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Corona und andere Katastrophen (Laufender Blog) ...

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Aug 20 2020

Planegg bei München (Bayern) (GPS: 48°06,320'N; 011°25,242'E)

"Erstens kommt es anders, zweitens als du denkst!" In dem Sprichwort steckt viel Wahrheit. In diesem Jahr 2020 allemal: da zaubert das Leben ein Überraschungsei nach dem anderen aus dem Hut! Überraschungseier mit bitterer Schokolade allerdings! Angefangen mit einem bösen Backenzahn, der gezogen werden musste, dann Corona mit all seinen Folgen und Einschränkungen. Nun macht auch noch die Lady Grey Kummer - teuren Kummer! Den zweiten Teil der Rundtour durch die abgelegensten Regionen Deutschlands jedenfalls muss ich in den Wind schreiben!

Zurück in die Sächsische Schweiz.

Foto Bayern Seit einigen Tagen wird das Pfeifen aus dem Motorraum lauter. Und die Gangschaltung hakt. Irgendetwas liegt in der Luft, etwas Größeres. Bis zur nächsten MAN-Werkstatt sollte ich es eigentlich schaffen, denn über weite Strecken läuft die Lady wie eine Eins. Nur im ersten und im Rückwärtsgang hakt das Getriebe.

Die Stimmung ist mächtig im Keller, als ich von Oberwiesenthal, dem bekannten Skiresort zurückrolle und sich das Getriebe nun immer schwerer schalten lässt. Wenigstens rolle ich noch. Zu dem Pfeifen gesellt sich nach einigen Dutzend Kilometern ein lautstarkes Rasseln aus dem Getriebekasten und ich habe den Eindruck, dass jeder Zahn einzeln gegen das Gehäuse hämmert. Doch weder ist Öl zu sehen noch läuft das Getriebe heiß. So schlimm kann's also nicht sein!

Foto Bayern Dennoch muss ich die Tour abbrechen! Nach dem Streichen der beiden 'Nordlandtouren' infolge Corona nun die dritte Absage dieses Jahrs! Wie frustrierend! Da nun wirklich etwas Größeres im Busch zu sein scheint, versuche ich, mich in die Werkstatt nach München zu schleppen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht: es ist Sonntag, auf den Autobahnen sind keine LKWs unterwegs und mit etwas Vorsicht sollte ich es bis in die Heimat schaffen. Mit 60km/h krieche ich die A72 und die A9 gen Süden, das Rasseln im Getriebe wird mit jedem Kilometer lauter. Zwei Staus und vier Baustellen überstehe ich, ohne endgültig liegenzubleiben. Bei jedem Schalten muss ich mächtig 'Rühren', der zweite und der vierte Gang gehen inzwischen gar nicht mehr rein. Egal, das Getriebe muss sowieso getauscht werden!

Gefühlt mit dem letzten verbliebenen Getriebezahn rolle ich in der Werkstatt ein, packe meine sieben Sachen und logiere mich in ein nicht allzu teures Hotel ein. Zwei bis drei Wochen soll die Reparatur dauern. Falls so schnell Ersatz aufzutreiben ist.

Foto Bayern Zwei Tage später habe ich Gelegenheit, bei Herr Binzer von www.lkw-getriebeservice.de  das zerlegte Getriebe zu inspizieren. Was ich sehe, verschlägt mir fast den Atem. Es grenzt an ein Wunder, dass es so lange gehalten hat. Wobei ihm die letzten 400 Kilometer auf der Autobahn sicher nicht zuträglich waren! Im Innern finden sich fingernagelgroße Metallkrümel, die Zahnräder des ersten, zweiten und des Rückwärtsgangs zeigen Scharten und Auswaschungen, dass der Spezialist nur die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Von den Synchronringen des zweiten und vierten Gangs sind nur noch klägliche Reste zu finden. Am Schlimmsten aber schaut das vordere Lager der Abtriebswelle aus: von dem wichtigen Nadellager existieren nur noch die Nadeln, der Käfig (Kunststoff) kullert in Kleinteilen irgendwo im Öl herum. Vermutlich hat das fehlende Lager das laute Rasseln verursacht.

Foto Bayern Just diese Lager aus Kunststoff sollen nach Aussage des Spezialisten die Schwachpunkte des Getriebes sein. In früheren Baureihen seien sie komplett aus Metall und praktisch unkaputtbar gewesen. Aber im Rahmen der Einsparung ... usw. Jedenfalls sind praktisch alle Lager, die meisten Zahnräder und drei der fünf Synchronringe schwer mitgenommen. Sehr schwer. An eine (kostensparende) Überholung ist nicht zu denken! Ein komplettes Tausch­getriebe muss her! Auf die Schnelle ist das allerdings nicht zu beschaffen und das Teil von MAN kostet fünftausend Euro. Netto.

Dennoch entscheide ich mich dafür, denn jeder Tag ohne die Lady Grey schlägt auch ohne Reparaturkosten mächtig zu Buche: Hotel, Essen gehen, Tickets für den MVV. Länger als unbedingt notwendig möchte ich da nicht auf mein fahrendes Wohn- und Schlafzimmer verzichten!

Foto Bayern Natürlich stelle ich mir die Fragen "Warum?" und "Seit wann?". Derart schwere Schäden können doch nicht auf den letzten fünf- oder zehntausend Kilometern entstanden sein. Im Rückblick fällt mir ein, dass ich ungefähr seit der zweiten Runde in Südamerika ein 'Singen' vernommen hatte. Irgendwo aus der Motor-/Kupplung-/Getrieberegion. Meistens dann, wenn ich an einer Wand, einer hohen Leitplanke oder ähnlichem entlangfuhr, das den Schall reflektierte. Meine Fragen dahingehend beantworteten die Mechaniker allerdings meist mit "Wird vermutlich der Turbolader sein!". Dass auch Lager im Getriebe derartige Geräusche verursachen kann, war ihnen wohl ebenso wenig bewusst wie mir selber. Hinterher ist man bekanntlich klüger!

Foto Bayern Auffällig auch etwas anderes: gemeinhin ist der MAN L2000 im Kreis der Reisenden als 'unkaputtbar' bekannt und deshalb so beliebt. Ein Urteil, das ich bislang nur unterstreichen konnte. Als ich nun mit einigen Leuten telefoniere berichten sie mir von Fällen, bei denen der L2000 eben doch 'kaputtbar' war: in dreien davon war das Getriebe kaputt gewesen. Solltet ihr also bei eurem Fahrzeug ein 'Singen' hören, das abhängig von Motordrehzahl oder der Geschwindigkeit (sprich Abtriebsdrehzahl) ist, solltet ihr auch an das Getriebe denken! In weiser Voraussicht hat das ZF6-850 zwei Inspektionsöffnungen, an denen man einen Blick ins Innere werfen kann, ohne das Teil ausbauen- oder zerlegen zu müssen. Obendrein sollte man bei jedem Ölwechsel - genau wie beim Motor - den Zustand des Öls an der (magnetischen) Ablassschraube prüfen. Auch kleinste Späne dort sollten Anlass zu einer näheren Inspektion sein!

Apropos Ölwechsel: Laut MAN ist ein Wechsel des Getriebeöls nur alle 50.000km erforderlich. Was ich auch brav gemacht habe (inzwischen stehen 208.000km auf dem Tacho). Auf Grund der geschilderten Erfahrungen würde ich inzwischen zu einer Halbierung des Intervalls, sprich alle 25.000 bis 30.000km raten. Der Getriebespezialist von MAN ist ähnlicher Meinung. Sieben Liter Getriebeöl kosten nicht die Welt!

Nachtrag 27.08.2020: Gestern konnte ich die Lady Grey wieder anholen: sie läuft wieder wie eine Eins. Die Rechnung fiel sogar ein paar Groschen geringer aus als befürchtet: recht genau 10.000 Euronen incl. Tauschgetriebe, neuer Kupplung und neuer Andruckplatte sowie Umbau der Getriebeentlüftung auf 'TGA-Standard' [5]. Stammkunde zu sein hat eben auch Vorteile! emoticon Trotzdem klafft in der Reisekasse nun ein mächtig großes Loch!

Foto Norwegen Nachtrag 28.08.2020: Wenn ich's genau betrachte hat Corona damit auch positive Seiten gezeigt: wäre ich nämlich wie geplant nach Skandinavien gefahren, hätte mich der Getriebeschaden vermutlich irgendwo in der Nähe des Nordkaps ereilt: mitten in der 'Pampa', hunderte Meilen entfernt von einer einschlägigen Werkstatt. Sicher, auch dort hätte sich eine Lösung gefunden (die Skandinavier sind ja äußerst hilfsbereit), aber an den Stress, den Zeitaufwand, an die Transport- und möglicherweise Zollkosten für das neue Getriebe mag ich gar nicht denken. Ein weiteres Mal bin ich mit einem blauen Auge davongekommen - Corona sei Dank! Und wie hatte ich schon vor Monaten bemerkt (siehe ganz unten auf diese Seite ): "Krisen sind nicht nur Herausforderungen, sie bergen immer auch Chancen in sich!"

Aug 08 2020

Schöna bei Bad Schandau (Sachsen) (GPS: 50°52,875'N; 014°12,856'E)

Foto Deutschland Die Sonne brennt vom Himmel, dass es eine wahre Freude ist. 37°C sind für den Nachmittag angesagt. Ein weiterer Tag mit rekordverdächtigen Temperaturen in diesem rekordverdächtigen Sommer! Die Gegend lädt ein zum Wandern und Biken, die Felsformationen der sächsischen Schweiz zum Klettern und Erkunden. Bricht man morgens beizeiten auf, fließt der Schweiß später auch nur in schmalen Bächen übers Gesicht. Die Grenze zu den tschechischen Nachbarn ist nur einen Steinwurf entfernt. Ein herrliches Fleckchen Erde!

Dennoch mag sich wenig Urlaubsstimmung einstellen! Seit dem Aufbruch aus Zittau tönen unüberhörbar pfeifende Geräusche aus dem Motorraum. Gelegentlich kann ich den ersten Gang erst nach viel 'Rühren' einlegen. Und vorgestern wollte der Rückwärtsgang partout nicht mehr raus. Kein gutes Gefühl! Irgendetwas liegt in der Luft. Irgendetwas größeres. Aber sonst läuft die Lady Grey wie eine Eins!

Foto Deutschland So nutze ich die letzten kühlen - und halbwegs entspannten - Tage zu ausgedehnten Wanderungen und Erkundungstouren in die umliegenden Sandsteinklippen. Eines der Highlights ist die Tour durch die Edmundsklamm und die Wilde Klamm, beide schon drüben im tschechischen Teil des Nationalparks. Allein bin ich dort allerdings nicht: einige tausend Tschechen und mindestens ebenso viele Deutsche hatten die gleiche Idee und nutzen die schattigen Schluchten, um der sommerlichen Hitze zu entfliehen. Wo soll man denn auch hin in diesem Corona-Sommer, in dem an Reisen über die Landesgrenzen hinaus kaum zu denken ist?

Foto Deutschland Zwar hat sich die Situation in den letzten Wochen leicht entspannt, die Zahl der Infizierten hat sich drastisch reduziert und manche Länder haben sogar ihre Grenzen wieder geöffnet. Doch bei weitem nicht alle! Nach der Absage der Irland/Schottland-Tour im Frühsommer muss ich schweren Herzens auch die Tour nach Skandinavien ad acta legen: allenthalben sind zwei Wochen Quarantäne obligatorisch - und in Quarantäne saß ich dieses Jahr lange genug! Also mache ich eben, was machbar scheint: Reisen innerhalb der Landesgrenzen, ganz wie Herr Söder vorgeschlagen hat. Nur eben nicht in den Bergen, nur eben nicht in Bayern, denn dort tummelt sich im Moment ganz Deutschland! Sondern in den Regionen 'abseits', da wo freiwillig - fast - keiner hinfährt!

Foto Deutschland In Nordhausen am Harz, in Köln und in Hamburg hatte ich schon Wochen im Voraus Treffen mit Freunden und Bekannten vereinbart. Tiefere, fast schon philosophische Einsichten kommen dabei zum Vorschein; auch eine Menge aufregender Fotos. Alles maskenbefreit. Ansteckungsbefreit.
weiterlesen Mehr dazu im privaten Teil ...

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Eine Region, die dem Vernehmen nach recht hübsch sein soll aber in meiner Sammlung völlig fehlt ist die deutsche Ostseeküste. Auch 'Boddenküste' genannt nach dem verwirrenden Land-/Seemix, der sich von Lübeck über Rügen bis nach Usedom an der polnischen Grenze erstreckt (und weiter bis hinauf nach Finnland).

Foto Deutschland Die Gegend ist tatsächlich sehenswert! Allerdings sind im Norden gerade Schulferien und die Menschenmassen, die wegen Corona nicht nach Mallorca, Spanien oder Italien fahren dürfen, tummeln sich am Timmendorfer Strand. Und seinen Nachbarn. Ich weiß ja nicht, wie es hier in einem normalen Jahr aussieht, aber jetzt ist es eine Mischung aus enggeparkten WoMos, leerstehenden Hotels, abstandsregulierten Strand­körben und verwaisen Cafés.

Foto Deutschland Und überall wird kassiert! Und das nicht zu knapp! Zwanzig Euro für eine Nacht auf dem Parkplatz ohne jede Infrastruktur, zwölf Euro Eintritt, um ein paar Klippen zu besehen, daneben Gebots- und Verbotsschilder allenthalben. Attraktiv ist anders! Oder wollen die Herrschaften in den verbliebenen Sommerwochen etwa die Verluste des Frühjahrs wettmachen, als niemand herkommen durfte? Jedenfalls picke ich mir nur die wichtigsten Highlights heraus und versuche - wieder einmal - Land zu gewinnen. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Die Inseln Rügen und Usedom sind die bekanntesten, schönsten, interessantesten - und teuersten - der zwei Dutzend Eilande an der deutschen Ostseeküste. Rügen ist ja berühmt wegen seiner Kreidefelsen, viel mehr aber beeindruckt mich der Naturpark Jasmund, wo man unter dem Blätterdach jahrhundertealter Buchen stundenlang an der Küste entlangwandern kann. Der dichte und weitgehend naturbelassene Wald ist einer der größten seiner Art in Mitteleuropa.

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Einige Kilometer weiter, in Peenemünde kann man die Anfänge der Raumfahrt bewundern. Wernher von Braun kennen die meisten von uns - zumindest dem Namen nach: er war einer der Wegbereiter der Raumfahrt und in den USA maßgeblich an der Entwicklung der Saturn-Raketen und den Mondmissionen Apollo beteiligt. Seine ersten Versuche unternahm er in Peenemünde (auf Usedom), wo er für das NAZI-Regime Langstreckenwaffen entwickeln sollte: Intern hießen sie 'A1', bis 'A4' (je nach Modellreihe), Reichspropagandaminister Goebbels taufte sie flugs um in 'Vergeltungswaffe', denn in erster Linie sollten es die ersten Raketen den Briten 'heimzahlen', die ab 1942 zunehmend Bombenangriffe auf deutsche Städte flogen.

Foto Deutschland Die V1 wurde noch mit einem Katapult in die Luft befördert, die V2 hatte den ersten echten Raketenantrieb und überschritt bei Testflügen erstmals die Grenze zum Weltraum. Nach einem Dutzend, zum Teil völlig missglückten Einsätzen, war 1945 der Krieg beendet, die restlichen V2 wurden beschlagnahmt und demontiert. Und Wernher von Braun ließ sich mit mehreren Kollegen von den Amerikanern 'anwerben'. Heute kann man all das im früheren Kraftwerk - dem heutigen Museum - nachlesen und 'begreifen'. Die (recht wenigen) Exponate überraschen allerdings in ihrer Größe: unter 'Raketen' stellen wir uns gemeinhin wolkenkratzerhohe Gebilde vor; dagegen war die V2 nur etwa vierzehn Meter hoch, knappe sechs Stockwerke. Dennoch eine ingenieurtechnische Meister­leistung! Vor allem, wenn man sieht, mit welch primitiven Mitteln dort etwa die Stabilisierung der Flugbahn oder die Kühlung des Triebwerks erfolgte.

Neben dem technischen - und hoch politischen - Museum hat Peenemünde einen netten WoMo-Stellplatz direkt am Wasser, eine kurze Flaniermeile mit Buden à la 'Fish and Chips' und ein ausrangiertes sowjetisches U-Boot zu bieten. Daneben natürlich viel, viel Landschaft und nette Menschen, an deren Aussprache man sich jedoch erst gewöhnen muss! emoticon

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Eine Woche 'Touridasein' muss reichen! Vor allem wegen des rapide fallenden Pegels im Geldbeutel. Wie gesagt: alles und jedes kostet - und das nicht zu knapp! So rolle ich flugs ins Hinterland, immer dicht an der polnischen Grenze entlang, durch Mecklenburg-Vorpommern und quer durch Brandenburg in die Lausitz, bis in den allerhintersten Winkel Deutschlands: Zittau ist mein Ziel, das allerletzte Städtchen im Dreiländereck Polen - Deutschland - Tschechien.

Foto Deutschland Je weiter ich gen Süden - respektive Südosten - rolle, desto öfter grüßen zweisprachigen Ortsschilder: neben Deutsch ist Polnisch hier zweite Muttersprache: 'Bad Muskau' heißt auch 'Muzakow', 'Weißwasser' wird zu 'Bela Woda' und 'Hoyerswerda' heißt 'Wojerecy'.

Noch etwas fällt auf: die riesigen Wälder, vor allem in Brandenburg: endlose Fichten- und Pinienwälder - viele davon in verheerendem Zustand. Der vierte trockene Sommer in Folge hat die Bäume geschwächt und dem Borkenkäfer leichtes Spiel verschafft. Entlang der Feldwege türmen sich nicht enden wollende Zwischenlager mit Baumleichen - die Sägewerke sind ausgebucht, die Holzpreise im Keller. Foto Deutschland Dennoch müssen die Bäume hektarweise gefällt werden, um dem Käfer Einhalt zu gebieten: ein schier aussichtsloses Unterfangen! Bäume mit grünen Nadeln jedenfalls haben Seltenheitswert! Welch ein Unterschied zu den sattgrünen - und intakten - Laubwäldern weiter im Norden - wie auf Rügen! Die Monokulturen mit ihren industriefreundlichen - weil geraden und schnellwachsenden -, aber hoch anfälligen Fichten hat dem Klimawandel nichts entgegenzusetzen. Dennoch werden neuerlich wiederum nur Fichten gepflanzt! Ist man hier wirklich so erkenntnisresistent?

Foto Deutschland Hoyerswerda war für mich der Inbegriff von 'Hinterwäldlertum' und 'von der Gesellschaft abgehängt'. Spätestens seit der Wende wandern die Jungen in Scharen ab und suchen ihr Heil anderswo. Zu DDR-Zeiten wurde in dieser Region Braunkohle im großen Maßstab abgebaut (und wird es heute noch, jedoch in kleineren Mengen). Die Region ist zerfressen von ausgedienten Tagebaugebieten, um die sich kein Mensch kümmerte. Klaffende, hässliche, eiternde Wunden in grüner Landschaft. In den letzten Jahren jedoch wurden viele Gruben in Seen verwandelt und die Gebiete dazwischen aufgeforstet. Mühsam, Schritt für Schritt wandelt sich die Region zu einem Erholungsgebiet, erste Ansätze von Tourismus sind erkennbar - wenn auch überwiegend für Menschen aus dem näheren Umland. Selbst Industriegebiete wie die berühmte 'Schwarze Pumpe' zeigen sich nicht mehr rußversifft, sondern modern und (halbwegs) sauber. Ganz offensichtlich bemühen sich die Regierenden, das Image aufzubessern und für die Menschen eine lebenswerte Umgebung zu schaffen. Trotz allem werden sich hier wohl noch auf Jahre hin Fuchs und Hase Gutenacht sagen.

Foto Deutschland Weiter nach Osten und weiter nach Süden geht es nimmer. Zumindest in Deutschlands nicht. Zittau, die Stadt 'im hintersten Winkel' ist überraschend lebendig, gepflegt und ansehnlich. Zu verdanken hat sie das vermutlich den Grenzgängern, Polen und Tschechien sind beide nur einen Steinwurf entfernt und was bis zum Fall der Mauer sicher ein mächtiger Nachteil war, ist heute von Vorteil: eine internationale Stadt, in der das alte - nicht ausschließlich deutsche - Brauchtum liebevoll gepflegt wird.

Keine zwanzig Kilometer weiter südlich, direkt an den früheren Stacheldrahtsperren zu Tschechien erstreckt sich das malerische Zittauer Gebirge, das in seiner landschaftlichen Schönheit der sächsischen Schweiz nur wenig nachsteht. Dabei kaum bekannt und daher nicht überlaufen ist. Selbst in einem Sommer wie diesem.

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Gleich drei hübsche Kurorte schmiegen sich in die engen Täler: Jonsdorf, Oybin und Lückendorf. Dazwischen schlängeln sich nette Wanderwege über die Höhen und zwischen markanten Felsgebilden öffnen sich herrliche Ausblicke ins Tal. Eine Wanderregion vom feinsten, wo man mit ein wenig Ausdauer bis weit hinein ins frühere Sudetenland wandern oder biken kann. Schon Napoleon machte hier Rast, als er 1813 (19.August) gen Böhmen zog, sich aber schnell wieder zurückziehen musste, da ihm die verbündeten Österreicher, Schweden und Russen in den Rücken zu fallen drohten. Über Jahrhunderte führte hier der einzige Weg über das Gebirge, das den Großraum 'Preußen' von 'Österreich-Ungarn' trennte, bevor der kalte Krieg die Grenze zu einem unüberwindlichen Hindernis machte. Heute sind die Grenzen wieder offen und gut ausgeschilderte Wanderwege führen von hüben nach drüben.

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Die Felskliffe rund um Oybin und Jonsdorf kündigen es schon an: die sächsische Schweiz ist nicht weit. Tatsächlich ist es nur eine kurze Tagesetappe, die Zittau von Bad Schandau und dem imposanten Durchbruch der Elbe trennt. Ein Schlenker über Nový Bor und Decín könnte die Strecke sogar noch abkürzen. Dennoch wähle ich den längeren Weg über Neusalza-Spremberg. Zu groß erscheint mir das Risiko, 'im Ausland' hängenzubleiben.

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Seit einigen Tagen nämlich wird das Pfeifen aus dem Motorraum mit jedem Tag lauter. Und die Gangschaltung hakt. Irgendetwas liegt in der Luft, etwas Größeres. Da will ich eine gute MAN-Werkstatt 'in der Nähe' haben! Die nächste liegt in Dresden. Bis dahin sollte ich es eigentlich schaffen, denn über weite Strecken fährt die Lady Grey wie eine Eins. Nur ganz selten hakt es im Getriebe.

Dennoch ist an Urlaub nicht zu denken, die Gedanken sind tief im Getriebe der Lady Grey.

Foto Deutschland Zu den Ausflügen per Pedes und auf dem Bike muss ich mich geradezu zwingen. Glücklicherweise kann ich am Ortsrand von Schöna eine ganze Woche lang stehen, mir am kühlen Morgen die Füße vertreten und nachmittags den Bauern beim Einholen der Ernte zuschauen. Beim Mähen des Getreides, beim 'Zusammenkehren' und Pressen der Halme, beim Unter­pflügen der letzten Reste. Auch mal interessant für ein Stadtei wie mich!

Foto Deutschland Die Gedanken jedoch sind nicht bei der Sache! Zu sehr nagt die Unsicherheit am Nervenkostüm: Was ist da los? Wie weit komme ich noch? Wie teuer wird die Reparatur werden? Das Stöbern im Netz bringt mich keinen Deut weiter: zu Getriebeschäden am L2000 (ZF6-850) ist nichts zu finden, die Symptome sind (für den Laien) wenig aufschlussreich, dafür die Kosten eines Austausch­getriebes umso höher. Auch ein langes Telefonat mit der Haus- und Hof-Werkstatt in München bringt wenig Neues: ich soll vorbeikommen, dann kann der Spezialist eine Probefahrt machen ... Beruhigend klingt anders. Aber die meiste Zeit läuft sie ja, die gute alte Lady Grey.

Also werde ich einfach meiner geplanten Route weiter folgen. Vielleicht schaffen wir es ja doch zurück in die Heimat. Dann hätte ich Zeit für eine ausgiebige - allerdings sündteure - Überholung.

Apr 19 2020

LK Ostallgäu (Bayern) (GPS: 47°52,690'N; 010°44,574'E)

Foto Web Freitag, der dreizehnte März macht seinem Namen alle Ehre. Ein rabenschwarzer Tag, auch wenn am Himmel die Sonne strahlt! Nach diesem Tag ist nichts mehr wie es war! Ein neuartiges Virus namens 'SARS-CoV-2' breitet sich aus - und hebt die Welt aus den Angeln! Nicht nur die der Reisenden, aber ihre ganz besonders! Reisepläne? Makulatur! Zukunft? Ungewiss! Job? Auf der Kippe! Erspartes? Dreißig Prozent Verlust in acht Tagen! Das hat die Welt noch nicht gesehen!

Europa übt sich derweil in Solidarität: jedes Land macht, was es will. Die meisten schließen von heute auf morgen ihre Grenzen. Reisende sind keine willkommenen Gäste mehr, sondern potentielle Virenträger. Neben Italien wird Spanien am heftigsten gebeutelt, die Infektionszentren liegen in Madrid, Barcelona und im Baskenland. Dort, wo die Menschen dicht aufeinander hocken. Nach wenigen Tagen kollabiert das Gesundheitssystem, Pfleger und Krankenschwestern nehmen angeblich Reißaus, die verbliebenen Ärzte sind überfordert. In verlassenen Wohnungen Madrids findet das Militär halbverweste Leichen. Vergleiche zu den Pest- und Cholera-Epidemien des Mittelalters drängen sich auf.

Foto Web Die Lage in Deutschland scheint eine Nuance besser zu sein, auch wenn allerorten Atemmasken und Schutzkleidung fehlen. Vor allem in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen! Doch jeder stellt sich den Herausforderungen dieser nie erlebten Epidemie. Nach dem Appell der Kanzlerin haben auch die Letzten ein Einsehen und beenden ihre Corona-Partys. Distanz ist das Gebot der Stunde! 'Social Distancing' ist in aller Munde!

Foto RKI Abstand halten um jeden Preis! Es scheint die einzige Waffe gegen den neuen, unsichtbaren Feind zu sein. Medikamente sind frühestens im Sommer zu erwarten, Impfstoffe vermutlich erst Anfang nächsten Jahres! Und so steigt die Zahl der Infizierten Tag um Tag, obwohl Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben, die meisten Fabriken stillstehen und das gesellschaftliche Leben auf Null reduziert ist. Auch wenn die Einschränkungen schmerzhaft sind und mit unserer Vorstellung von Freiheit so gar nicht konform gehen mögen, habe ich den Eindruck, dass das deutsche Krisenmanagement die Lage halbwegs im Griff hat. [1]

Doch zurück nach Spanien!

Foto Web Frohgemut war ich am 06.März in Cádiz resp. El Puerto de Santa Maria eingerollt. Die Mammutetappe von Ouarzazate über Marrakech steckte mir noch in den Knochen und ich war froh gewesen, auf dem gemütlichen Camp Las Dunas einen Gang zurückschalten und ein paar der übriggebliebenen Arbeiten an der Lady Grey erledigen zu können. 'Corona' war nicht mehr als die Marke eines leckeren Biers aus Mexiko. Was sich bald ändern sollte.

Foto Spanien Am 14.März wird der nationale Notstand ausgerufen, 'Estado Alarma' genannt. Von heute auf morgen geht nichts mehr. Nichts! Nada! Die Supermärkte sind zwar geöffnet, aber die Schlangen endlos und viele Regale leer. Familien mit zwei, drei vollbepackten Einkaufswagen verlassen den 'El Paseo', Hamster­käufe: nicht Toilettenpapier, sondern Wein, Bier, Nudeln und Kartoffelchips. Die Menschen ahnen wohl, was ihnen bevorsteht! Das Verlassen der Wohnung ist nur noch in wenigen begründeten Ausnahmefällen erlaubt: den Hund Gassi führen, zum Arzt, zur Apotheke oder in den Supermarkt. Sonst nichts! Die Polizei kontrolliert rigoros. 'Lockdown' heißt das neue Unwort. Die Spanier muss er besonders hart treffen, verbringen sie doch den Großteil ihrer Freizeit in Parks oder am Strand, um den oft winzigen Wohnungen zu entfliehen, die sich oft ganze Großfamilien teilen. Nun müssen sie drinnen ausharren!

Foto Spanien Den Campern wird eine viertägige Frist gesetzt, den Platz zu verlassen. Die meisten machen sich fluchtartig auf den Weg gen Heimat, einige Hartgesottene bleiben bis zum Schluss. Einen besseren Platz zum Schutz vor Ansteckung kann man sich - eigentlich - gar nicht wünschen: die Wohnmobile auf dem halbverwaisten Camp stehen mit Dutzenden Metern Abstand und jeder hat seine eigenen Sanitäranlagen an Bord, ideale Quarantänestationen auf Rädern! Doch die Offiziellen wissen es natürlich besser und schließen rigoros. Am 25.März verlasse ich als vorletzter das sichere Domizil.

Foto Spanien Ich will die Pandemie auf jeden Fall hier unten aussitzen! Zumindest das Schlimmste. Völlig sinnbefreit erscheint es mir, den Virus kreuz und quer durch Europa zu schleppen und jedermann davon kosten zu lassen, der einem unterwegs über den Weg läuft! Weit mehr Sinn macht es doch, an Ort und Stelle zu bleiben, sich bestmöglich zu schützen (und damit die anderen) und so wenig Kontakt zu pflegen wie irgend möglich. Nach den Übungen im 'Social Distancing' am Rande der Sahara fällt es mir nicht schwer, den Abstand einzuhalten, den ich vor Wochen in einem völlig anderen Kontext eingefordert hatte. [2]

Foto Spanien Zusammen mit einem halben Dutzend weiterer Gestrandeter - Spanier, Engländer und ein türkisches Pärchen - richte ich mich auf einem weiträumigen Parkplatz direkt am Strand ein. Das hat zwar viel von 'Urlaubsumgebung': Palmen, weiter Sandstrand und ungetrübter Blick auf die Skyline von Cádiz, Urlaubsfeeling mag sich dennoch nicht einstellen! In den zwei Wochen, die wir dort stehen, fährt ein Dutzend Streifenwagen an uns vorbei - pro Tag. Manchmal auch pro Stunde. Weder die 'Guardia Civil', noch die 'Policia Local' noch die 'Policia Nacional' aber interessiert sich für uns. Erste Hoffnung keimt auf, den Notstand wirklich aussitzen zu können. Er kann schließlich nicht ewig dauern!

Foto Spanien Drei Tage vor Ostern ist's aus mit Sitzen! Irgendetwas liegt in der Luft, zum wiederholten Mal wird der - menschenleere - Strand gesäubert, die Palmen geschnitten und die Abfallbehälter geleert. Vermutlich kommt ein hohes Tier zu Besuch - da wollen sich die Stadtoberen nicht blamieren! Auch unsere winzige Kolonie muss weichen! Eine Zivilstreife mit ordentlich Lametta auf der Schulter nimmt unsere Personalien auf. Am Tag drauf weist uns eine weitere Streife recht freundlich auf bevorstehende Kontrollen hin. Auch darauf, dass es 600€ Strafe kosten wird, falls wir dann noch angetroffen werden! Strafbefehl mit Vorwarnung - hat es so etwas je gegeben? Mit aller Macht will man uns in eines der 'Notfallhotels' einquartieren, die die Regierung schon vor drei Wochen ausgewiesen hatte und die offenbar noch immer leerstehen.

Foto Spanien Dort würden wir dann dicht auf dicht sitzen, in winzigen Zimmern mit eher bescheidenen sanitären Einrichtungen! Abstand Mangelware, Ansteckung nahezu garantiert! Nicht mit mir! Lieber greife ich zu Plan 'B', auch wenn es mindestens vier Wochen zu früh dafür ist! Aber das Herumlungern ohne Möglichkeit, etwas zu unternehmen, dabei mit der steten Angst, ein weiteres Mal vertrieben - oder schlimmeres - zu werden, lässt an Entspannung nicht denken! Also: ab nach Hause. Die Fahrt wird ja mindestens eine Woche dauern, dann ist Ostern vorbei und die schlimmsten Einschränkungen könnten mit etwas Glück schon gelockert werden!

Foto Spanien Plan 'B' hatte vorgesehen, von Cádiz aus gen Osten und gemütlich an der Mittelmeerküste entlang (ohne großen Kontakt natürlich) zu rollen. Schnell muss er allerdings einem Plan 'C' weichen, als ich realisiere, wie eifrig die spanische Polizei bei den Kontrollen vorgeht: an praktisch jeder Autobahnausfahrt sowie vor und hinter jeder Stadt lauern sie. Denn: nicht zwingend notwendige Fahrten sind in ganz Spanien bei Strafe verboten!  [3]

Foto Spanien Plan 'C' führt mich hingegen problemlos über die Nordwestroute via Salamanca, Valladolid und Burgos im großen Bogen um die besonders betroffene Hauptstadt Madrid herum. Von unschätzbarem Vorteil ist die durchgehende - und kostenfreie - Autobahn, auf der ich nur eine einzige Kontrolle über mich ergehen lassen muss. Überhaupt sieht man die Sache in der Estremadura oder Kastilien weit entspannter als in Andalusien!

Beängstigend ist die Fahrt trotzdem: an einen einzigen Fahrtag überholen mich sieben (!) Leichenwagen; eine Zahl, die ich sonst in einem ganzen Jahr nicht zu Gesicht bekomme! Davon abgesehen ist die Autobahn auto- und menschenleer. Nur lange Brummi-Konvois wälzen sich nord- wie südwärts: frische Tomaten aus Portugal will man in Deutschland (und anderswo) auch in der Krise auf dem Teller haben!

Foto Frankreich Die Grenze zu Frankreich ist ein Klacks. Zwar werde ich wie erwartet kontrolliert und zeige brav mein 'Attestation Deplacement' vor, werde aber freundlich weitergewunken. Überhaupt sieht man im Südwesten Frankreichs die Lage ebenfalls recht locker: die meisten Läden sind geöffnet und kaum einer trägt Mundschutz oder Handschuhe; kein Wunder, liegt der Brennpunkt der Epidemie doch im fernen Paris bzw. in den Regionen nahe der deutschen Grenze. Sogar zwei Tage Fahrpause genehmige ich mir, halte Abstand, fasse die ersten Eindrücke der Europatour in schwierigen Zeiten zusammen und tröste mich mit dem bewährten Spruch: »Einfach kann ja jeder!«

Foto Frankreich Nach 2600 Kilometern im Eilmarsch, auf denen ich außer Autobahnschildern und Begrenzungs­pfosten wenig vom Land gesehen habe - von Leuten ganz zu schweigen -, stehe ich vor der deutschen Grenze. Geschafft, endlich 'zuhause', endlich 'in Sicherheit!'! "Die Grenzen sind bis auf weiteres geschlossen!" hatte ich allerdings schon vor Tagen erfahren.

Bei Breisach finde ich einen der wenigen geöffneten Grenzübergänge. Sehr diensteifrig erklären mir dort die Beamten, dass ich ein unkalkulierbares Infektionsrisiko darstelle - schließlich war ich ja in Afrika gewesen, in Spanien und in Frankreich - allesamt vom RKI ausgewiesene Risikogebiete! Daher müsse ich mich nun zwei Wochen lang in häuslicher Quarantäne absondern! Zur Sicherheit wollen sie mich gleich telefonisch beim zuständigen Gesundheitsamt melden, haben aber ähnlich viel Glück wie ein paar Dutzend wirkliche Corona-Fälle. Schließlich drücken sie mir ein langes Merkblatt in die Hand, welche Regeln während der Quarantäne zu befolgen sind.

Foto Deutschland Im krassen Gegensatz zu den Ermahnungen stehen ihre persönlichen Schutzmaßnahmen: keiner der Beamten trägt Mund- und Nasen-Schutz oder gar Handschuhe, bei der 'Befragung' sitzen wir Schulter an Schulter und zum Abschied will mir einer gar die Hand schütteln. Schnell zieht er sie allerdings zurück, als ich nur meinen Wei vorbringe. Ich hoffe, sie waschen sich hinterher wenigstens ordentlich die Hände! Ist persönliche Schutzausrüstung in Deutschland wirklich derart rar? In Spanien und Frankreich jedenfalls war ich keinen einzigen Gesetzeshüter ohne Atemschutz und Handschuhe begegnet. emoticon

Bemerkenswert ist auch der Verkehr auf deutscher Seite: in Spanien hatte ich außer Leichenwagen und LKW-Konvois praktisch kein Auto gesehen, im Frankreich wenige PKW mehr, aber insgesamt waren die Straßen 'menschen- und autofrei'. Gleich hinter der Grenze aber stehe ich schon im Stau! Quer durch Freiburg quält sich eine endlose Kolonne, schlimmer als in 'normalen Zeiten'. Edle Cabrios mit edel bekleideten Insassen, eng umschlungene Beifahrer*innen auf knatternden Motorrädern: jeder will das sonnig warme Frühsommerwetter zu einer Spritztour nutzen. Von Ausgangsbeschränkung, vom Verbot touristischer Reisen oder Tagesausflügen jedenfalls keine Spur!

Foto Bayern Glücklich (?) in der Heimat angekommen, stellt sich prompt die nächste Frage: die Campingplätze in der gesamten Republik sind geschlossen. Reisemobil­stellplätze dito, von Hotels ganz zu schweigen! Touristen und 'fahrendes Volk' sind selbst im eigenen Land nur potentielle Virenüberträger! Wohin also? Was sich die Regierung bei der Schließung dieser Einrichtungen gedacht haben mag, muss man nicht verstehen. Man muss nur Wege finden, es zu umgehen! Nur: In Bayern wird das noch ein wenig rigoroser durchgesetzt als in anderen Bundesländern.

Foto Bayern So bin ich mehr als froh, bei meiner Anwältin im Allgäu Unterschlupf zu finden, wo ich schon fast als Teil der Familie aufgenommen werde! Natürlich mit gebührendem Abstand und ohne große Willkommensparty, dafür mit einem riesigen Fresskorb für die nächsten vierzehn Tage!

So sitze ich in der Lady Grey, meiner 'Luxusherberge' [4] in Quarantäne und muss mich von den netten Kindern meiner Herbergsfamilie und den Nachbarn 'absondern', darf keinen Besuch empfangen und darf (eigentlich) nicht mal vor die Tür. Bei strahlendem Sonnenschein und frühsommerlichen Temperaturen fällt das zwar schwer, aber ich denke, unterm Strich hab ich's nicht allzu schlimm getroffen und den Zeitpunkt auch ganz passabel gewählt: denn Anfang Mai, wenn die persönliche Quarantänezeit zu Ende geht, sollen ja auch die schlimmsten Einschränkungen im öffentlichen Leben gelockert werden. Voraussichtlich wird man dann - sogar in Bayern - wieder Wandern, Radlfahren und die Natur genießen dürfen.

Irgendwann im Sommer werden dann auch Camping- und Reisemobilplätze wieder öffnen - und man wird durch die Lande tingeln dürfen, ohne mit einem Fuß im Kalabusch zu stehen. Abstandhalten und Menschenaufläufe meiden: das wird vermutlich auch dann noch angesagt sein, aber uns Naturfreunden und Fernreisenden sollte das doch nicht allzu schwerfallen!

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Die Zeit bis dahin werde ich nutzen, Liegengebliebenes aufzuarbeiten und alternative Pläne für den Sommer zu schmieden. Daneben bleibt auch Zeit zu Feiern! Denn das darf bei aller Aufregung nicht untergehen: heute ist ein ganz besonderer Tag! Einer, der einfach begossen werden muss:

2500 Tage auf AchseINFO

So werde ich die letzte Flasche Schampus köpfen, den Rachen gehörig desinfizieren und knapp sieben Jahre auf Achse in Gedanken vorüberziehen lassen. Es war eine herrliche Zeit gewesen - mit unglaublich vielen schönen Momenten und netten Begegnungen! Und diese Zeiten werden wiederkommen! Wenn nicht heute, dann in naher Zukunft. Wenn nicht in der gewohnten Weise, so doch in ähnlicher, vielleicht sogar besserer Art! Krisen sind schließlich nicht nur Herausforderungen, sie bergen immer auch Chancen in sich!

Wie es weitergeht, steht momentan noch in den Sternen ... oder weiß die Kristallkugel etwa mehr?

Foto Web

Fußnoten:
(die Nummern führen zurück zur jeweiligen Textpassage ...)

[1] Mit allen Maßnahmen bin ich nicht einverstanden. Vor allem stößt mir auf, dass immer nur von der Wirtschaft die Rede ist, die gerettet werden muss oder von der potentiellen Überlastung der Krankenhäuser. Von den Bürgern, von den Patienten höre ich kein Wort, auch wenn unterm Strich die Bemühungen auf ihren Schutz hinauslaufen sollen!
Was in der öffentlichen Kommunikation ebenfalls völlig untergeht - vermutlich bewusst verschwiegen wird, um die Alarmstimmung nicht zu reduzieren - ist die Anzahl von Infizierten im Verhältnis zur Einwohnerzahl! Bei 83 Millionen Einwohnern (DE) relativieren sich die 143.825 Infizierten (Stand 19.04.2020 00:00h) zu 0,1732 Prozent! Klar, jeder davon ist zu viel und die Dunkelziffer dürfte hoch sein! Aber wenn das Gesundheitssystem schon kollabiert, wenn 0,2 Prozent der Einwohner krank sind, was soll dann bei einer wirklichen Pandemie werden, wenn vielleicht ein oder zwei Prozent erkranken?

[2] Meine Anmerkungen zum Abstandhalten in der Wüste  erscheinen mir heute wie ein Déjà-vu auf die Situation 'nach Corona'.

[3] Ich hatte ein Schreiben der deutschen Botschaft in Madrid ausgedruckt, worin der spanischen Polizei die Situation erklärt und darum gebeten wird, den Touristen doch bitte weiterfahren zu lassen. Dennoch gab es zweimal lange Diskussionen darüber.

[4] Im Vergleich zu den spartanischen Zimmern in den spanischen Notfallhotels darf ich die Lady Grey durchaus als 'Luxusherberge' bezeichnen.

[5] Die serienmäßige Entlüftung des Getriebekastens ist ein daumennagelgroßer Sinterfilter, der bei Unterdruck im Kasten (Abkühlung) gerne mal Feuchtigkeit ziehen soll (Aussage des Getriebespezialisten). In der 'TGA-Version' wird an seiner Stelle ein Luftrohr zum Verteiler hinter dem Lufttrockner verlegt. Diese Variante soll den Eintrag von Feuchtigkeit ins Öl zuverlässiger verhindern.