel entspannen ist guter Urlaub vom Reisen.

Alles zu seiner Zeit. Du kannst auch auf einer Reise nicht dauernd reisen.

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6. Du kommst als anderer Mensch zurück

Buddha war quasi ein früher Neurowissenschaftler. Schon 500 vor Christus erkannte er, es gibt kein Selbst.

Du liest gerade diesen Text. Aber wer bist du? Im Buddhismus gibt es kein festes Selbst. Du bist eine Begleiterscheinung. Das wird auch immer mehr von Neurowissenschaftlern bestätigt.

Das Konstrukt von deinem Selbst ändert sich ständig. Du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen, weil der Fluss im nächsten Moment ein anderer ist. Aber auch du bist beim zweiten Mal anders.

Das heißt aber auch: du kannst dich Selbst formen. Gerade auf Reisen kannst du dich ohne die Zwänge deines gewohnten Umfelds neu erfinden. Wenn du willst kannst du jeden Tag ein anderes Selbst ausprobieren.

Du kommst von jeder Reise als anderer Mensch zurück.

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7. Reise so wie es für dich persönlich passt

Buddha war kein Gott, sondern ein Lehrer. Ein Lehrer kann dir nur helfen den richtigen Weg zu finden. Buddhisten können den Weg zur Erleuchtung nur selbst und aus eigener Kraft gehen.

Buddha ging sogar noch weiter. Er sagte, dass du keiner Lehre und keinem Lehrer einfach so glauben solltest, auch ihm selbst nicht. Viel wichtiger findet er Ergebnisse aus der Praxis.

Beim Reisen hast du viele Lehrer: Reiseführer, Reiseblogs, Tourguides, Einheimische und andere Reisende. Jeden Winkel der Welt kann dir jemand erklären, kartografieren und auf Bild oder Video zeigen.

Aber beim Reisen und im Leben geht es um deine Resultate. Probiere Tipps ruhig aus, aber hinterfrage, ob sie für dich funktionieren. Nur weil etwas ein „Must See“ ist, musst du dich da nicht hinzwingen.

Du selbst und nur du allein bist für deinen Weg verantwortlich.

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8. Das Leben ist unbefriedigend - das Reisen auch

'Das Leben ist unbefriedigend' war der Beginn von Buddhas erster Predigt nach seiner Erleuchtung. Es ist die Kernaussage im Buddhismus und die erste 'edle Wahrheit'.

Genau weil dein Leben unbefriedigend ist, bist du wahrscheinlich auf eine längere Reise gegangen. Das Problem ist: du entkommst der Alltagstristesse nur vorübergehend.

Auch Reisen ist unbefriedigend. Du kannst dich mit dem Reisen für einige Wochen oder Monate ablenken, aber nicht für immer. Wenn du unglücklich mit deinem Alltag warst, wirst du auch auf Reisen unglücklich werden.

Leben und Reisen befriedigend zu machen ist nicht von äußeren Faktoren abhängig. Deine innere Einstellung ist wichtig. Ändere deine Haltung und das Leben ist weniger unbefriedigend.

Deine Einstellung führt zu Zufriedenheit, nicht äußere Einflüsse.

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Grafik Die obigen Zeilen stammen von Florian Blümm, einem 'Reisenden der nächsten Generation', der bevorzugt auf Schusters Rappen und mit dem Backpack durch die Welt zieht. Auf seinem lesenswerten Blog  bringt er so manche Frage des Reisens auf den Punkt.

Buddhas Philosophie über das Reisen hat - wie die meisten seiner Einsichten - in 2500 Jahren nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüßt. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich im März 2019 durch Zufall diese Zeilen fand und sie mit meinen eigenen 'Einsichten' (s.u.) verglich. Bis auf die Reihenfolge deckten sich sämtliche Aussagen. Wie befriedigend, wenn die eigenen Einschätzungen von einem der größten Lehrmeister der Welt geteilt werden!

Unter Sprüche zum Reisen  findet ihr weitere fernöstliche Weisheiten, die ähnlich aufschlussreich sind wie die Buddhas.


4WD-Massentourismus [TRAV] nach oben 4WD-Massentourismus

Marokko, März 2020

Hier muss ich ein Thema anreißen, das dem einen oder anderen vermutlich etwas abgehoben, ja philosophisch vorkommen mag, mir aber zunehmend Kopfzerbrechen bereitet. War ich früher ein ausgemachter Freund von Fernreisen - auch mit dem Allradmobil - so wandelt sich diese Einstellung gerade massiv. Denn das Reisen in diesem Umfeld, in dieser Allrad-'Szene' (die sie längst nicht mehr ist) macht keinen Spaß mehr! Hatte ich im letzten Winter schon erste Anzeichen feststellen müssen, so versackte dieses Jahr der verbliebene Rest wie das Wasser des Qued Drâa im Sand der Wüste.

Foto Marokko Aktueller Hintergrund sind die zahllosen 'Reisenden', die sich mittlerweile in Marokko tummeln. Ganz generell gelten diese Anmerkungen aber für jeden Ort der Welt! In erster Linie tummeln sich hier Franzosen, aber auch Italiener, Schweden, Niederländer, Deutsche und Österreicher. Warum sie herkommen, hat viele Gründe, und es sind die gleichen, die auch mich schon zum dritten Mal hergelockt hatten. Ich möchte sie gar nicht weiter aufzählen, um nicht noch mehr Unentschlossenen den Mund wässrig zu machen!

Foto Marokko Dass hier halb Europa den kalten Winter aussitzt: daran kann ich wenig ändern. Und - ganz ehrlich - ich bin ja einer dieser 'Snowbirds', wie die Canadier sagen würden, also den Zugvögeln, die jeden Winter gen Süden ziehen, um dem unwirtlichen Winter in Mitteleuropa zu entfliehen.

Aber: "Ist das wirklich noch mein Ding?" Auf den ersten Reisen (das erste Mal war ich 1978 im 'kleinen Süden' Marokkos unterwegs) war ich ein Außenseiter gewesen, ein Abenteurer, ein 'halsbrecherischer Vagabund', den es hierher verschlagen hatte. Heute bin ich einer unter -zig Tausenden! Das kratzt gewaltig am Ego!

Foto Marokko Dabei sind es gar nicht einmal die 08/15-Snowbirds in ihren weißen Kisten, die mir auf die Nerven gehen. Das tun sie schon auch, vor allem wegen ihrer schieren Anzahl. Oder dann, wenn eine organisierte Horde [3] mit zwanzig, dreißig Fahrzeugen wie die Heuschrecken über einen Camp herfällt und das Areal mir ihren lautstarken Erzählungen überflutet. Aber vor diesen 'Touris' kann man sich in Sicherheit bringen, indem man die bekannten Camps meidet (was ich für gewöhnlich tue, wie der Teufel das Weihwasser; nur diesmal hatte ich Pech emoticon), stattdessen die geteerten Hauptrouten verlässt und einige Kilometer Piste unter die Räder nimmt. Abseits des Teers verirrt sich kein Weißwagen-Fahrer! Und schon gar keine Heuschrecke. Just die Möglichkeit, dies tun zu können, hatte mich vor Jahren veranlasst, die Lady Grey aufzubauen und auszurüsten.

Foto Marokko Mehr als die Weißwagen-Fahrer sind es zunehmend die sogenannten 'Abenteuer'-Touristen, die nerven. Unter'm Hintern haben sie mächtige Allrad-Boliden und vor denen gibt es kein Entkommen, egal, wie viel Piste man zwischen sich und die Zivilisation zu bringen versucht! Egal, wie versteckt und abgeschieden der Stellplatz in der Einsamkeit liegen mag! [4]

Versteht mich nicht falsch: jeder von euch - egal ob Weißwagenfahrer oder Besitzer eines Allrad-Boliden - hat ein Anrecht darauf, hier zu sein, den europäischen Winter auszusitzen, die herrliche Landschaft zu genießen, mit seinen Boliden durch die Dünen zu heizen oder was auch immer der Grund gewesen sein mag, hierher zu kommen! Campingplätze, freie Stellplätze, selbst die Wüste sind für alle da! Nur:

"Bitte nehmt Rücksicht auf andere Reisende!"
(siehe auch Hinweis zur Reisepraxis )

Foto Marokko Ihr könnt nicht automatisch davon ausgehen, dass andere Reisende aus genau dem gleichen Grund hier sind wie ihr selbst! Schließlich gibt er mehrere (legitime!) Gründe, nach Marokko zu kommen - erst recht in die Wüste! Nicht jeder mag es darauf abgesehen haben, sein Allrad-Monster spazierenzufahren, nicht jeder liebt die tiefen Spuren in den Dünen, die jedes Fahrzeug hinterlässt, nicht jeder ist vom röhrenden Sound eines 8-Zylinder-Turbos begeistert, wenn er mit Drehzahl Anlauf für die nächste Sandpassage nimmt ...

Die Wüste war früher ein Rückzugsort gewesen, ein Ort, um Ruhe zu finden, um Abstand zu finden zur sogenannten 'Zivilisation'. Heute ist die Wüste nur noch der 'große Sandkasten', der Spielplatz für wintermüde Allradenthusiasten, die zu Hause keinen Platz mehr finden, um ihr Vehikel 'artgerecht' zu bewegen!

Dazu kommt eine Einstellung, dass in der Wüste plötzlich all das erlaubt sein soll, was zu Hause verboten ist. OK, in Mitteleuropa ist nun einmal sehr vieles verboten, schlicht um das derart enge Zusammenleben von derart vielen Menschen zu gewährleisten. Just dieses Korsett mag für einige der Grund sein, in die Wüste zu reisen: Foto Marokko um es abzulegen, um frei zu sein, um "Tun und lassen zu können, was mir in den Sinn kommt," wie sie sagen. Die Verlockung ist natürlich groß - zumal hier kein Ordnungshüter und kein aufmerksamer Nachbar in der Nähe ist, um den Zeigefinger ob ihres Tuns zu heben. Aber muss das sein? Kommen wir nicht alle aus einer zivilisierten Welt? Haben wir nicht genug Verstand, um einzusehen, dass es mit unserer persönlichen Freiheit ein Ende haben muss, sobald wir einem anderen damit Schaden zufügen? Und sei es einem anderen Reisenden!

Sorry, aber das musste einmal gesagt werden!

Generell muss ich eine neue Mentalität unter vielen 'Reisenden' konstatieren. Keine Kameradschaft mehr, keine Zuammengehörigkeit, kein 'Wir sind doch alle gleich!' Stattdessen eine gegenseitige Antipathie, eine Rivalität, die es noch vor fünf, sechs Jahren in dieser Form nicht gegeben hatte. Gut, die Kluft zwischen den Weißwagen-Fahrern und ihren Allrad-Kollegen besteht seit Urzeiten und keiner mag mit einem Mitglied der anderen Kaste etwas zu tun haben. [5] Aber ist das ein Grund, die Ellenbogen auszufahren, die Schotten komplett dicht zu machen, sich völlig abzugrenzen. Die Miene 'Mit-dir-will-ich-nichts-zu-schaffen-haben' aufzusetzen? Auf der Piste nur noch grußlos aneinander vorüberzubrausen? An den wenigen Super­märkten, an denen Traveller aller Klassen ihre Vorräte auffüllen müssen, dem Nachbarn kaum den freien Parkplatz zu gönnen?

Oder steckt da etwas anderes dahinter?

Das Grundübel sehe ich simpel und ergreifend in der schieren Anzahl! Denn überall dort, wo es zu viele Exemplare einer Gattung gibt, bricht ein Verdrängungswettbewerb aus. Das ist im Tierreich nicht anders als unter den zweibeinigen Bestien der Gattung 'homo sapiens'.

Foto Bayern Das Dilemma kann man auf der Messe 'Abenteuer Allrad' in Bad Kissingen aus erster Hand beobachten. Vor 15 Jahren waren wir ein eingeschworenes Grüppchen von vielleicht fünfzig Leuten, das dort campiert hat. Inzwischen sind es so viele, dass regelmäßig der verkehrstechnische Notstand ausgerufen werden muss! 6000 bis 8000 Fahrzeuge sollen es letztes Jahr gewesen sein!

Das Phänomen 'Abenteuer-/4WD-Tourismus' ist zu einem Massen­phänomen geworden! Die Hersteller können sich vor Aufträgen kaum retten und die Lieferzeiten liegen bei zwei bis drei Jahren. Trotzdem wollen Hinz und Kunz einen der 4WD-Boliden haben. Leisten kann sich das offenbar jeder - trotz Kosten von 200.000 bis 500.000 Euro pro Fahrzeug! [6] Für die Hersteller freut mich das natürlich, aber zum zweiten Mal stellt sich die Frage: "Ist das noch mein Ding?"

Offenbar stecke ich mitten drin in einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Individualismus, allem voran das individuelle Verreisen in 'entlegene' Gebiete zum Standard, zum Mainstream erhebt. Von Überlegungen zum Thema Nachhaltigkeit  wollen wir dabei gar nicht erst anfangen!

Foto Marokko Diesbezüglich muss ich mir sogar noch selber Vorhaltungen machen, dass ich einer war (respektive noch bin), der diese Entwicklung gefördert hat. Nicht bewusst und sicher auch nicht in großem Ausmaß, aber einer der stillen Trendsetter war ich wohl schon! Dabei vermutlich aber auch nur ein 'Kind meiner Zeit!' Als Ausrede aber mag ich das nicht gelten lassen! Die bunt bebilderten Reiseblogs haben sicher den einen oder anderen Unentschlos­senen überzeugt, sich näher mit dem Thema zu befassen - und vielleicht auch mal selber an den Rand der Wüste zu fahren. Wie schnell man dort mit dem Wüstenfieber infiziert werden kann, habe ich von vierzig Jahren am eigenen Leib erfahren dürfen! Sollte ich also den gesamten Blog einstampfen, um nicht weitere Nachahmungstäter heranzuziehen?

Es ist genau diese Mainstream-Geschichte, die mir Kopfzerbrechen bereitet. Denn, wohl fühle ich mich in dieser 'Gesellschaft' nicht mehr. [7] Nicht die Bohne! Obwohl ich doch selbst ein Teil von ihr bin. Aber wie ihr allenthalben in meinen Berichten nachlesen könnt, habe ich seit Kindesbeinen alles darangesetzt, eben nicht zum Mainstream zu gehören! Anders zu sein! Nicht besser, nicht schlechter, nur eben anders! Nicht in der Herde mitzuschwimmen! Individualist sein. Wie inzwischen Millionen andere auch. Eine Herde von Individualisten!

Foto Argentinien Ist da irgendwo ein Ausweg erkennbar? Spontan fällt mir dazu nur ein: den Spieß herumdrehen: im Winter ans Nordkap, im Sommer nach Afrika! Komplett gegen den Strom schwimmen. Das aber dürfte wenig erfreulich werden: Schnee und Eis sind so gar nicht mein Ding! Der nächste Punkt wäre, wieder etwas wirklich Ausgefallenes zu unternehmen! Die komplette Durchquerung Afrikas beispielsweise. Oder die Tibet-Route. Oder etwas anderes, was sich nur eine Handvoll Menschen anzupacken traut!

Foto Argentinien Südamerika ist das nächste, was mir dazu in den Sinn kommt. Dort stehen zwar schon einige Dutzend 4WD-Boliden von Gleichgesinnten - die in den nächsten Jahren vermutlich auch nicht weniger werden. Aber der Kontinent ist so riesig, dass sie kaum auffallen und man sich gut aus dem Weg gehen kann. Und was passiert, wenn die anderen 100.000 4WD-Touris allesamt nach Südamerika verschiffen, weil es auch ihnen in der marokkanischen Wüste zu eng wird?

Hilft am Ende doch nur das Eingliedern in die Masse? Das Mitschwimmen, ohne sich groß Gedanken zu machen? Nein. Nein! NEIN! Das ist definitiv nicht meine Lösung! Da muss es andere Möglichkeiten geben! Im Moment - aber vermutlich nur heute Abend - würde ich am liebsten aus dem ganzen Reisekarussell aussteigen. Das Dumme ist nur, dass ich meinen ganzen Lebensabend  daraufhin ausgerichtet habe. Und mich mehr als schwer tue, Alternativen zu finden, die mit Reisen nichts zu tun haben. Sesshaft werden? Ich?? Einem 'geregelten Rentnerdasein' nachgehen? Nicht mit mir!!!

Wo oder wie also kann ich diesem modernen 'Abenteuer'-Massentourismus entrinnen?

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Warum hast du dich für ein 'Alter auf Achse' entschieden?

Mexiko, Mai 2015

Nun, da gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Dass ich früher schon oft und gern der Heimat den Rücken gekehrt habe, könnt Ihr ja weiter unten nachlesen. Aber die Gewohnheit einfach weiterzuführen, war mir als Begründung nicht ausreichend.

Von der letzten Reise mit dem Sandfloh 2 nach Jordanien ( "Tour der Sackgassen" , wie ich sie gerne bezeichne) war ich einigermaßen ernüchtert zurückgekommen. So gar Nichts hatte geklappt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das Reisefieber war fürs erste auskuriert. Obendrein hatte ich einen Zeitpunkt erreicht, in dem ich mich fragen musste, wie es im Leben weitergehen soll. Ob das Erreichte und Erlebte schon alles war? Ob ich bis zum bitteren Ende im Job bleiben soll? Dann so schnell wie möglich in die enge Kiste steigen, wie das geheime Regierungskreise stillschweigend beschlossen hatten? Andere nennen diesen Zeitpunkt wohl Midlife-Crisis, bei mir hieß er einfach nur "Nachdenken über die Zukunft".

Da fahren wir lieber nicht entlang ... Die Antwort auf jede der gestellten Fragen war eindeutig. Sie lautete: NEIN!

Klar war, was ich nach der Beendigung des Berufslebens auf keinen Fall wollte. Was aber wollte ich stattdessen? Von heute auf morgen gab es auf diese Frage natürlich keine Antwort. Obwohl der Grundtenor klar war. Trotzdem wollte ich mir zumindest ein paar Alternativen überlegen und diese abklären. Schließlich möchte ich mir später keine Vorhaltungen machen müssen, eine der wichtigsten Entscheidungen des Lebens vermasselt zu haben! Seit jeher mit einer guten Prise Vorstellungsgabe (andere nennen es Fantasie) ausgestattet, versuchte ich, mir auszumalen, wie (m)ein Leben verlaufen könnte, wenn es nicht mehr von Job und Geldverdienen beherrscht wurde.

Ein wenig Hilfe von außen kann in solch entscheidenden Momenten - eher entscheidenden Jahren - nicht schaden! So führte ich stundenlange Gespräche mit Freunden, mit Job- und Reisekollegen, ja sogar mit einem 'Lebensberater'. Der allerdings war hoffnungslos überfordert, konnte mir allenfalls ein paar Grundlagen an Hand geben, um 'in mich hineinzuhorchen'.

Die zentralen Fragen und Antworten, die in den Gesprächen und Selbstverhören immer wieder zum Vorschein kamen, liefen in etwa auf das Folgende hinaus:

Frage 1: Willst Du das, was Du beruflich machst, im Alter weiterführen? Jein! Allenfalls freiberuflich.
Frage 2: Bist du halbwegs gesund? Ja!
Frage 3: Hast Du ausreichend Finanzmittel, um im Alter unabhängig zu sein? Mit viel Sparsamkeit: ja!
Frage 4: Hast du familiäre Verpflichtungen? Pflege der Eltern? Kinder? Nein!
Frage 5: Bist Du in deinem Wohnumfeld glücklich? Eher nein!
Frage 6: Was möchtest du im Alter gerne tun? Das ist genau die Frage!
Frage 7: Hast du Freunde oder Familie, die dir im Alter Halt geben können? Eher nein!
Frage 8: Möchtest Du ehrenamtlich tätig werden? Nein, hab ja nie Zeit! [1]
Frage 9: Was brauchst Du zum täglichen Leben? Abwechslung!

Die Antwort auf Frage Nummer drei deutete bei genauerer Betrachtung schon etwas in Richtung 'Leben im Ausland'. In den Ländern, in denen ich mir einen Lebensabend vorstellen konnte, sind die Lebenshaltungskosten merklich billiger als in Mitteleuropa! Antwort auf Frage Nummer fünf wies sehr überzeugend auf einen fahrbaren Untersatz hin, der vielleicht nicht jeden Tag, aber zumindest jeden Monat an einem anderen Fleck stehen kann und nicht immer die gleiche Aussicht bietet. Auch Fluchtmöglichkeiten vor unliebsamen Nachbarn (gleich, welcher Art) ließen einen fahrbaren Untersatz wünschenswert erscheinen. Die Antwort auf Frage Nummer sechs zeigte erschreckend wenige Alternativen zu dem auf, was ich gelernt hatte - und was nach wie vor Spaß machte. Also weiter jobben - eventuell auf freiberuflicher Basis? Die Antwort auf die letzte Frage führte dann aber schnell zu einer eindeutigen Entscheidung: Abwechslung ist von Nöten.

Abwechslungsreiche Strecke in Marokko ... Abwechslung! ist das Zauberwort. Der rote Faden, der sich schon durch mein gesamtes bisheriges Leben zieht! Die Quintessenz sämtlicher Erfahrungen. [2] Sogar ein Horoskop, dass ich mir spaßeshalber hatte erstellen lassen, wies unerwartet deutlich darauf hin, dass Bindungen jedweder Art nichts für mich sind. Dass Abwechslung meine Lebensgrundlage ist! Und was könnte mehr Abwechslung bieten als Reisen? Andere Kontinente, andere Länder, andere Menschen, andere Sitten und Gebräuche. Andere Sprachen! Wenn du willst, jeden Tag an einem neuen Ort? Wenn du willst, jeden Tag neue Nachbarn! Neue Aufgaben, neue Herausforderungen, neue Bewährungsproben! Genau das, was ich suchte!

Meine bis dato eher gefühlsmäßige, unterbewusste Einschätzung hatte eine sachliche, verstandesmäßige und mit Erfahrungen untermauerte Begründung erhalten! Kopf und Bauch waren sich ausnahmsweise einig.

Aber gibt es nicht irgendwelche Alternativen, die ähnlich viel Abwechslung wie das Reisen bieten?

"Du bist doch Sternzeichen 'Fische', da sollte dir die Arbeit mit Menschen nicht schwerfallen! Vielleicht irgendetwas 'Soziales'?" fragte mich der Lebensberater und zeigte damit deutlich, wie wenig er zugehört hatte! Menschen sind nichts für mich. Dazu sind meine Forderungen - an mich wie andere - viel zu hoch! Nach einem Leben, in dem ich es nicht einmal geschafft hatte, eine einzelne Person von meinen Qualitäten zu überzeugen, wie sollte ich da plötzlich eine ganze Gruppe begeistern können?

Und andere Alternativen? So sehr ich mir das Hirn auch zermarterte, es fiel mir wenig bis gar nichts dazu ein. Nicht umsonst hatte ich mein ehemaliges Hobby zum Beruf gemacht ... und über lange Jahre hatte der ja auch gehörig Spaß gemacht. Mögt ihr mir auch 'Einseitigkeit' oder 'Fachidiotie' vorwerfen, für etwas grundlegend anderes kann ich mich einfach nicht begeistern! Neueste Technik, logisches Denken, ein gerüttelt Maß an Kreativität und viel persönlicher Freiraum: so würden auch weiterhin meine Forderungen an eine irgendwie geartete Tätigkeit lauten! Egal, ob freiberuflich, ehrenamtlich oder sonst irgendwie.

Und faul auf der runzelig werdenden Haut liegen und warten bis der Sensenmann vorbeikommt?
Nein Danke!

Also doch Reisen! Abwechslung auf Teufel komm raus? Noch immer ließen meine imaginären, kritischen Freunde nicht locker und bombardierten mich mit Fragen. Ich war ihnen dankbar dafür, stellten wir doch mit jedem Frage-Antwort-Spiel die Entscheidung auf solidere Füße.

  • "Wird dir die Abwechslung nicht auf Dauer zu viel? Vor allen im Alter?"
    "Wenn ich tatsächlich soooo alt werden sollte, dass ich keine Abwechslung mehr brauche, kann ich ja mal zwei Tage am gleichen Platz stehen bleiben!" Eine Antwort, zugegeben etwas auf den Punkt gebracht. "Oder ihr könnt mich gleich in die Kiste legen!"
  • "Also ist das Reisen doch das, was du vor ein paar Jahren heftig verneint hattest: ein Davonlaufen?"
    "Ja, es ist ein Davonlaufen! Das gebe ich jetzt gerne zu. Doch heute ist die Situation eine andere! Es ist keine Flucht mehr vor Verpflichtungen oder Aufgaben! Heute ist es ein Davonlaufen vor der Leere. Eine Flucht vor dem täglichen Einerlei! Ein Ausbüchsen aus der Langeweile! Und darin kann ich beim besten Willen nichts Schlimmes erkennen! Nicht in meiner Situation. Ohne viele Freunde. Ohne Familie. Ohne Job!"
  • "Und was machst Du, wenn du alles gesehen hast?"
    "Alles gesehen? Das kann ich mir schwerlich vorstellen! Es gibt so viele schöne und interessante Fleckchen auf der Erde. Alle zu besuchen würde mehr als ein Leben in Anspruch nehmen!"

Zugegeben, unter den Antworten sind ein paar nicht gänzlich hinterfragte Phrasen. Flinke Floskeln! Aber der Tenor stimmt! Dabei ist mir klar, dass meine 'Gier auf Neues' nicht ewig währen wird. Schon jetzt ist es so, dass ich nicht jeden Tempel, nicht jede Kirche, nicht jeden Marktflecken gesehen haben muss. Meist picke ich mir das Zweitsehenswerteste oder Zweitbekannteste heraus. Dazu gerne ein paar der kleinen, unbekannten Schätze. Das gibt mir ein viel besseres Bild als immer nur das Imposanteste zu sehen. Abzuhaken. Gerade von den kleinen, unbekannten Schätzen gibt es so viele, dass es schwer sein dürfte, in den verbleibenden Jahren alles zu sehen! Ich denke, diese Strategie wird mir die Neugierde noch über viele Jahre erhalten!

  • Die Dünen von Merzouga sind nicht nur bei Sonnenuntergang atemberaubend ... "Du willst das alles nur ansehen?"
    "Nein, Ansehen allein ist mir nicht genug! In den Reiseberichten könnt ihr nachlesen, dass es bei mir mit ein paar Bildchen allein nicht getan ist. Ein paar Hintergrundinformation gehören auf jeden Fall dazu! Sicher keine wissenschaftliche Abhandlung, aber doch mehr als "ich fuhr von A nach B und das Wetter war schön"! Ja, das ist etwas, was ich schon zu Jobzeiten mit Begeisterung tat: mich in neue Themengebiete einarbeiten, alle relevanten Informationen sammeln und mit diesem Wissen etwas Neues schaffen. Und sei es nur eine weitere Website! Ich denke, diese selbstgestellte Aufgabe wird auch ein paar der grauen Zellen am Leben erhalten, die im Alter besonders wertvoll sind!"
  • "Und wie steht's mit deiner ewigen Suche nach Freiheit?"
    "Ja, die Frage ist wirklich berechtigt! Ich glaube, nirgends ist die Freiheit größer als auf Reisen. Keiner macht Vorschriften (außer die Zöllner und ihre Kollegen), man ist sein eigener Herr, kann fahren wann und wohin man will (in gewissen Grenzen) und wird von keinem Chef zusammengefaltet, weil man sein Ziel nicht innerhalb der geplanten Stunden erreicht hat! Ja, wenn man sein Ziel vielleicht gar nicht erreicht, weil man auf dem Weg etwas viel Interessanteres und Faszinierenderes gefunden hat. Schließlich ist der Weg das Ziel, wie schon Herr Goethe so trefflich bemerkte! In der persönlichen Freiheit liegt zwar der wohl größte Unterschied zum 'Job-Dasein', im Vergleich zum üblichen 'Rentner-Dasein' dürfte der Unterschied aber eher gering ausfallen. Auch als 'sesshafter Pensionär' sollte man diese Freiheit genießen können, sofern die liebe Familie das zulässt ... Also kein stichhaltiges Argument auf die Frage 'Reisen im Alter - oder doch lieber daheimsitzen?'!"
  • "Und die Gesundheit? Was machst Du, wenn Du einmal krank wirst?"
    "Auch diese Frage ist natürlich völlig berechtigt! Meine zugegeben etwas flapsige Antwort darauf lautet: Statistisch gesehen sterben die meisten Menschen zu Hause im Bett - eher ein Grund dafür, auf Reisen zu gehen! Gerade im Alter! Aber mal ehrlich: klar ist unterwegs die Wahrscheinlichkeit größer, sich den Fuß zu brechen, sich eine Infektion einzuhandeln oder einem Löwen als Abendfutter zu dienen. Dagegen ist - allein auf Grund der Lebensweise - die Chance, einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu erliegen (den häufigsten Todesursachen bei nichtreisenden Mitteleuropäern), erheblich geringer! Auch an hohem Blutdruck in Folge des schlechten Fernsehprogramms oder wenig Bewegung stirbt man zu Hause sehr viel leichter als unterwegs! Passiert unterwegs tatsächlich etwas, wird man vor Ort in meist guten Kliniken mit Ärzten, die in Europa oder USA ausgebildet wurden, meist gut versorgt. Klappt das nicht, bieten praktisch alle Auslands­kranken­versicherungen einen Heimflugservice im Notfall an. Kostet nur ein paar Euro extra."

Eine sowohl im Kopf als auch im Bauch getroffene Entscheidung allein mit dem Argument "Es könnte ja vielleicht, möglicherweise etwas passieren." ins Gegenteil zu kippen, zeugt in meinen Augen - entschuldigt die harten Worte - von deutscher Übervorsicht, fehlendem Mut und Versicherungswahn! Klar könnt ihr stets der Vorsicht folgen, dürft euch aber dann am Ende nicht beschweren, wie eintönig und 'fad' euer Leben war! Diese Diskussion müsst Ihr aber ganz mit Euch selber ausfechten! Völlig klar ist auch: eine halbwegs gute Gesundheit ist Voraussetzung, um auf Langzeitreisen zu gehen. In jungen Jahren genauso wie im Alter! Wenn ihr euch also frühzeitig aus dem Job-Leben verabschieden könnt, bevor die ersten chronischen Wehwehchen einsetzen, desto besser!

Nicht übersehen solltet ihr auch die Selbstheilungskräfte, die ihr entwickelt, sobald ihr unterwegs seid. Gerade bei den beliebten psychosomatischen Erkrankungen hilft eine Reise langfristig weit besser als jeder Arztbesuch!"

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Mir persönlich fiel die Entscheidung, mein Alter auf Achse zu verbringen relativ leicht, nachdem ich mir die Vor- und Nachteile plastisch vor Augen geführt hatte und mich in vielen ruhigen Stunden ausgehorcht hatte, was mir persönlich wichtig ist. Nicht nur wichtig im Alter, sondern wichtig im Leben. Diese Frage kann natürlich jeder nur ganz individuell und für sich selbst beantworten! Wenn Ihr im Team oder als Paar reisen wollt, so sollte zunächst jeder für sich allein seine Entscheidung treffen! Wenn Ihr dann beide zur gleichen Entscheidung gekommen seid, kann ich Euch nur beglückwünschen. Dann steht einer tollen Reise - oder einem tollen Daheimbleiben Nichts mehr im Wege!

Ich für meinen Teil jedenfalls werde der (Reise-)Lust frönen so lange es mir irgend möglich ist.


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Wie hat dein Reisefieber angefangen?

München, Sommer 1986

Den genauen Tag kann ich euch nicht mehr sagen, aber wir schreiben den Mai 1978. Ich weiß es noch wie heute. Gegen Ende des Studiums saß ich mit einem Kommilitonen zusammen, um ein kniffliges Problem zu lösen. Er hatte sich durch Autoüberführungen nach Afrika sein Studium finanziert und zur Ablenkung zeigte er mir ein paar seiner Fotos. Schwarze Menschen, endlose Wüsten, palmenbestandene Strände. Fremde, geheimnisvolle Länder und Landschaften. Das wollte ich auch sehen!

Bis zu jenem schicksalsschweren Tag war mein Leben in arg geordneten Bahnen verlaufen: Grundschule - Gymnasium - Studium, drei Wochen Campingurlaub im Jahr. Wie das in einer durch und durch bürgerlichen Familie eben so war! Doch tief drinnen hegte ich gewaltige Zweifel, ob der weitere - ebenso klar vorgezeichnete - Lebensweg auch mein Weg sein konnte: Beruf - Familie - Haus - Kinder. Bei dem bloßen Gedanken daran sträubten sich - und tun das heute noch - die Nackenhaare.

Die Bilder meines Kommilitonen zeigten mir eine Alternative. Reisen, fremde Menschen und Kulturen kennenlernen. Abenteuer, Herausforderung, Sich-beweisen-können.  Dem Alltag ein Schnippchen schlagen. Ich spürte, wie dieser winzige Funke einen Haufen trockenen Strohs in meiner Seele zum Glimmen brachte. So richtig erwischt hat mich das Reisefieber dann zwei Monate später.

Foto Marokko Die Bilder meines Freundes vor Augen, baute ich in langen Nachtschichten mein Autochen um. Für ein neues Gefährt fehlte mir das Geld, aber der Mini Cooper in der Garage tat's sicher auch. Der Beifahrersitz musste dem Bett weichen (ich schlief meist im Freien), der winzige Kofferraum bot Platz für eine Mini-Küche, auf den Dachträger kamen zwei Zwanzig-Liter-Kanister für Durststrecken. Fertig war das erste Reisemobil, das mich klaglos bis in die Sahara brachte. Zumindest an ihren Rand. Siebentausend Kilometer kreuz und quer durch Marokko aber waren genug, um aus dem ersten Glimmen des Reisefiebers ein loderndes Feuer zu machen.

Seither ist die anfängliche Infektion zum chronischen Fieber geworden. Unheilbar! Mit jedem Fieberschub ein bisschen heißer! Fast so tückisch wie Malaria (die mich sonst aber verschont), nur viel schöner. Aufregender. Nach diesem Erlebnis steht mein gesamtes Leben unter einem neuen Stern: Reisen.

Obwohl das inzwischen viele Jahre zurückliegt - von denen ich einen Großteil entweder privat oder beruflich unterwegs war -, hat das Reisen Nichts von seiner Faszination verloren! Das einzige, was sich 1997 vorübergehend verändert hatte, war meine Vorliebe fürs alleine reisen: da hatte mir jemand eine Alternative aufgezeigt ... die sich aber bald wieder verlief.


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Fragezeichen

Warum hat es Dir die Wüste besonders angetan?

München, Sommer 2000

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum ich mich in den Wüsten der Erde besonders wohl fühle:

Es gibt Platz. "Wieviel Platz braucht ein Mensch?" hatte ein berühmter Schriftsteller 'mal gefragt; die Lösung lautete wohl 1,5 Quadratmeter, der Platz für die letzte Kiste. Für mich persönlich kann ich die Frage allenfalls mit 1,5 Quadratkilometer beantworten. Den Horizont nicht sehen können, den Blick nicht schweifen lassen können, empfinde ich wie den Verlust persönlicher Freiheit. Diese Freiheit ist nirgendwo so hautnah, ja fast körperlich spürbar - wie eben in der Wüste.

Felskugeln bei Tamanrasset Nicht die ganze Wüste ist öd und leer, ein Großteil besteht aus Gebirgen. Berge und Felsen in ariden Regionen aber sind viel zerklüfteter, bizarrer und urwüchsiger als in unseren Breiten, da die schleifende und ausgleichende Kraft des Wassers fehlt. Lediglich die Erosion formt dort die Landschaft. Was sie hervorbringt ist so vielfältig, so ausdrucksstark und so markant, dass sich problemlos ein ganzer Bildband mit atemberaubenden Formationen füllen ließe.

Steigt ihr auf einen dieser Berge und lasst den Blick umherschweifen, werdet ihr erkennen, wie klein ihr seid. Selbst ein schweres Reisemobil ist von oben gesehen nicht mehr als winziges Spielzeug. Und wie klein seid ihr im Vergleich zu ihm!

Durch die Eintönigkeit der Wüstenregionen findet euer sonst rastlos umherschweifendes Auge keinen Halt an irgendwelchen Landschaftsmerkmalen. Lasst ihr diesen Mangel an Reizen ein paar Tage auf euch wirken, wendet sich euer Auge ganz automatisch nach Innen. Ihr spürt euch selbst und fangt an, eurer inneren Stimme zu lauschen. Im Alltag wird ihr leises Flüstern ja allzu oft von einer viel zu lauten und hektischen Umwelt übertönt. - Nicht von ungefähr sind die großen Religionen dieser Welt in der Wüste entstanden: Moses kam aus der Wüste, Jesus wurde ebenso dort geläutert wie Mohammed. Auch Buddhas Erleuchtung geschah nach monatelanger Abkehr von äußeren Ablenkungen. Gerade die Reizarmut der Wüste macht in meinen Augen ihren Hauptreiz aus.

Dünen Die bekannteste Wüstenformation bilden die Dünengebiete, der Inbegriff für Wüste schlechthin. Dabei machen sie nur ca. zehn Prozent der Fläche aus. Hier sind es vor allem die weichen, fließenden Formen der Sandmassen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen. Besonders beeindruckend ist hier natürlich das Schauspiel bei Sonnenauf- oder -untergang, wenn lange Schatten lautlos über die sanft geschwungenen Sandberge gleiten und die Sonne Millionen verschiedener Ockertöne zaubert. - Findet ihr inmitten einer dieser Ergs obendrein eine blühende Oase, dunkelgrüne Palmen am Ufer eines tiefblauen Sees, fühlt ihr euch dem Paradies nahe. Die letzten derartigen Oasen in Libyen wurden leider vor ein paar Jahren trockengelegt.

Ist die Sonne hinterm Horizont verschwunden, ihr liegt im Schlafsack und lasst euren Blick übers Firmament streifen, so werdet ihr wahrscheinlich den Atem anhalten. Der ganze Himmel funkelt und strahlt und selbst der beste Mathematiker wäre überfordert, die Sterne am Wüstenhimmel zu zählen. Manche meiner Freunde fahren Tausende Kilometer, nur um mal wieder einen 'richtigen' Sternenhimmel zu sehen. Er ist einfach unbeschreiblich.

Last but not least ist die Wüste natürlich eine gehörige Herausforderung. Gerade, wenn ihr mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs seid. Zum einen findet sich nicht an jeder Straßenecke eine Tankstelle und nicht alle hundert Meter eine Notrufsäule. Zum andern ist die Orientierung nicht immer problemlos, insbesondere wenn ihr nach fünfhundert Kilometern durch schweres Dünengelände eine hundert Meter große Oase zwischen zwei Dünenreihen finden wollt. Drittens solltet ihr mit eurem Fahrzeug nicht gerade auf Kriegsfuß stehen. Das Fahren - dort, wo man fahren kann - ist zwar selten ein wirkliches Problem, doch das Risiko, mit einem Fahrzeugdefekt mitten im Nirgendwo liegenzubleiben, sollte nicht unterschätzt werden. Dann kommt's eben darauf an, zu improvisieren und den Wagen wieder flott zu bekommen, wenn ihr euch nicht auf ungewisse Hilfe von außen verlassen wollt.

Am Brunnen von Kerzaz Gerade auf meinen ersten Wüstentouren mit dem alten, klapprigen Sandfloh 1, war das ein Hauptgrund, immer wieder in die Sahara zu fahren. Der Nervenkitzel, heil durchzukommen ist heute nicht viel geringer als damals, doch inzwischen habe ich gelernt, die eher mentalen und psychologischen Vorzüge der Wüste wahrzunehmen. Sie zu schätzen, zu würdigen und zu genießen.


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Warum bist du allein unterwegs?

München, Sommer 2004

Vom Standpunkt der Sicherheit gesehen ist Allein-Reisen nicht der Wahrheit letzter Schluss - zumal auf abenteuerlichen Wegen. Doch das Sich-beweisen-können war ja anfangs einer der Gründe gewesen, das - kalkulierbare (!) - Risiko zu suchen. Die Herausforderung, ohne fremde Hilfe durchzukommen, hatte ihren ganz besonderen Reiz. Und das Gefühl, es geschafft zu haben, war eben dann am größten, wenn keiner mithelfen konnte, wenn ich ganz auf mich allein gestellt war.

Daneben sprechen in meinen Augen eine Reihe ganz handfester Vorteile fürs Allein-Reisen:

  • Foto Australien Entscheidungen, wo's lang gehen soll, über Tagesablauf und Nachtplätze kann ich immer einstimmig treffen. Da müssen keine Kompromisse geschlossen werden. Keiner vermiest mir die Freude an einem exquisiten Standplatz durch zurückhaltende Bemerkungen. - Überhaupt habe ich den Eindruck, allein sehr viel intensiver erleben zu können. Die Eindrücke, die Gefühle, die Emotionen prägen sich rein und unverwaschen - und damit viel nachhaltiger - in mein Gedächtnis ein.
  • Gerade in kritischen Situationen weiß ich sehr genau, wie weit ich selbst gehen kann. Was ich mir selbst zutraue. Das ist ja oft genug an der Grenze des Erträglichen. Nicht eben akute Lebensgefahr, aber kritisch genug. Was passiert, wenn ich dabei die Grenzen des Partners, der Partnerin überschreite? Gerade diese Frage bereitet mir immer wieder Kopfzerbrechen, wenn ich mal in Begleitung unterwegs bin. Oft genug kann ich deshalb nicht an meine eigenen Grenzen gehen - entsprechend wenig befriedigend fällt das Ergebnis aus. Erfahrungen in Grenzsituationen sind eben etwas ganz Besonderes!
  • Wenn ich allein unterwegs bin, ist es viel einfacher, Kontakt zu anderen Menschen zu finden. Kontakte zu anderen Globedrivern, vor allem zur einheimischen Bevölkerung. Da gab's keine Gruppe, die sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt und kaum den Kontakt zu Fremden sucht. Für mich ist jede Unterhaltung ein Kontakt mit Fremden. Neu, interessant und lehrreich.
  • Vielleicht gerade deshalb treffe ich unterwegs immer wieder Gleichgesinnte, mit denen ich mich für ein paar Tage oder Wochen zusammenschließen kann, um ein Stück des Weges gemeinsam zu reisen. Ganz ohne Zwang, ganz ohne Verpflichtungen. Und gerade daraus entstehen oft die wundervollsten Freundschaften.

Foto Australien

Richtig, zu jedem dieser Argumente könnt ihr vermutlich ein Gegenargument anführen. Doch das Reisen mit Partner oder Partnerin setzt voraus, dass ihr sie oder ihn kennt. Ich meine: sehr gut kennt! Dass ihr wisst, wie er oder sie reagiert - vor allem in Ausnahmesituationen! Dass ihr beide wirklich das gleiche wollt, die gleichen Ziele habt, die gleichen Herausforderungen sucht und an den gleichen Dingen Gefallen findet. Oder wenn das nicht überall der Fall ist, dass ihr dem anderen so viel Freiraum einräumt, dass er / sie sich allein austoben kann, wenn ihm/ihr der Sinn danach steht. Gerüchteweise hatte ich gehört, dass es solche Paare tatsächlich geben soll.

Ich selber konnte nie die richtige Partnerin finden. Vor allem nicht für solche Nicht-Alltäglichkeiten. Jeder neue Versuch bestärkte mich nur in der Überzeugung, dass Allein-Reisen das einzig Wahre ist. Zumindest für mich! Deshalb bin ich - ganz bewusst - alleine unterwegs. Akzeptiere bewusst die Nachteile und Gefahren.

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Foto Australien Im Sommer 1997 kam Susanne (Name geändert); und meine Überzeugung, allein zu reisen geriet vorübergehend ins Wanken. Drei Wochen tourten wir gemeinsam durch Südafrika und Namibia. Ihre Kameradschaft, ihr Verständnis und ihre Toleranz zeigten mir neue Wege. Sie öffnete mir die Augen, dass Reisen zu zweit doch mehr Spaß machen kann als alleine. Dass die oben anführten Argumente allenfalls aus Sicht desjenigen Bestand haben, der nichts anderes kennt. Wenige Tage nach ihrer Abreise spürte ich, dass sie mein Unterstes zuoberst gekehrt hatte.

Von einem Tag auf den anderen war ich nicht mehr allein unterwegs, sondern einsam ...

Nach einigen Jahren 'Durststrecke' - sowohl was Reisen als auch Partnerschaften angeht - hat sich meine innerste Überzeugung jedoch wieder Platz verschafft. Fast noch mehr als vor dem Intermezzo mit Susanne bin ich davon überzeugt, dass allein Reisen doch das Richtige ist. Für mich! Aber jeder darf diesen Punkt gerne für sich selber entscheiden!


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Was ist das Besondere an Langzeitreisen?

Mexiko, Mai 2015

Definition

Bei der Frage nach Langzeitreisen sollten wir erst einmal die verschiedenen Arten des 'Wegfahrens' klären: den regelmäßigen Wohn-/Arbeitsort verlassen für:

  • 2 bis 4 Tage → Wochenendtour
  • 2 bis 6 Wochen → meist Urlaub (Erholung); auch Reise (Erkundung von Neuem im Vordergrund)
  • 1 bis 12 Monate → Reise
  • 12 Monate bis 'lebenslänglich' → Langzeit-Reise

Solltet ihr euch mit dem Gedanken tragen, euren regelmäßigen Aufenthaltsort für ein Jahr oder mehr zu verlassen, sind einige Punkte zu klären, die bei anderen Reisetypen nicht oder nicht in diesem Maße zu bedenken sind. Bei einigen Punkten werdet ihr gar nicht drumherum kommen, euch intensiv Gedanken zu machen.

Wie immer, wenn ihr die ausgetretenen Wege des 08/15-Lebens verlassen wollt, solltet ihr von euren Mitmenschen wenig Verständnis und noch weniger hilfreiche Tipps erwarten. Sie kennen nichts anderes! Aber es ist euer Leben! Und ihr würdet euch vermutlich nicht mit dem Gedanken einer längeren Auszeit tragen, wenn ihr euer bisheriges Leben bis zum Nimmerleinstag weiterführen wolltet. Daher kann ich euch zu dem Schritt, den ihr ins Auge fasst, nur beglückwünschen! Lasst euch in euren Plänen von niemandem kirre machen!

Je besser die vielschichtigen Aspekte einer Langzeitreise von vornherein bedacht sind, desto entspannter könnt ihr dann auch losziehen - und das Leben unterwegs in vollen Zügen - und an leeren Stränden - genießen.

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nach oben Arbeit kündigen?

Der erste - für die meisten von uns wichtigste - Aspekt bei Langzeitreisen ist das Verhältnis zum Brötchengeber. Meist ist bzw. war der Langzeitreisende ja abhängig beschäftigt. Selbstständige und Geschäftsführer (CEO) werden selten eine derart lange Auszeit nehmen können bzw. wollen. Und nur ganz wenige von uns haben ein derart gut gefülltes Bankkonto, dass sie sich über das Geldverdienen keinerlei Gedanken (mehr) machen müssen. Sei es vor, nach oder auch während der Tour. Bleibt also die werktätige Bevölkerung. Bei kürzerer Reisedauer werden die abhängig Beschäftigten (Arbeiter und Angestellte) meist vor der Frage stehen: kündigen oder viele Überstunden ansammeln. In manchen Arbeitsverhältnissen mag ein Sabbatical eine Option sein - oder eine verlängerte Elternzeit. Bei längerer Reisedauer (meist über 1 Jahr) bleibt meist doch nur die Kündigung.

Gegen dieses Wort hegen viele Deutsche eine unüberwindbare Aversion! Einen unbefristeten Arbeitsplatz freiwillig aufgeben - kommt gar nicht in Frage! Daher bleiben meist nur zwei Abschnitte im Leben, in denen man sich den Traum einer Langzeitreise erfüllen könnte:
  • vor dem Eintritt ins 'Berufsleben' → zwischen Studium / Ausbildung und Festanstellung
  • nach Beendigung des 'Berufslebens' → bei Eintritt ins Rentnerleben

Die durchaus mögliche Option, das Berufsleben für eine Langzeitreise zu unterbrechen, nutzen außerordentlich wenige. Im Alter von - sagen wir - 30 bis 50 Jahre stehen für das Gros der Menschen eben Familie, Karriere oder Häuslebauen im Vordergrund. Dabei bieten gerade die 'mittleren Lebensjahre' ideale Voraussetzungen für eine längere Reise:
  • die finanziellen Engpässe von Ausbildung / Studium sind überwunden; eine gewisse finanzielle Sicherheit ist erreicht;
  • körperliche und geistige Gesundheit sind noch weitgehend intakt; wir sind fit und leistungsfähig;
  • die Möglichkeiten des beruflichen Neuanfangs nach Reiseende sind im Alter unter 35/40 Jahren deutlich besser als in späteren Jahren; (abhängig vom erlernten Beruf);
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nach oben Familie/Kinder?

Der nächste - vielleicht noch wichtigere - Aspekt für bzw. wider eine Langzeitreise ist die Familie. Dass sich beide Partner die Reise aus tiefstem Herzen wünschen, ist natürlich Grundvoraussetzung. Idealerweise sollten beide schon eine gemeinsame Tour "bestanden" haben. Die partnerschaftliche Harmonie wird auf Reisen neuen und weit härteren Belastungsproben unterworfen als zu Hause. Auf Monate oder Jahre hinaus 24 Stunden täglich auf kleinstem Raum zusammenzuleben, zwar mit dem größten Vorgarten der Erde, aber ohne jede Privatsphäre oder Möglichkeit, sich zurückzuziehen ... das will im wahrsten Sinne des Wortes gelernt sein! Nicht wenige Beziehungen zu Hause glücklich verheirateter Menschen gingen unterwegs in die Brüche!

Der nächste Aspekt sind die Kinder. In Deutschland besteht im Prinzip Schulpflicht, also die Langzeitreise in den Schulferien unternehmen? Schlecht möglich. Aber es gibt (so wurde mir glaubhaft berichtet) Mittel und Wege, die Kinder unterwegs selbst zu unterrichten. Ganz legal! Für die Kids selber gibt es wohl keine bessere Lehrstube als die Länder unterwegs! Fremdsprachen? Lernen die Kleinen in Windeseile, während sie mit ihren neuen Freunden vor Ort herumtollen. Dass dabei auch die Eltern einen schnelleren und innigeren Kontakt zu Einheimischen bekommen, liegt auf der Hand.

Natürlich werden die Eltern einige Zugeständnisse bezüglich Reiseumgebung, -planung und -geschwindigkeit machen müssen. Aber jede Familie, die ich unterwegs traf, schwärmte in Jubeltönen über das Reisen mit ihren Kindern. Das höchste war eine deutsche Familie, die mir in Südafrika über den Weg fuhr, deren Kinder allesamt unterwegs zur Welt gekommen waren (!) und deren größte inzwischen zu Hause ins Internat ging und sie bei jeder Möglichkeit unterwegs besuchte. Auch bei meinen zahlreichen beruflichen Auslandseinsätzen lernte ich die Kinder der Bauleiter und der langzeitig vor Ort lebenden Kollegen als weltoffen, tolerant und ungemein gebildet kennen. Manche sprachen als 10-jährige schon vier bis fünf Fremdsprachen fließend. Ich denke, man kann einem jungen Menschen keine bessere Ausbildung mit auf den Weg geben, als ein paar Jahre Leben im Ausland!

Kids sind also - bei ordentlicher Vorbereitung - kein Grund, sich gegen eine Langzeitreise zu entscheiden. Ganz im Gegenteil! Und wenn die Kleinen noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, macht das alles nur einfacher.

Wie das Reisen mit Kindern in der Praxis abgeht, davon könnt ihr euch - neben anderen Publikationen - in dem sehr lustig geschriebenen Buch Zwischen Walen und Windeln am Ende der Welt von Detlef A. Huber (ISBN 9783956322167) ein plastisches Bild machen.

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nach oben Pflege/Betreuung der Eltern?

Neben den eigenen Kindern sind in vielen Fällen auch deren Großeltern (sprich die eigenen Eltern) in die Reiseplanung einzubeziehen! Nicht dass sie mitfahren möchten, oder? Manche vielleicht doch. Dass sie sich Sorgen machen, liegt auf der Hand, sollte aber unsere Reisepläne nicht grundsätzlich vereiteln. Manche unserer Eltern werden möglicherweise in einem Alter sein, oder - während einer mehrjährigen Tour - in ein Alter kommen, in dem sie eine gewisse Unterstützung durch ihre Kinder brauchen und (stillschweigend) erwarten. Körperliche und geistige Gebrechen können sich innerhalb kürzester Zeit einstellen.

Vielleicht ist nur ein Besuch pro Monat von Nöten, vielleicht auch tägliche Pflege oder ständige Betreuung. Diese Dinge sollten im Idealfall lange vor der eigenen Reiseplanung mit dem Partner, mit Geschwistern und allen Elternteilen besprochen und geklärt sein! Das Gefühl, einen engen Angehörigen krank oder gebrechlich und ohne angemessene Betreuung zu Hause zu wissen, ist unterwegs nicht gerade ein gutes Ruhekissen. Natürlich kann im Notfall jemand nach Hause fliegen, um diese Dinge zu organisieren. Der weitere Reiseverlauf - bis hin zum kompletten Abbruch - wird davon aber mit Sicherheit beeinflusst! Besser, diese Dinge vorher berücksichtigen und möglicherweise den Reisetermin ein paar Jahre nach vorn oder hinten verschieben. Vor einem plötzlichen Auftreten solcher Dinge werden wir trotzdem nie völlig gefeit sein!

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nach oben Eigene Gesundheit ok?

Ähnliches Gewicht wie bei den vorgenannten Punkten sollten wir auf die Frage unserer eigenen Gesundheit legen! Eine Tropen­tauglich­keits­unter­suchung durch den Arzt eures Vertrauens wird zumindest ein grobes Ja/Nein abwerfen. Aber nur eine wirklich schwerwiegende Erkrankung wird das endgültige Aus eurer Reisepläne bedeuten. Selbst mit vielen chronischen Krankheiten könnt ihr - entsprechende Vorbereitung und Anpassung der Reisepläne und -modalitäten vorausgesetzt - eurem Fernweh frönen. An besten führt ihr ein offenes Gespräch mit dem Doc eures Vertrauens. Er kann euch am besten raten.

Den Doc für die Beißerchen solltet ihr dabei nicht außer Acht lassen! Nichts ist ärgerlicher und schmerzhafter als Kummer mit den Zähnen irgendwo unterwegs "im Busch"!

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nach oben Organisatorisches

Sind die Würfel endgültig gefallen, gibt's jede Menge zu organisieren. Schon das ist ein nicht zu unterschätzender Teil der Vorfreude auf die große Reise! Detaillierte Beschreibungen und Hilfestellungen werdet ihr hier allerdings nicht finden, dazu sind die Lebenssituationen wie die familiären / beruflichen / organisatorischen Hintergründe viel zu unterschiedlich. Zu vielen Punkten findet ihr Empfehlungen in der einschlägigen Reiseliteratur oder - meist aktueller - in den Reise-Foren. Denen kann man folgen. Muss man aber nicht (Stichwort Versicherungen)!

Es folgen daher nur kurze Stichpunkte zu Bereichen (alphabetisch sortiert), die Ihr nicht ganz außer Acht lassen solltet.
  • Abmeldung am Wohnort: sinnvoll? KV-Pflicht! TV-Gebühren! Passersatz? Vertretung vereinbaren (Familie? notar.Vollmacht!); Nachsendeauftrag nur 6 Monate gültig!)
  • Computer: Datensicherungskonzept (cloud oder ext.HD)! Notfallplan für Computer-Crash! Online Bezahlung einrichten und testen!
  • Dokumente: Gültigkeit Pass! Zweitpass beantragen (in D möglich!) Intl. KFZ- und Führerschein erforderl.? Fahrzeug abmelden (Zweitkennz.)? Kopien aller wichtigen Dokumente in der cloud oder auf dem Smartphone sichern.
  • Fahrzeug / Reisemittel: Fahrzeug bei Abfahrt tiptop! Werkstatt-Verzeichnis online? Ersatzteilversand weltweit möglich (z.B.ADAC)!
  • Finanzen: Unerwartetes über Tagesgeld o.ä. abdecken! Genügend Reserven! Online-Banking klären + testen! Gebühren bei Bargeldabhebung über Kreditkarten betragen bis zu 10%! Notgroschen (Bargeld) an Bord!
  • Gesundheit: Impfungen! Tropentauglichkeitstest? Zahnarzt! Medikamente für unterwegs (ohne Notwendigkeit für Lagerung im Kühlschrank); Braucht ihr regelmäßige Medikation, Bestätigung des Arztes mitführen (Medikamente gelten in vielen Ländern als Drogen und man kommt schnell in Erklärungsnot);
  • Karten/Navi: Papierkarten! NAVI-Updates und -karten! Papier-Reiseführer! Verzeichnis Nachtplätze (ioverlander u.ä.)
  • Versicherungen: weniger ist mehr, aber die richtige! Kleingedrucktes lesen!!!
     • Krankenversicherung (Auslands-KV üblicherweise nur für 3-6 Monate gültig! Weltweite KV z.B. über BDAE  oder HANSE-MERKUR ) möglich; Beitragssteigerungen bei 'höherem Alter' (oft ab 60/65) abklären.
     • Fahrzeugversicherung (Haftpflicht ist meist vor Ort abzuschließen; Kasko-Versicherung IMHO nicht sinnvoll; )
     • Rechtsschutzversicherung (Auslands-RV evtl. sinnvoll)
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Sind alle organisatorischen Hürden gemeistert und ihr tatsächlich auf Achse, ist es weiter ratsam, ein paar Dinge im Hinterkopf zu behalten!

nach oben Ist 'Reisen' alleine genug?INFO

Achtzig Prozent des Reisens besteht aus Warten. Steht im Lonely Planet geschrieben. Ist zwar in erster Linie auf Rucksackreisende gemünzt, aber auch der Fernreisende im eigenen Fahrzeug wird einige Stunden / Tage / Wochen mit Warten verbringen (müssen)! Die Zeit, bis das Visum ausgestellt, bis das Ersatzteil aus Deutschland eingetroffen ist - oder was auch immer. Wäre es da nicht toll, wenn wir eine Ablenkung hätten, etwas, um die Zeit zu füllen. Um die Zeit totzuschlagen (was aber arge Verschwendung wäre)?

Eine gelungene Reise sollte - ganz abgesehen von gelegentlicher Warterei - einen gehörigen Anteil Abwechslung aufweisen! Klar, jede Stadt schaut anders aus als die vorherige, jede Landschaft hat wieder Neues zu bieten. Doch sind wir mal ehrlich! Nach der zehnten Stadt im spanischen Kolonialstil, nach dem zwanzigsten Thai-Tempel tun wir uns schwer, vor lauter Begeisterung Luftsprünge zu vollführen. Drei, vier Wochen am Stück mag das mit den Sehenswürdigkeiten tagein tagaus gut gehen, aber irgendwann - individuell ganz unterschiedlich - brauchen wir Abstand. Mentalen Abstand. Müssen die Eindrücke verdauen! Müssen in unserem Hirnkastl Platz schaffen - Platz für neue Eindrücke.

Oder würden liebend gerne einfach 'mal etwas ganz anderes' tun.

Und nun? Düsen wir schnell mal in ein fernes Land? Nur der Abwechslung halber? Oder nach Hause? Oder gehen wir zwei Wochen in ein All-Inclusive-Resort? Das könnt ihr natürlich machen wie ihr wollt. Ich möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass die meisten von uns einen gewissen Gegenpol zum täglichen Reisen brauchen! Abwechslung eben. Urlaub vom Reisen, wenn ihr so wollt. Den sollten wir auch ganz konkret in unsere Reisepläne einplanen! Ein paar Tage/Wochen am Strand (wenn euch so etwas gefällt), ein gutes Buch lesen, in den Bergen wandern gehen oder das Nachtleben in einer Stadt genießen. Wonach euch ganz persönlich eben der Sinn steht! Und beim nächsten Mal wieder etwas ganz anderes!

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nach oben Hochs und Tiefs: auch unterwegs!

Leben ist schön. Reisen noch viel schöner! Meistens jedenfalls.

Zu erwarten, dass unterwegs Alles und Jedes ausnahmslos Friede, Freude, Eierkuchen ist, das ist die beste Voraussetzung dafür, enttäuscht zu werden! Klar, wir werden mit einer grenzenlosen Vorfreude und Begeisterung zu unserer Tour aufbrechen. Die ersten Tage und Wochen werden wir ein Hochgefühl auskosten können, dass dem berühmten »Flow« näher kommt als irgendetwas sonst. Dass das allerdings jahrein, jahraus so bleibt, wäre wohl ähnlich vermessen, wie zu sagen "In Bayern scheint jeden Tag die Sonne!"

Vor den Schattenseiten des Reisens werden wir ebenso wenig gefeit sein wie vor den Schattenseiten des Lebens. Das Leben geht auch auf Achse weiter. In anderer Intensität, auf anderer Wellenlänge, mit anderer Achtsamkeit. Doch nach wie vor ist es 'Leben'. Mit Hochs und Tiefs! Mit Himmelhoch Jauchzen, mit zu Tode betrübt sein.

"Je besser, je offener, je freudiger wir auch die negativen Seiten des Reisens akzeptieren, desto mehr Freude werden wir nicht nur am Reisen haben, sondern schlussendlich auch am Leben." Diese - ein wenig erweiterten - Worte des Philosophen Wilhelm Schmid  kann ich nur unterstreichen!

Jeder, der über längere Zeit unterwegs war, wird euch bestätigen, dass nach den ersten drei, vier Monaten der erste 'Durchhänger' kommt. Null Bock mehr auf Reisen! Zeitpunkt - und Dauer - sind zwar individuell ganz unterschiedlich, aber das Auftreten so sicher wie das Amen in der Kirche. Alles hinzuwerfen ("Reisen macht eh keinen Spaß!"), sich Vorwürfe zu machen ("Was habe ich mir bei der Kündigung nur gedacht?") wäre in einem solchen Moment ebenso wenig zielführend wie der überstürzte Kauf des Rückflugtickets. Spätestens nach einer Woche im vertrauten Umfeld würdet ihr den spontanen Entschluss wieder bereuen!

"Jetzt gönne ich mir erst einmal 'was ganz Besonderes!" wäre dagegen ein oft hilfreicher Ansatz. Einfach mal 'ne Woche Pause! Mal richtig lecker Essen gehen, den Campingplatz für eine Nacht gegen ein 5-Sterne Hotel tauschen, die Fahrerei für zwei Wochen am tropischen Palmenstrand unterbrechen ... Abwechslung! Raus aus dem Reisealltag! Etwas tun, wofür sonst keine Zeit, keine Lust oder kein Geld da ist. Schon werdet ihr sehen, wie schnell ein solcher Durchhänger Schnee von gestern ist. Schon geht's mit regenerierter Freude weiter.

Solche Stimmungen bleiben dem Kurzzeitreisenden meist erspart, dem Urlauber sowieso. Und der Langzeitreisende wird lernen, damit umzugehen. Ganz wie zu Hause, nur mit weit besseren »Heilungschancen«!

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nach oben Mit welchen Kosten ist zu rechnen?

Die schwierigste Frage zum Schluss. Allerdings werde auch ich dabei eine verlässliche Antwort schuldig bleiben müssen. Es gibt einfach keine 'Hausnummer', mit der ihr (auch nur überschlägig) die Kosten einer Langzeitreise auf den Punkt bringen könnt! Etwas wie "Soundso viele Euro (oder Dollar oder Peso) pro Tag werdet ihr brauchen." Sorry.

Grafik Eure Art zu Reisen, eure Ansprüche, wieviel Kilometer ihr im Jahr fahrt, in welchen Regionen ihr unterwegs seid, mit welchem Fahrzeug ihr reist, welche Ziele ihr ansteuert, all diese Unterschiede sind viel zu groß, als dass ich - oder jemand anderes - auch nur einen annähend passenden 'Richtwert' angeben könnte. Jede einzelne eurer Vorlieben und Entscheidungen schlägt auf die Reisekosten durch - mal mehr, mal weniger!

Von anderen Reisenden - ebenfalls mit dem eigenen Fahrzeug und für mehrere Monate bzw. Jahre unterwegs - habe ich Zahlen gehört, die von 20EUR/Tag bis 500EUR/Tag reichen. Die Spanne ist also gewaltig! Genau genommen müsste man obendrein bei jeder genannten Zahl angeben, welche Kosten genau enthalten sind (Fixkosten in der Heimat? Auf wie viele Personen gerechnet? Kosten bei Heimataufenthalten inkludiert? usw. usw.). Jede Zahl, die ihr hört ist richtig (aus Sicht dessen, der sie euch nennt) - und jede Zahl ist falsch (für EURE Art zu reisen)!

Grafik So sind auch die Zahlen, die das Magazin EXPLORER  in seiner Ausgabe 'Winter 2015/2016' veröffentlicht mit Vorsicht zu genießen, da die Rahmenbedingungen nicht klar aufgelistet sind. Bei einigen Zahlen sind die Kosten der Verschiffungen nicht enthalten, bei anderen fehlen die fixen Heimatkosten. Wiederum andere Durchschnittskosten basieren auf (aus meiner Sicht) wenig realistischen Kilometerleistungen.

Wollt ihr nicht nur eine sehr ungefähre Hausnummer, werdet ihr euch daher schon die Mühe machen müssen, eure eigene Kostenrechnung aufzustellen. Ein Tabellenkalkulationsprogramm ist dabei ausgesprochen hilfreich. Auch, um mögliche Varianten durchzuspielen. Aber mal ganz ehrlich: wirklich verlassen würde ich mich nur auf das, was ich selber berechnet habe und wovon ich weiß, welche Voraussetzungen zu Grunde liegen, was außenvor geblieben ist und mit welchen Unschärfen die Annahmen behaftet sind. Unterm Strich ist es euer Geld, das im unpassendsten Moment zur Neige geht!

Was ich euch dazu an Hand geben kann, ist eine Art Gliederung, ergänzt durch einige Anmerkungen. Die Gliederung hat sich gut bewährt, sowohl bei der Planung als auch beim Führen des 'Kassenbuchs' (oder auch 'Logbuchs'), das ich unterwegs penibel pflege (ist zu 80% automatisiert und kostet nur ein paar Minuten Zeit pro Woche; mehr dazu rechts).

Gliederung Kosten (Beispiel):

Kennung Sache/Dienstleistung o.ä. Anmerkung
1 Fahrzeug Alles, was mit dem Fahrzeug zu tun hat ...
1.01 Treibstoff Großer Kostentreiber; abhängig vom Fahrzeug und Kilometerleistung
1.02 Öle -
1.03 Wartungsarbeiten -
1.04 Reparaturen -
1.05 Änderungen/Anbauten -
1.06 Steuern/Versicherungen Nur fahrzeugbezogene Versicherungen (Haftpflicht-/Kasko- etc.)
1.07 Verschiffungen/Fähren Ebenfalls großer Kostentreiber
1.08 Straßenmaut/Parkgebühren -
1.09 Ersatzteile -
1.10 Kabine/Wohnteil Optimierungen -
1.11 Wasserversorgung Trinkwasser ist nicht überall kostenfrei
1.12 Elektro-/Gasversorgung Strom auf dem Camping; Füllung Gasflaschen o.ä.
1.13 Anderes Alles, was nicht unter 1.01 ... 1.12 fällt
1.14 Abschreibung Falls ihr den Wertverlust des Fahrzeugs berücksichtigen wollt/müsst
2 Persönliches Alles was mit der/den Person(en) zu tun hat ...
2.01 Verpflegung (intern) Vorräte und Zutaten zum Selberkochen
2.02 Verpflegung (extern) Auswärts Essen gehen u.ä.
2.03 Kleidung -
2.04 Unterkunft Hotel, Hostal, Campingplatz etc.
2.05 Bücher, Zeitungen -
2.06 Flüge, Schiffspassagen -
2.07 Unterhaltung -
2.08 Gesundheit (Impfungen, Medikamente) -
2.09 Visa, Genehmigungen -
2.10 Taxi, Bus, Eisenbahn -
2.11 Eintritte -
2.12 Souvenirs -
2.13 Fremdsprachen -
2.14 Persönliche Versicherungen Kranken-, Haftplicht-, Rechtsschutz-Vers.
2.15 Anderes Alles, was nicht unter 2.01 ... 2.14 fällt
3 Organisatorisches Alles, was unabhängig von Fahrzeug und Personen anfällt ...
3.01 Kommunikation Telefon, email/web-Provider u.ä.
3.02 Internetzugang -
3.03 Kreditkarten Jahresgebühren; Geb. für Auslandseinsatz
3.04 Geldtransfer Gebühren beim 'Geldziehen' am ausländischen Geldautomaten
3.05 Landkarten, Führer -
3.06 Vertretung zu Hause falls ihr einen 'Statthalter' beauftragen müsst
oder eine Firmenadresse benötigt ('digitale Nomaden')
3.07 Mitgliedschaften ADAC, BDAE o.ä.
3.08 Anderes Alles, was nicht unter 3.01 ... 3.07 fällt
4 Organisierte Ausflüge, Exkursionen Alles, wo man nicht mit dem eigenen Fahrzeug hinkommt ...
4.01 Flüge -
4.02 Schiffspassagen -
4.03 Bus, Taxi, Eisenbahn -
4.04 Unterkunft -
4.05 Verpflegung (ext.) -
4.06 Unterhaltung -
4.07 Eintritte -
4.08 Souvenirs -
4.09 Anderes Alles, was nicht unter 4.01 ... 4.08 fällt
5 Heimataufenthalte Wenn's mal wieder in die Heimat geht ...
5.01 Flüge -
5.02 Schiffspassagen -
5.03 Bus, Taxi, Eisenbahn -
5.04 Unterkunft -
5.05 Verpflegung (ext.) -
5.06 Unterhaltung -
5.07 Eintritte -
5.08 Souvenirs -
5.09 Anderes Alles, was nicht unter 5.01 ... 5.08 fällt
6 Ausrüstung Ausrüstung, die ja oft für die nächste Tour weiterverwendet werden kann ...
6.01 Computer Hardware -
6.02 Computer Software -
6.03 Foto, Video -
6.04 Camping -
6.05 Sport -
6.06 Expeditionsausrüstung -
6.07 Elektrik/Elektronik -
6.08 Werkzeuge, Maschinen -
6.09 Anderes Alles, was nicht unter 6.01 ... 6.08 fällt

An Hand dieser Gliederung könnt ihr die Kosten halbwegs abschätzen. Ich weiß, das ist unter'm Strich eine Menge Arbeit. Aber: je genauer euer Finanzplan ist, desto unbeschwerter könnt ihr später reisen - in der Gewissheit, keine großen Brocken übersehen zu haben. Fast noch wichtiger: ihr könnt vor Antritt der Reise abschätzen, ob es überhaupt passt! Nichts ist ärgerlicher, als voll frischem Elan auf Weltreise zu gehen und nach einem halben Jahr feststellen zu müssen, dass längerfristig doch die Finanzen nicht ausreichen!

Mit der einmaligen Zusammenstellung der Kosten ist es leider noch nicht ganz getan: falls ihr mehrere Jahre unterwegs sein wollt, macht eine jahresmäßige Auflistung durchaus Sinn. Zum einen werden sich die Kosten ändern, wenn ihr in unterschiedlichen Regionen unterwegs seid, zum anderen ist bei einer Reisedauer von - sagen wir - fünf Jahren aufwärts, die Inflation ein Faktor, den ihr nicht vernachlässigen solltet. Ihr werdet überrascht sein, wie schnell sich zehn Euro heute zu fünfzehn oder zwanzig Euro wandeln!

Zum Schluss bleibt die Frage aller Fragen: "Ich weiß jetzt zwar, was das alles in Deutschland/Europa kostet. Aber was kostet es unterwegs?" Diese Frage zu beantworten ist nicht einfach! Genau genommen müsstet ihr die statistischen Warenkörbe unterschiedlicher Länder vergleichen und daraus einen Korrekturfaktor ermitteln, der die Lebenshaltungskosten der einzelnen Länder im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten in Deutschland/Europa abbildet. Ein beliebig zeitintensives Unterfangen!

Ich habe mir die Sache ein wenig vereinfacht und sogenannte Regional-Faktoren 'rf' (nenn ich jetzt mal so) eingebaut. Im Grunde nichts anderes als ein stark vereinfachtes Verhältnis der Lebenshaltungskosten in unter­schiedlichen Weltregionen. Für Europa bzw. Deutschland steht da beispielsweise 'rf = 1,0' (ist ja unsere Berechnungsbasis). Die Zahlen für die anderen Regionen lauten dann in etwa:

  • Nordafrika: rf = 0,8
  • Südafrika: rf = 0,9
  • Nordamerika: rf = 1,1
  • Mittelamerika: rf = 0,7
  • Südamerika: (Norden): rf = 0,8
  • Südamerika: (Süden): rf = 1,0
  • Ostasien: rf = 0,9
  • Zentralasien: rf = 0,8
  • Australien/Neuseeland: rf = 1,1
  • Ozeanien: rf = 1,2

Diese Zahlen allerdings sind mit jeder Menge Vorsicht zu genießen, und ebenso wie unser ganzes Zahlenwerk abhängig von der Art zu Reisen! Insbesondere abhängig davon, welchen Anteil die Treibstoffkosten an der Gesamtrechnung haben. Während die reinen Lebenshaltungskosten in Regionen wie z.B. Mittelamerika erheblich günstiger liegen als in Europa (sagen wir bei rf = 0,3) liegen die Treibstoffpreise nur wenig darunter (sagen wir bei rf = 0,8). Im Mittel also rf = 0,675 (wenn wir von 75% Treibstoffanteil und 25% Lebenshaltungskosten ausgehen). Da aber die Treibstoffkosten einer der größten Kostenfaktoren sind (abhängig vom Fahrzeug) macht es durchaus Sinn, diese Kosten separat zu betrachten und mit einem eigenen Regionalfaktor zu belegen. Diesen könnt ihr recht zuverlässig auf Vergleichsportalen wie etwa www.benzinpreis.de  nachschlagen. Die Faktoren für die reinen Lebenshaltungskosten sind hingegen erheblich aufwändiger zu ermitteln (Warenkörbe; s.o.), für unsere Überschlagsrechnung tun es aber die 'Pi-mal-Daumen-Werte'.

Und was machen wir nun mit den ganzen Regionalfaktoren? Nun: ihr habt ja die Kosten schon über die Jahre aufgetragen (vielleicht getrennt pro Hauptgruppen). Und sicher habt ihr einen groben Plan, wann ihr welche Ecke der Welt bereisen wollt. Setzt also einfach die Regionalfaktoren (als Multiplikator) für die Region ein, die ihr im Jahr 20xy befahren wollt. Schon habt ihr ein 'Endergebnis', sprich die Kosten desjenigen Jahres.

Diesen Ausgaben könnt ihr nun die Einnahmen für das jeweilige Jahr gegenübersetzen. Einnahmen aus Arbeitslohn, Rente, Kapitalerträgen, Erbschaften, was auch immer (aber bitteschön nach Abzug der Steuern emoticon ...)

Nach so vielen Zahlen wird euch vermutlich der Kopf ziemlich schwirren. Aber - wie gesagt - die Kostenrechnung ist das A und O der Reisevorbereitung und später werdet ihr heilfroh sein, um jede Stunde, die ihr darin investiert habt. Und - mal ganz ehrlich - es ist ein wirklich berauschendes Gefühl, wenn sich nach ein, zwei Wochenenden - belastbar - herauskristallisiert, dass ihr mit eurem Budget ganz prima auskommt, ja sogar noch einige Reserven in der Hinterhand habt. Denn nicht nur das Leben hat immer mal wieder Unvorhergesehenes auf Lager ...

Logo Wenn die Rechnung allerdings gar zu rosig ausschaut, solltet ihr nochmal jede Zahl kritisch drehen und wenden und prüfen, ob sie realistisch ist! Bei den allermeisten von uns schaut's doch eher so aus, dass wir uns unseren Traum eher am Rande dessen erfüllen, was wir uns leisten können! Und so sollten wir auch unterwegs immer mal wieder nachrechnen, ob die Annahmen, die wir vor Jahren zugrunde gelegt hatten, auch dem ultimativen Praxistest standhalten. Das oben erwähnte Kassenbuch ist dazu von unschätzbarem Wert!

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Fußnoten:
(die Nummern führen zurück zur jeweiligen Textpassage ...)

[1] Obendrein hatte ich feststellen müssen, dass mir Kontakt mit anderen Menschen nicht wirklich wichtig war! Ehrenamtliche Tätigkeiten drehen sich aber meist genau darum: Anderen zu helfen.

[2] Meine 'Jungmemoiren', die ich auf jeder Reise überarbeitet und ergänzt hatte, tragen nicht ganz zufällig den Titel Bound To Escape! Eine Redewendung, die man in vielerlei Bedeutungen interpretieren kann! Und: jede der Bedeutungen scheint auf ihre ganz besondere Weise zu passen! 'Abwechslung', die 'Lust auf Neues', die 'Lust auf nicht Alltägliches' sind darin die Kern-Charakteristika. [Buch ist inzwischen auch als ebook erhältlich].

[3] Viele der Weißwagen-Fahrer trauen sich nur im Rahmen einer organisierten und geführten Tour ins 'wilde' Marokko. Da kommen schnell zwanzig bis dreißig Fahrzeuge zusammen! Im Nu sind dann die Toiletten verstopft, die Duschen versifft, die Abfallkörbe quellen über und die Ver-/Entsorgungsstationen sind über Stunden hinweg belegt!

[4] Entschuldigt bitte, wenn ich hier sehr pauschal urteile. Selbstverständlich gibt es sowohl unter den Weißwagen-Fahrern als auch unter den 4WD-Enthusiasten wirklich nette, freundliche und aufgeschlossene Menschen, die dem Idealbild des 'Reisenden' als Vorbild dienen könnten!

[5] Dabei kann ich mir gut vorstellen, dass sich die Allrad-Fraktion ein wenig in den Hintergrund gedrängt fühlt, angesichts der schier erdrückenden Überzahl der Weißen! Andersherum könnten die Weißen neidisch sein, dass die 4-WD-Fraktion doch viele Ziele ansteuern kann, die den Weißen zeitlebens versperrt bleiben werden.

[6] 'Natürlich' gibt es dafür Erklärungen: Geburtenstarke Jahrgänge, die gerade in Rente gehen, Babyboomer-Generation, Eine Generation, die wirtschaftlich viel erreicht hat und der es finanziell ausgesprochen gut geht, etc.

[7] Von einer 'Szene' mag ich gar nicht mehr sprechen, denn darunter versteht man gemeinhin eine kleine Gruppe von 'Sonderlingen'. Und das sind die Allrad-Enthusiasten definitiv nicht mehr!